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Gemalte Ehrfurcht

Kategorie: Leben
 Ausgabe 03 - 2011 - 01.03.2011

Text:  Heini Hofmann

Das Mili Weber-Haus in St. Moritz erzählt vom Leben der gleichnamigen Künstlerin. Sie suchte die Antworten auf die grossen Fragen des Lebens in der Natur.

Es ist die verträumte Gegenwelt zum mondänen St. Moritz: Im Wald oberhalb des Sees, umgeben von Arven und Lärchen, steht das Mili Weber-Haus, Hort einer Kunst der leisen Töne. Unzählige Kunstliebhaber, aber auch Berühmtheiten haben das Haus besucht, von Farah Diba über den Scheich von Kuwait bis zu Charlie Chaplin. Doch wer war diese Mili Weber, die von 1891 bis 1978 gelebt hat?

Im zweisprachigen Biel wurde Berta Emilie, genannt Mili, am 1. März 1891 als Nesthäkchen in eine wohlbehütete Kindheit hineingeboren, von der sie später schwärmte: «Auf der ganzen Welt hat niemand – nein, gar niemand – solch liebe Eltern, solch gute Schwestern und liebe Brüder.» Obschon die Familie nicht auf Rosen gebettet war, bemühte sie sich, die Begabungen der Kinder zu fördern, so dass sich schliesslich vier von sechs der Malerei, Bildhauerei und Architektur verschrieben. Die Mentorin von Mili wurde ihre Halbschwester Anna, von der sie später sagte: «Sie war mein Ein und Alles. Sie war so weise und so gut.» Die um neunzehn Jahre ältere Anna war eine erfolgreiche Kunstmalerin und zugleich erste Lehrerin der Kunstgewerbeschule Biel. Obschon Mili nur den einen Wunsch hatte, es ihrer Schwester gleichzutun, liess sie sich von dieser überzeugen, zuerst einen «richtigen» Beruf zu erlernen. Also wurde sie Kindergärtnerin.

Von der Schwester gefördert

Doch es dauerte nicht lange, bis Mili zur Malerei zurückkehrte. Anna schenkte ihr Ölfarben und führte sie bei einem befreundeten Kunstmaler ein, der ihr vorausahnend prophezeite, entweder bleibe sie beim Porträt und der Figurenmalerei oder sie gehe «ins Märchen». Schwester Anna nahm sie 1912 mit nach München, wo sie selbst von einem Verlag einen grossen Auftrag erhalten hatte. Milis Mallehrer in München war ein Österreicher, herzlich und anspornend: «Sie sind a Mensch und i bi a Mensch. Sie habn ihre Auffassung. I hob die meine, i zeig ihnen nur die Fehler.»

Und plötzlich – der Sommer 1914 nahte – sprach man von Krieg. Kaum waren die beiden Schwestern nach Biel zurückgekehrt, brach der Erste Weltkrieg aus. Alles Liebliche blieb Erinnerung. Doch die Malerei ging weiter, intensiver denn je. Neben Aufträgen für Kinderporträts fing Mili an, kleine Märchenaquarelle zu malen, Elfen und Pilze mit Kindergesichtern. Der jüngste Bruder arbeitete zu dieser Zeit als Architekt bei Nicolaus Hartmann in St. Moritz, Erbauer des Segantini und Engadiner Museums sowie des Direktionsgebäudes der Rhätischen Bahn in Chur. Dies veranlasste die Familie, ihren Wohnsitz 1917 nach St. Moritz zu verlegen.

Frohe Märlein ohne Gewalt

Die Verlage, für die Anna arbeitete, wurden auch auf Mili aufmerksam, sodass auch sie Aufträge erhielt. Sie schuf neben Porträts und Aquarellen auch Malbüchlein zu den grimmschen Märchen, Wandbilder und Postkartenserien. Das von ihrem jüngsten Bruder erbaute Haus an der Via Dimlej wurde für die Malerin zum idealen Arbeitsort voller Ruhe und Inspiration. Mehr und mehr widmete sie sich der Märchenthematik und malte diese in leisen Tönen, auf ihre Weise interpretiert: frohe Märlein ohne Gewalt und Grausamkeit. Doch immer wieder gab es Zäsuren im Leben der Mili Weber, so als 1924 ihre geliebte Schwester Anna starb. Solche Schicksalsschläge, wie später auch die stillen Jahre im Engadin während des Zweiten Weltkrieges, der Tod ihres Vaters und jener des letzten Bruders, der sie tatkräftig unterstützt hatte, liessen ihr Schaffen noch intensiver werden. Davon zeugen die bewegenden Aquarelle, die tiefsinnigen Bildgeschichten, die fantasievollen Miniaturen, aber auch die Malereien, mit denen die Künstlerin Wände, Decken, Balken und Möbel, ja sogar Hausorgel und Badezimmer in eine Fabelwelt verzauberte und so ihr Haus zum Gesamtkunstwerk machte.

Ein Augenleiden verunmöglichte Mili Weber im hohen Alter zunehmend das Malen, da ein Grauschleier die Farben trübte. Doch ihr freundlich-sonniges Lächeln behielt sie, und auf die Frage, ob es sie nicht bedrücke, die eigenen Bilder nicht mehr sehen zu können, meinte sie gelassen, dass sie diese in ihrem Herzen trage. Dank einer noch zu Lebzeiten gegründeten Stiftung bleibt dieses «Kunsthaus im Wald» der Nachwelt erhalten. Still und leise, wie sie gelebt hatte, starb Mili Weber 87-jährig am 11. Juli 1978 in ihrem Märchenhaus. Ihr Gesamtkunstwerk ist und bleibt gemalte Ehrfurcht vor der Schöpfung und Liebe zur Kreatur.

Das Mili Weber-Haus an der Via Dimlej 35 in St. Moritz kann nur nach Voranmeldung besichtigt werden: Telefon 079 539 97 77

Fotos: zvg

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