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Die wilden Kerle

Kategorie: Leben
 Ausgabe 01 - 2011 - 01.01.2011

Text:  Andreas Walker

Mit viel Lärm und Tumult läuten die Bärzelibuben Anfang Januar das neue Jahr ein. Der alte Brauch wird heute nur noch im aargauischen Hallwil praktiziert.

Sie sehen urchig aus und können einem auf den ersten Blick durchaus Angst einflössen. Ihre aus Naturmaterialien angefertigten Masken und Kostüme lassen die Bärzelibuben wie Naturgeister erscheinen. Am 2. Januar, dem Berchtoldstag, punkt 14 Uhr stürmen die Bärzeli im aargauischen Hallwil aus ihrem Versteck, um den Zuschauern ihre stacheligen Neujahrsgrüsse zu überbringen. Dabei wollen sie möglichst viele Beteiligte mit ihren kratzigen Kostümen umarmen oder ihnen mit der «Söiblootere», der Schweinsblase, eins überziehen. Die Bärzeli sind 15 erwachsene Burschen aus dem Dorf. Sie tragen eine Maske, die ihr Wesen charakterisiert, sowie Lärm- oder Schlaginstrumente – «Räre» (Rätschen) oder «Söiblootere» – mit sich. Wer ihnen zu nahe kommt, wird gepackt und umarmt oder mit Wasser nass gespritzt.

Jung, ledig und kräftig

Um ein Bärzeli zu werden, muss man jung, ledig und ein Bursche sein, körperlich fit sowie Mitglied in einem Verein in Hallwil. Die Hauptfiguren sind die «vier Grossen»: zwei grün Maskierte – der «Tannreesig» und der «Stächpaumig» – und zwei dürre Gestalten – der «Hobuspöönig» und der «Straumaa». Die Kleider der «vier Grossen» werden jedes Jahr in tagelanger Arbeit von den jungen Männern selbst hergestellt. Allein der Kittel mit den angenähten Hobelspänen des «Hobuspöönig» wiegt etwa 50 bis 60 Kilogramm – dafür werden jeweils über 200 Stunden aufgewendet. Spätestens da wird klar, warum Bärzeli jung und kräftig sein müssen.

Der Ursprung des Bärzeli-Brauches liegt im Dunkeln. Er dürfte jedoch bis ins Mittelalter oder noch früher zurückgehen und hat mit germanischen Traditionen zu tun. Klar ersichtlich sind jedoch die Absichten: Den Winter auszutreiben und die Fruchtbarkeit zu wecken. So symbolisieren der «Tannreesig» und der «Stächpaumig» Fruchtbarkeit und das immer grünende Leben, während «Straumaa», «Hobuspöönig» und der «Schnäggehüüslig » auf den unfruchtbaren, kalten Winter hinweisen. «Herr» und «Jumpfere» stehen für Jugend, Schönheit, Unerfahrenheit und Tugend. Im Gegensatz dazu symbolisieren «Aut» und «Lörtsch» Alter, Hässlichkeit, Laster, aber auch Weisheit. Eine Doppeldeutigkeit kommt im schelmischen «Spielchärtler» zum Ausdruck. Er steht für Lebensfreude, aber auch für den Spieltrieb und die Laster des Menschen. Das Gegenstück zum «Spielchärtler» ist der unordentlich wirkende «Lumpig».

Von der Kirche abgelehnt

Früher wurden zur Mittwinterzeit verschiedene Rituale abgehalten, um den unfruchtbaren Winter fernzuhalten, ebenso wie die Seelen der Toten, die nach altem Volksglauben, in den längsten Nächten des Jahres die Lebenden heimsuchten. Viele Bräuche entstanden dadurch, dass man mit Masken und Verkleidungen selbst in die Rolle der Geister schlüpfen und dabei das Böse vertreiben konnte. Der Lärm der Geisseln, Glocken, Hörner, Rätschen und Dreschflegel sollte das Böse verjagen und das Gute hervorlocken.

Der Bärzelitag oder Bärchtelistag leitet sich nicht von Berchtoldstag ab. «Berchtelen» bedeutete früher verkleiden, umziehen, schmausen und beschrieb die Tätigkeiten des bereits im frühen 15. Jahrhundert erwähnten Berchtentags, dem 2. Januar. Somit war dieser Termin schon im Mittelalter ein Tag, an dem Masken getragen und Feste gefeiert wurden. Dieser Feiertag hielt sich lange als dritte lange Nacht nach Silvester und Neujahr.

Während der Reformation bekämpfte die katholische Kirche die Fasnacht und alle anderen Maskentraditionen und löschte sie in den Städten erfolgreich aus. In den reformierten ländlichen Gebieten reichte die Macht der Kirche jedoch nicht aus, um dem Treiben ein vollständiges Ende zu setzen. Von der Kirche widerwillig geduldet, überlebten viele heidnische Volksbräuche. So auch der Bärzelibrauch. Allerdings verlor er mit der Modernisierung der Gesellschaft immer mehr an Bedeutung und ist in dieser Form heute nur noch in Hallwil anzutreffen.

Fotos: Andreas Walker

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