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Auf falscher Fährte

Kategorie: Leben
 Ausgabe 12 - 2010 - 01.12.2010

Text:  Simon Libsig

Simon Libsig weiss, wie sich das neugierige Kind kurz vor Weihnachten fühlt – elend und von der Welt vergessen. Die Mutter nimmts gelassen.

Es war drei Tage vor dem Weihnachtsfest, und er hatte das Geschenke-Versteck seiner Eltern immer noch nicht gefunden. «Komm schon, Junge», dachte er, «denk nach, denk nach!» Seine Eltern waren doch sonst nicht so erfinderisch. Das Fahrrad vom letzten Jahr hatten sie zwar in sämtliche Einzelteile zerlegt und jedes separat versteckt. Aber mal ehrlich, wenn Du kurz vor Weihnachten einen Fahrradsattel im Wäschetrockner findest, dann brauchst Du auch nicht mehr weiterzusuchen, dann ist der Fall klar.

Nun aber lag die Sache anders. Er hatte schon überall gesucht: Im Kleiderschrank der Mutter zwischen Pullis und Jeans, Socken und Höschen. In ihrem Beautycase zwischen falschen Locken, Fläschchen und Döschen. Er hatte oben auf dem Dachboden jede Kiste, jeden Koffer, jede Truhe durchwühlt, er hatte über den Teppich getastet, ob er irgendwas fühlt. Er suchte im Keller, in der Besenkammer und unter dem Sofa. Im Schnapsschrank, hinterm Regal und in der Garage beim Mofa. Aber da war nichts! Seine Eltern schienen tatsächlich so etwas wie die Mutter aller Verstecke gefunden zu haben. Oder aber? Moment!! Vielleicht fand er die Geschenke ja nur deshalb nicht, weil es einfach gar keine Geschenke gab! Vielleicht gab es diese Weihnachten einfach nichts, nada, null, niente! Vielleicht hatten die Eltern seinen Wunschzettel diesmal tatsächlich bloss als Wunschzettel entgegengenommen, und nicht wie üblich als Einkaufsliste! Vielleicht war das jetzt die Finanzkrise, die Rezession! Vielleicht mussten jetzt tatsächlich alle den Gürtel enger schnallen und er, quasi als letztes Glied in der Kette, spürte die Auswirkungen nun am eigenen Leibe.

Immerhin war er bloss 1 Meter 32 gross, vielleicht war er ja dieser «kleine Mann von der Strasse», von dem alle schreiben, dass es ihn am härtesten treffen werde! Hatten seine Eltern ihm einfach noch nichts gesagt, weil sie ihn schonen wollten? Wollten sie einfach bis nach Weihnachten warten, ehe sie ihm die ganze traurige Wahrheit offenbarten? Dass sein Vater womöglich nicht mehr genug Geld verdient, dass sie deswegen wegziehen müssten, in eine kleinere Wohnung, vielleicht auch nur in ein einzelnes Zimmer, ohne Heizung, vielleicht nach Schwamendingen?

Er schluckte leer und verabschiedete sich bereits innerlich von seinen Freunden, von der Schule und seinem Zuhause. Es waren nur noch drei Tage bis zum Weihnachtsfest, aber seine Stimmung war dahin. «Was ist denn mit Dir los?», fragte ihn die Mutter, als sie ihn so bedröppelt am Küchentisch sitzen sah. Aber er schaute nur aus leeren Augen und blätterte demonstrativ im Veranstaltungskalender von Schwamendingen. «Das gibt sich bestimmt wieder», dachte die Mutter, «sobald er am Weihnachtsabend seine Geschenke kriegt. Bis dahin muss er sich halt noch etwas gedulden.» Er hatte überall im Haus nach den Geschenken gesucht, und zwar gründlich. Nur an einem Ort hatte er vergessen nachzuschauen. Unter seinem eigenen Bett. Hatten seine Eltern ihm einfach noch nichts gesagt, weil sie ihn schonen wollten?

Zur Person
Simon Libsig (1977) kann lesen und schreiben. Mit dieser Fähigkeit gewann der Badener bereits mehrere Poetry Slams und den Publikumspreis Swiss Comedy Award 2009. Zurzeit ist er mit seinem neuen Solo-Programm «Sprechstunde» auf Tournee. Mehr Infos dazu auf www.simon-libsig.ch



Foto: kevindooley / flickr / cc

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