Artikel Leben :: Natürlich Online Das Drama der Stille | Natürlich

Das Drama der Stille

Kategorie: Leben
 Ausgabe 11 - 2010 - 05.11.2010

Text:  Hans Keller

Wo sind die Bienen geblieben?

Seit Jahren durchstreift der Yakub mit seinem Lastesel die Wälder, in denen er hoch auf bestimmten Bäumen Bienenkästen eingerichtet hat. Eine gefährliche Arbeit, an Seilen am Stamm hochzuklettern und die Waben aus den Kisten zu holen. Da kann leicht mal ein Ast abbrechen, um welchen sich das Seil geschlungen hat, und er schwebt plötzlich zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod. Doch nun sind die Bienen verschwunden. Yakub verlässt deshalb seine Frau Zehra und den kleinen Sohn Yusuf, um sich auf die Suche nach den wertvollen Insekten zu machen.

Die wahre Hauptperson des langsamen und wunderbar unaufgeregten Filmes «Bal – Honig» ist jedoch die Natur in und um die waldigen Täler und Höhen im Hinterland der türkischen Schwarzmeerküste. Zwischen den mächtigen Bäumen der Forste, an den Ufern des Wildbaches und auf den weiten Wiesen gehen die Menschen der Gegend ihren einfachen Tätigkeiten nach, die meist von der Natur bestimmt sind.

Die Zivilisation wird hier durch die Volksschule repräsentiert, welche auch der siebenjährige Yusuf besucht. Der Junge leidet an Leseschwäche, erhielt jedoch von der Natur die Fähigkeit geschenkt, rezitierte Texte sofort auswendig zu können. In der Natur fühlt sich Yusuf zuhause, sei dies beim Trödeln auf dem Nachhauseweg oder beim Begleiten des Vaters zu den Bienenkästen.

«Bal» steckt voll unaufdringlicher Symbolik, die der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu mittels stupender Stimmungsbilder und häuslicher Szenen zu vermitteln weiss, die oft an die Genre-Malerei des niederländischen Barock erinnern. In der Schule wird zum Beispiel die Wirkung von Nahrung auf den Körper behandelt, während in einer Grossaufnahme eine Biene über Yusufs Buch
kriecht. Der Insektenbesuch wirkt wie ein Hinweis darauf, dass Yusuf dereinst in die Fussstapfen des mittlerweile verschollenen Vaters treten dürfte. Und dann wohl auch in den abgeschiedenen Gegenden seiner Heimat mit Umweltveränderungen konfrontiert wird. In der Gegenwart jedoch, in welcher dieser in Berlin mit einem Goldenen Bären ausgezeichnete einzigartige Film
spielt, duften die Wiesen und Wälder regelrecht noch von der Leinwand. Anstelle gängiger Filmmusik summen die Bienen und rauschen die Bäche. Absolut sehenswert. «Bal – Honig», Regie Semih Kaplanoglu, Türkei 2010, ab Mitte November im Kino.

Foto: zvg

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Sitzen für Streber

Mehr Gelassenheit, weniger Stress – der Mediationskurs sollte es richten....

Kategorie:

Kategorie: Leben

Die Freiheit, neu zu beginnen

Mit der Pensionierung ändert sich Vieles. Vorbereitung, Lebenserfahrung und...