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Hingabe

Kategorie: Leben
 Ausgabe 05 - 2011 - 01.05.2011

Text:  Tertia Hager

Gibt man sich dem Schmutz hin, wird das Putzen zu einer ungeahnten Sinneserfahrung. Eine Anleitung, um dem Staub mit Demut zu begegnen.

Damit das Putzen rasch und effizient von sich geht, sind die meisten Menschen zwar mit Strategien, Routine und praktischen Hilfsmitteln ausgerüstet, aber Hingabe, wie sie Thomas beschreibt, fehlt den meisten von uns. Und doch: Wir sind durchaus bereit, uns der Pflege und dem Putzen hinzugeben. Männer verbringen mühelos einen Samstagmorgen mit Putzen. Sie waschen, saugen und schrubben – ihr Auto. Mit einem vorbildlichen Eifer und akribischer Gründlichkeit gehen sie ans Werk. Und auch die Frauen geben sich alle Mühe, das Klischee zu bedienen: Wenn es um die eigene – äussere – Schönheit geht, scheuen sie keine Mühen und Strapazen. Im Fitnessstudio werden Konturen gestrafft, daheim Masken aufgetragen und Hände manikürt. Der Mensch pflegt und putzt mit Inbrunst, was ihm am Herzen liegt. Doch das ist in den seltensten Fällen der Küchenboden oder das Badezimmer. Obwohl wir ständig putzen: am Morgen die Zähne, abends den Salat. Wir spülen die Toilette. Und wir putzen uns hübsch heraus für ein Fest. Manches machen wir mit grosser Lust, etliches aus reiner Gewohnheit und vieles mit einer sträflichen Nachlässigkeit. Dabei kann man beim Sauber machen nicht nur seinen Gedanken nachhängen, es ist auch ein gutes Übungsfeld, um menschliche Tugenden wie Geduld, Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein zu schulen. Doch was nützen schöne Worte, wenn nicht nur Bad und Küche dringend eine Grundreinigung nötig hätten, sondern auch noch ein Berg schmutziger Wäsche wartet?

Der Blick in den Putzschrank macht die Misere auch nicht besser. Dort türmen sich Flaschen mit allerlei Putzmitteln, Gläser mit ominösen Flüssigkeiten, Lumpen in allen Grössen und Ausführungen. Nur Ordnung findet man dort selten. Für Katharina Zaugg, Ethnologin und Raumpflegerin, ist der Putzkasten Sinnbild unserer Einstellung dem Putzen gegenüber. Deshalb widmet Zaugg in ihrem Buch «Wellness beim Putzen» das ganze erste Kapitel dem besagten Schrank. Herrscht dort erst einmal Ordnung, sei die richtige Basis gelegt. Ob man das Putzen auch gleich noch als Wellness wahrnimmt oder als Fitnesstraining, wie die Autorin vorschlägt, soll jeder für sich entscheiden.

Zentral ist auch für Zaugg, dass man dem Schmutz und seiner Beseitigung mit einer neuen Einstellung begegnet. Putzen als Sinneserfahrung. Die Autorin rät, einmal mit geschlossenen Augen über das Email der Badewanne zu gleiten. Denn überall, wo der Lappen hängen bleibt, ist die Oberfläche nicht sauber. Zaugg empfiehlt deshalb den Tastsinn zu schulen, da die Finger beim Putzen ein verlässlicheres Instrument als die Augen seien.

Mit dem Schmutz auf Tuchfühlung

Fragen wie: Weshalb den Boden putzen, wenn der Hund und die Kinder ihn ohnehin nach kurzer Zeit wieder verdrecken, gehören fortan entsorgt. Besser man motiviert sich mit dem Gedanken an das frisch bezogene Bett oder an die aufgeräumte und ordentliche Stube. Doch der Mensch neigt gewöhnlich dazu, Unangenehmes möglichst lange aufzuschieben. Fachfrau Linda Thomas rät deshalb, mit jenem Zimmer anzufangen, das die «grösste Zuwendung» benötigt. Sie ist überzeugt, dass gerade Räume, in denen das Putzen und Aufräumen immer wieder aufgeschoben wurde, jene Orte sind, die nach beherztem Einsatz Kraft und Energie geben, um weiterzumachen. Nach der Reinigung sind sie einladend, frisch – neu beseelt gewissermassen. Aber halt. Wer jetzt einfach drauflos putzt, handelt nicht im Sinn der beiden Expertinnen. Zuerst sollte man mit dem Schmutz auf Tuchfühlung gehen: Man schaut sich den Raum genau an und überlegt sich, was man alles erledigen will. Linda Thomas hat nach dieser Methode jeweils morgens 15 Minuten in ihren Haushalt investiert. Genug, um innerlich aufgeräumt in den Tag zu starten.

Literatur
• Linda Thomas, «Putzen!?», Verlag am Goetheanum, 2011, Fr. 29.90
• Katharina Zaugg, «Wellness beim Putzen», HepVerlag, 2003, Fr. 19.90
• Erica Matile, «Vom Fleck weg», Salis Verlag, 2009, Fr. 35.90

Fotos: fotolia.com, zvg

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