Artikel Leben :: Natürlich Online Rituale fürs Leben | Natürlich

Rituale fürs Leben

Kategorie: Leben
 Ausgabe 07 - 2011 - 01.07.2011

Text:  Andreas Krebs

Die Gute-Nacht-Geschichte, der Brautkuss, das Anzünden einer Kerze in der Kirche oder die morgendliche Tasse Tee – durch die Wiederholung eines festgelegten Ablaufs, verschaffen sich Rituale zeitlose Gültigkeit. Sie geben uns Rhythmus, Halt und Ordnung.

Was ist ein Ritual? Das Zähneputzen? Die Gutenachtgeschichte? Das Gebet? «Wenn etwas nicht bewusst gemacht wird, ist es eine Gewohnheit», sagt der Theologe und Autor Pierre Stutz. «Erst wo Achtsamkeit dazukommt, wird etwas zum Ritual.» Während man in der Ethnologie nur von Ritualen redet, wenn die Handlung eine transzendente Perspektive aufweist, sagt Stutz: «Mit Achtsamkeit genossen, kann der Morgenkaffee zur Meditation oder zum Ritual werden.» Indes sei es der Ursinn des Rituals, mit der geistigen Dimension – dem Göttlichen – in Verbindung zu kommen, so Stutz. «Rituale sind nicht das Bemühen, Gott zu erreichen, sondern das Aufatmen, dass Gott schon in mir wohnt.»

Die Macht der Rituale

Für Stutz, der mit 38 ein Burn-Out erlitt, sind Rituale eine wichtige Lebenshilfe geworden. «Kleine, alltägliche Rituale helfen, auf meine Seele zu achten», sagt er. Und: «Rituale sind ein Akt des Widerstandes. » Heute, erläutert Stutz, sei die Gefahr gross, dass wir gelebt werden durch ein fremdbestimmtes Programm; dann verliere man den Zugang zu sich selber. «Momente der Sammlung und Zentrierung, des Innehaltens, drücken aus, dass ich nicht bereit bin, nur zu funktionieren.» Stutz’ Lieblingsritual? «Bewusst stehen und dabei tief atmen. Das kann ich immer und überall machen, etwa wenn ich auf den Zug warte oder beim Einkaufen in der Schlange stehe.» So erhalte die vermeintlich verlorene Zeit eine ganz andere Bedeutung. «Durch das bewusste, tiefe Atmen werde ich kreativer und effizienter. Das Stehen symbolisiert, dass ich gerade, stehen will für meine Stärken und meine Schwächen, dass ich zu mir stehe.»

Seit 30 Jahren zelebriert der Arzt und Psychiater Sundar Robert Dreyfus, Gründer des «Zentrums der Einheit Schweibenalp»,Pujas,  eine jahrtausendealte hinduistische Rituale, die in Indien in gleicher Form bis heute zum Leben gehören wie das Essen und Atmen. Es sei keine Frage, dass solche Rituale durch das geschaffene Feld eine ungleich grössere Kraft haben, als neu entstehende Rituale. Man komme sehr schnell in Resonanz, sagt Dreyfus und erläutert: «Das Ritual ist Träger der Quelle. Indem ich das Ritual mache, vereinige ich mich mit dieser göttlichen Präsenz. So wird sie in mir aktiv.» Das Ritual könne aber auch Träger einer dunklen Macht sein, sagt er. Es sei deshalb wichtig, dass man Rituale immer wieder kritisch hinterfrage, reflektiere und transparent mache. unseres Lebens machen.»

Das Zusammenleben ist ohne Rituale undenkbar. «Rituale sind für die Kommunikation wichtiger als Wörter für das Denken», schreibt die Ethnologin Mary Douglas. Die meisten Rituale vollziehen wir allerdings unbewusst; sie sind meist klein – aber nur scheinbar unbedeutend. Etwa die Begrüssung, eines der häufigsten Alltagsrituale. Die Art und Weise, wie wir einander begrüssen, beeinflusst den weiteren Verlauf der Begegnung. Und manchmal sogar den der Geschichte, etwa der historische Handschlag anno 1993 zwischen Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsidenten Jizhak Rabin.

Bei Tisch prosten wir uns zu, jemand hält eine Rede, alle applaudieren. Wir klatschen ritualartig im Theater oder nach Vorträgen. Vor dem Match sammelt sich das Hockeyteam im Kreis, macht sich Mut; nach dem Sieg sinkt der Tennisspieler auf die Knie und streckt beide Hände gen Himmel. Zur Geburtstagsfeier gehört der Geburtstagskuchen samt Geburtstagskerzen, die der Jubilar auszupusten hat. Manche können nicht einschlafen, ohne mit den Zehen zu wackeln, andere nicht aufstehen, bevor der Wecker zum dritten Mal geklingelt hat. Ritualartige Handlungen, wo wir hinschauen. Sie laufen immer wieder nach festen Regeln ab und sorgen so für ein sicheres Gefühl. Neben Sicherheit geben Rituale auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Deshalb hat jede Kultur und Familie, jeder Verein und Freundeskreis eigene Rituale.

Der Mensch ist nicht allein

Es gibt für praktisch jede Lebenslage und jeden Anlass leise und laute Rituale: Osterfeier, Sommeranfang, Weihnachten; 1. Mai und 1. August; Fasnacht und Streetparade. Zu den traditionellen gesellschaftlichen Ritualen gehören die Lebensübergänge wie Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Immer mehr Menschen suchen dabei nach einer Alternative zur kirchlichen Trauung. «Der Mensch von heute möchte selber entscheiden, woran er glaubt», sagt der Schriftsteller Nicolas Lindth, der seit 15 Jahren konfessionsfreie Rituale «im Namen der Liebe» durchführt. «Zu Beginn gab es ausser Pfarrern oder Theologen praktisch niemanden, der ein Trauritual gestaltete. Ich musste einige Hürden meistern, um für eine freie, weltanschaulich unabhängige Zeremonie Anerkennung zu finden.» Heute gibt es nicht nur zahlreiche Ritualgestalter, sondern auch entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten, etwa eine «Fachschule für Rituale». Aus dem Bedürfnis des Menschen nach Ritualen und seiner Abkehr von der Kirche ist ein neues Geschäftsfeld erwachsen.

Rituale sind jedoch keine Eigenart des Menschen. Säugetiere, Vögel, ja selbst Fische und Insekten vollführen oft komplizierte Kampf-, Balz- und Paarungsrituale. Und andere: Trifft ein Elefant auf den Kadaver irgendeines Tieres, bedeckt er diesen mit Gras, Zweigen oder Erde. Bei sterbenden Artgenossen verweilen Elefanten noch lange über deren Tod hinaus. Ebenso Menschenaffen, die auch sonst zahlreiche Rituale kennen, die das Zusammenleben in der Gruppe ordnen. Dies verdeutlicht die tiefen evolutionären Wurzeln der Ritualisierung.

Literaturtipps
• Pierre Stutz: «50 Rituale für die Seele», Jubiläumsausgabe Herder, Freiburg i.Br. 2011, Fr. 21.90
• Christel Langlotz und Bela Bingel: «Kinder lieben Rituale», Ökotopia Verlag, Münster 2008, Fr. 28.90
• Luisa Francia: «Der magische Alltag», Nymphenburger 2011, Fr. 29.90

Fotos: gallery stock, fotolia.com, zvg

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Tagung: Nach dem Öl

Ziel der Aspo Schweiz ist es, die Bevölkerung über mögliche Konsequenzen des...

Kategorie:

Kategorie: Leben

Lesen: Auf, zum Mond!

Unser Kolumnist Simon Libsig hat zusammen mit dem Grafiker Stephan Liechti ein...