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Mannweiber

Kategorie: Leben
 Ausgabe 07 - 2011 - 01.07.2011

Text:  Regine Elsener

Aktuell spielen Frauen in Deutschland um den Fussball-WM-Pokal. Dabei geht leicht vergessen, dass die Männer den Frauen Sport Jahrhunderte lang verboten hatten – mit abstrusen Argumenten.

Noch in den 1920er-Jahren fuhren Ärztekreise schweres Geschütz auf, allen voran ein Arzt namens Krieg, der befürchtete: « ..., dass die vermännlichte Frau das ihr ureigene Gefühl für den ihr eigensten Beruf als Frau und Mutter verliert. Das notwendig weibliche Gefühlswesen wird abgestumpft und hart, der Sinn für all die kleinen, manchmal unbedeutend erscheinenden Verrichtungen des Hauhalts gehen verloren (…), ja das echt weibliche Bedürfnis nach einem Kinde schwindet.» Weiter sollte «gegen die mutwillige Vernichtung eines Teils der Fraulichkeit (…) energisch Front gemacht werden. Durch zu viel Sport nach männlichem Muster wird der Frauenkörper vermännlicht (…). Die weiblichen Unterleibsorgane verwelken, und das künstlich gezüchtete Mannweib ist fertig.»

Indes entpuppte sich das Sportverbot schon Jahrzehnte früher als Krankheitsursache, vor allem für Bürgersfrauen. Denn das herrschende Weiblichkeitsbild propagierte Fragilität, Unterwürû gkeit und blasses Aussehen. Hier unterschieden sich die Frauen der Unterschicht ganz wesentlich: Sie lebten zwar in miserablen ökonomischen Verhältnissen, befanden sich aber – zumindest in jungen Lebensjahren – in besserer körperlicher Verfassung. Die gut betuchten, aber physisch untätigen Bürgerfrauen hingegen litten unter Rückgratverkrümmung, Kurzatmigkeit, Blutarmut – Folgen von Bewegungsmangel und der Einschnürung durch das Korsett.

Ein Zeitgenosse Werners, Heinrich Phokion Clias (1782–1854), eröffnete im Jahr 1862 eine Mädchenturnanstalt in Bern. Aber erst die gesellschaftlichen Umwälzungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts verhalfen der körperlichen Ertüchtigung zum Durchbruch: Die Industrialisierung forderte Arbeitskräfte – auch immer mehr Frauen aller sozialen Schichten. Doch grosse Arbeitsbelastungen und unhygienische Wohnverhältnisse bedrohten die Volksgesundheit massiv. Erneut forderten medizinische Kreise sportliches Tun – und zwar für die männliche und die weibliche Jugend.

Erst weit im 20. Jahrhundert galt der obligatorische Turnunterricht auch für Mädchen. Die Nazis propagierten die gesunde Frau, die gesunde Söhne zur Welt bringt: Frauen durften Sport treiben, letztlich aber vor allem um die männliche Interessen zu verteidigen.

Diskriminierung heute

Hinter der sportlichen Frau von heute liegen Kämpfe und Mühsal. Die Rollenverteilung wurde lange mit den körperlichen Unterschieden zwischen Mann und Frau begründet. Deshalb spielte auch der Sport bei der Zementierung der Geschlechterverhältnisse eine entscheidende Rolle: Er legitimierte die angebliche Unterlegenheit der Frau – und damit die Machtbeziehung zwischen den Geschlechtern. Im Spitzensport verlief die Entwicklung ähnlich. Als Baron Pierre de Coubertain im Jahr 1896 die ersten neuzeitlichen Olympischen Spiele ausgerufen hatte, waren Frauen von den Wettkämpfen ausgeschlossen: An vorderster Front standen Ärzte, um die zaghaft erstarkte Weiblichkeit in die Schranken zu weisen. Zu ihnen gesellte sich eine weitere Spezies Verhinderer: Die männlichen Funktionäre, die durch die Verbreitung sportlicher Wettbewerbe bereits etabliert waren.

Auch im Spitzensport waren medizinische und biologische Argumente ausschlaggebend für die Diskriminierung der Athletinnen. Man sprach ihnen etwa die Ausdauer ab und begründete dies mit der fehlenden Kraft. Mittlerweile gilt aus sportmedizinischer Sicht: Die Frau verfügt im Vergleich zum Mann über die grössere Ausdauerfähigkeit auf langen Strecken, weil erst dann das Fett die Energie liefert. Und in solchen Disziplinen haben die Frauen bereits Terrain gut gemacht: Läuferinnen platzieren sich immer wieder innerhalb des männlichen Elitefeldes – obwohl die weibliche Sportgeschichte viel jünger ist. Doch diese Leistungen werden teilweise noch heute relativiert. Der leichtere Körperbau und grössere Fettanteil bevorteile eben die Frau. Nur: Relativieren diese Stimmen auch den Erfolg der Leichtathleten auf den Kurzstrecken dahingehend, dass der Mann, genetisch bedingt, über rund 30 Prozent mehr Kraft verfügt?

Wie zurzeit die Frauen-Fussball-WM zeigt, sind Athletinnen im Sport heute eine feste Grösse. Doch sie sind in subtilerer Form noch immer diskriminiert. «Preisgelder für Sportlerinnen sind in der Regel tiefer – oder mussten wie im Tennis hart erkämpft werden», sagt die Ärztin und ehemalige Orientierungsläuferin Ursula Imhof, «eine der löblichen Ausnahmen ist der Triathlon, beide Geschlechter erhalten das gleiche Preisgeld.» Doch muss gespart werden, trifft es meist zuerst den Frauensport. Dass weibliche Spitzensportlerinnen nach wie vor hart um Anerkennung kämpfen müssen, illustriert auch der olympische Frauen-Marathon: Er ist gerade mal 20 Jahre alt. Und die Frauen-Fussball-WM findet heuer erst zum sechsten Mal statt.

Auch die geringere Präsenz der Sportlerinnen in den Medien ist Tatsache. «Frauensport wird häufi nur am Rande abgehandelt oder auf sexy Fotos reduziert», kritisiert Imhof gewisse Tenuevorgaben – und holt weiter aus: «Im IOC und in den Weltsportverbänden haben ab Funktionärsebene sowie in den höheren und hohen Chargen die Männer das Sagen, Frauen sind nur marginal vertreten.» Ärztin Imhof resümiert: «Die Geschichte des Frauensports ist die des gesellschaftlichen Kampfes der Frau um Gleichberechtigung.» Sie war 1992 an den Olympischen Spielen in Barcelona die erste und einzige Sportmedizinerin im Betreuerstab.

Foto: s.schmitz / flickr / cc, Marco Gomes / flickr / cc, wwarby / flickr / cc

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