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Engel

Kategorie: Leben
 Ausgabe 12 - 2010 - 01.12.2010

Text:  Susanne Strässle

Engel umgeben uns – in Schaufenstern, Filmen und Bildern. Aber wandeln die Himmelsboten tatsächlich auch unter den Menschen? Viele sind davon überzeugt.

Engel sind keine Exklusivität des Christentums. Geistwesen göttlicher Natur finden sich in allen Weltreligionen. Die ältesten sind persische und mesopotamische Flügelwesen, die als Gesandte Gottes fungierten. In den Schriften der drei grossen abrahamischen Religionen – Judentum, Islam und Christentum – sind Engel aber besonders präsent. Sie gelten als eigener Teil der Schöpfung und es scheint, als ob monotheistische Religionen erhöhten Bedarf an himmlischen Vermittlern hätten: Sie übernehmen bestimmte Aufgaben, die etwa im Hinduismus auf verschiedene Gottheiten verteilt sind.

Das Wort Engel geht auf das griechische «ángelos» für Bote zurück. Im Alten Testament sind die Engel Verkünder, Warnende, aber auch apokalyptische Zerstörer. Man denke an Sodom und Gomorrha. In der Jesusgeschichte treten sie als wohlwollende Botschafter auf. Bereits das Hierarchien entwickelt: zuoberst Cherubim und Seraphim, zuunterst in direktem Menschenkontakt Erzengel und Engel. Auch die Idee eines persönlichen Schutzengels wird laut Matthäusevangelium (Mt 18,10) von Jesus angedeutet, wurzelt aber schon im ausserbiblischen jüdischen Schrifttum. Demnach begleiten je ein guter und ein böser Engel den Menschen. Im Islam sind es gar deren vier: zur Rechten der Engel, der das Buch der guten Taten führt, links jener, der die Sünden aufzeichnet, vorn und hinten die Behüter.

Asyl ausserhalb der Kirche

Viele Katholiken wuchsen mit dem Gebet «Schutzengel mein» auf, und am 2. Oktober wird im liturgischen Jahreskreis das Schutzengelfest gefeiert. Doch auch wenn Papst Pius XII. Erzengel Gabriel 1951 zum Patron des Rundfunk- und Fernmeldewesens machte und der Vatikan die Host-Computer seiner Internetstation nach den Erzengeln Michael, Gabriel und Raphael benannte: Die Engel sind in den Hintergrund geraten. Es scheint, als wäre es der modernen Kirche nicht mehr ganz wohl mit diesen schwer fassbaren Wesen, denen man im Mittelalter zuschrieb, die Sterne zu bewegen und das Wetter zu machen. Noch klarer der Fall in der evangelischen Kirche. Die Reformation hat die Engel regelrecht degradiert: Es brauche keine Mittler zwischen Mensch und Gott. Daher wurden die Engel auf ihren angestammten biblischen Platz als stille Diener Gottes zurückverwiesen.

Psychologisch betrachtet erleben Engel ein Revival in einer Welt, die von manchen als zu rational, seelenlos oder gar als bedrohlich empfunden wird. Engel mit ihrer verlässlichen Fürsorge vermitteln ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. «Es hat jedoch auch mit einem Hunger nach Erfahrung zu tun», sagt Jesuitenpfarrer Kleiber. «Man möchte Gott persönlich erfahren, dieser scheint vielen aber zu fern und abstrakt. Engel stellt man sich dagegen fast wie ein menschliches Gegenüber vor.» Dahinter steht zudem der Gedanke, Gott könne nicht ständig für jeden Einzelnen sorgen. Und während Gott auch als richtend oder gar strafend erlebt wird, gelten Engel als bedingungslos liebend. «Für mich sind Engel Personifizierungen einer Realität, die mit dem Verhältnis Gott Mensch zu tun hat », sagt Kleiber.

Kontakt zum Schutzengel

Hirschi ist Geschäftsführer im Haus der Engel «Seraphim» in Zürich. Im Laden findet man zahllose Engelfiguren. Eine Statue, erklärt Hirschi, sei eine Art Antenne: eine Hilfe, die einem ermögliche, innezuhalten und sich für die Verbindung zu den Engeln zu öffnen. Es fällt auf, dass man hier kaum kindlich-verspielte Engel entdeckt, wie sie in Dekorläden zuhauf in den Auslagen zu finden sind. «Uns ist wichtig, dass Geist in den Figuren ist. ‹Pfupferli›-Engel mit Nuggis entsprechen nicht unserer Vorstellung von diesen erhabenen Wesen. Deshalb führen wir vor allem erwachsene Engel.» Darüber hinaus bietet das «Seraphim» einen Raum der Stille, in den sich jeder Passant zur Begegnung mit den Engeln zurückziehen kann. Das Team betet regelmässig – nicht für den Umsatz, sondern damit im Laden immer Engel präsent sein mögen.

Viele Menschen tragen ihre Geschichten ins «Haus der Engel», berichten von Engeln, die ihnen beistanden oder im Traum, als Licht, in Menschengestalt erschienen sind. Froh, hier endlich erzählen zu können, wofür sie ihr Umfeld für verrückt halten könnte. Andere kommen in die Kurse von Andrea Fontanil-Harder. Sie wollen mehr erfahren und suchen die Begegnung mit ihrem Schutzengel. «Dazu braucht es weder Rituale noch viel Wissen, sondern nur Offenheit», erklärt die Seminarleiterin. «Wir leiten die Leute an, damit sie den Kontakt selber knüpfen können. Das geht aber auch ohne Kurs.»

Wohlfühlspiritualität

Es mag überraschen, dass es direkte Verbindungen zwischen der Tiefenpsychologie und den Engeln gibt: C. G. Jung war überzeugt von der Existenz von Engeln, die sich übers Unbewusste offenbaren. Wie jede Engellehre beschäftigte auch Jung sich mit der Frage nach den gefallenen Engeln, mit Luzifer und seiner Entourage, die laut vorbiblischen Schriften und Bibel zur Hölle fuhren. Jung kam aber zum Schluss, dass nichts Böses in einem Engel liegen könne. Licht und Schatten waren für ihn vielmehr zwei Aspekte des geheimnisvollen Gottes. Ähnlich geht es vielen Mystikern und Esoterikern, die Engel als reine Liebe sehen.

Niemand will zurück zum drohenden Gott und den Racheengeln des Alten Testaments. Viele Theologen stört aber die Wohlfühlspiritualität der Esoteriker, wo sich jeder seine eigene Religion zusammenstellt. Gleichzeitig fehlt der Kirche aber ein herzensnaher Umgang mit Engeln. Der deutsche Professor für Pastoraltheologie Hermann Kochanek erkannte im Engelglauben eine grosse Sehnsucht nach dem Geborgen- und Getragensein. Deshalb forderte er Seelsorger auf, die Gläubigen anzuleiten, den Spuren der Engel in ihrer Lebenswirklichkeit nachzugehen. Damit könne sich ihnen ein aufgeklärter, kritisch-reflektierter Zugang zu Erfahrungen der Transzendenz im Alltag öffnen.

Literatur
• Heinrich Krauss: «Die Engel – Über lieferung, Gestalt, Deutung», Verlag C. H. Beck 2005, Fr. 14.50.
• Uwe Wolff: «Alles über Engel und Dämonen – Ein himmlisches Wörterbuch», Guetersloher Verlagshaus 2009, Fr. 26.90

Foto: caro/sorge, fotolia.com

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