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Kategorie: Leben
 Ausgabe 05 - 2011 - 01.05.2011

Text:  Thomas Widmer

An Thomas Widmer nagt der Zahn der Zeit. Und egal, wie sehr er sich auch sträubt: Alle Anzeichen deuten auf Älterwerden.

Es ist wie im Horrorfilm. In mir hockt etwas, brütet und nagt, arbeitet und wirkt. Ich spüre es, kann nichts tun, werde es nicht mehr los; ich bin hilflos. Vergesse ich es, fällt es mir wieder ein, wenn ich morgens in den Spiegel schaue und mein zerfurchtes Gesicht erblicke. Etwas passiert mit mir, und ich kann es nicht stoppen.

Ist es eine Krankheit? Ist es ein Virus. Ist es ein böser Geist? Ist es ein Alien? Und wo will es hin mit mir?

Ich rede vom Älterwerden. Es ist in vollem Gang. Mit Jahrgang 1962 bin ich nicht mehr der Jüngste, bin bereits 49. Wobei, halt! Ich habe erst im September Geburtstag, bin derzeit also 48. Und wenn ich es nun zu schätzen weiss, dass ich nicht zum Beispiel schon im Januar Geburtstag habe, so ist das Teil des Problems. Früher war es mir total egal, wie alt ich war. Heutzutage bin ich froh, dass ich eben erst 48 bin und noch nicht 49. Wie froh werde ich erst nächstes Jahr um diese Zeit sein, dass ich erst 49 bin und noch nicht 50!

Vor einiger Zeit war ich im Schuhladen. Die Verkäuferin war jung und herzig und flötete fröhlich: «Doch, Sie, diese Schuhe stehen Ihnen gut, mir gefallen die auch, mein Vater hat die gleichen.» Habe ich diese Anekdote hier schon einmal erzählt? Ich bin nicht mehr sicher. Man vergisst Dinge, wenn man altert. Kürzlich traf ich an einer Journalistenparty einen jungen Typ. «Hey, Thomas, wie läufts?», rief er. Er habe, erklärte er mir, beim Nachrichtenmagazin Facts ein Stage gemacht, und ich hätte ihm damals ein paar wichtige Dinge über das Schreiben beigebracht. Wird schon stimmen. Neun Jahre später hatte ich nicht nur seinen Namen vergessen, sondern auch sein Gesicht.

«Mit dem Alter fängt man an, sich für Countrymusik zu interessieren», singen die Aeronauten. Stimmt exakt. Früher hätte ich bei Loretta Lynns Song «Coal Miner’s Daughter» das Radio abgestellt. Heute drehe ich es lauter und singe mit. Und es gibt noch viele andere Dinge, die mir anzeigen, dass sich in mir etwas verschoben hat: Ich bin alt, weil ich neuerdings im Wirtschaftsteil der NZZ alles über Hypozinsen lese. Ich bin alt, weil ich neuerdings alte Leute mit Interesse studiere, statt sie wie früher zu ignorieren. Ich bin alt, weil ich neuerdings bei den ersten Schritten des Tages im Schlafzimmer jeden Fussknochen einzeln spüre (so ein Fuss hat enorm viele Knochen). Ich bin alt, weil ich neuerdings keine Romane mehr lese, sondern Biografien grosser historischer Personen wie Wallenstein. Ich bin alt, weil ich neuerdings das jährliche Pensionskassenblatt des Arbeitgebers nicht mehr wegschmeisse, sondern ausrechne, wie viel Geld ich im Ruhestand pro Monat zur Verfügung haben werde. Ich bin alt, weil mich neuerdings Ornithologie interessiert. Ja, etwas passiert mit mir. Ich beobachte es mit der Distanz und Reserve eines Entdeckungsreisenden, der im 17. Jahrhundert am Amazonas Indianer erblickt und sich fragt, ob es Kopfjäger sind. Das Altwerden kann mich umbringen. Ich habe immerhin festgestellt, dass darüber reden die Angst abbaut. Darüberschreiben auch – daher diese Kolumne. Deren Fazit ist klar: Man wird alt, wenn man über das Altwerden kolumniert.

Zur Person
Thomas Widmer, 48 oder 49, ist Reporter beim «Tages-Anzeiger» und schreibt dort auch die Wanderkolumne «Zu Fuss».


Foto: DoctorTac / flickr / cc

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