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Die infernalische Verstopfung

Kategorie: Leben
 Ausgabe 11 - 2010 - 05.11.2010

Text:  Thomas Widmer

Thomas Widmer über das wirklich Anstrengende am Wandern und warum er es doch immer wieder in Kauf nimmt.

Die Sieben-Stunden-Wanderung von Weisstannen nach Elmüber den Foopass war unglaublich schön. Sie war aber auch hart. Jetzt sind wir müde, wollen nur noch heim: duschen, essen, schlafen. Und alle anderen Leute wollen das auch. Der Bus von Elm hinab nach Schwanden ist pumpenvoll. Der Regionalzug Richtung Ziegelbrückeist pumpenvoll. Und dann kommt der Zug von Chur nach Zürich, und natürlich ist auch er pumpenvoll.

Das Anstrengendste am Wandern sind nicht die Wanderungen. Die Hinreise und insbesondere die Rückreise sind es, die dich zermürben. Sie verlangen eine mentale Stärke, wie sie oben am Berg selten nötig ist.

Speziell die Züge sind Jahr für Jahr voller. Früher gabs auf der Linie Zürich–Bern die Vormittags- und Nachmittagsstunden, an denen ich immer ein Abteil für mich allein fand. Heute sitzt überall schon einer da, wenn ich komme: ein japanischer Tourist, eine Alleinerziehende samt zwei kleinen Kindern, ein sudokulösender Rentner, ein Teenager mit dem iPod-Kopfhörer. Sie haben sämtlich genau wie ich das Recht zu reisen. Aber gemeinsam sind wir eine infernalische Verstopfung.

Und es wird noch schlimmer werden, wenn wir den Warnungen der Bahnexperten glauben wollen, die von steigender Nachfrage bei stagnierendem Angebot sprechen. In zehn Jahren sind wir vermutlich alle froh, wenn wir auf den Hauptstrecken wie eben Bern–Zürich, Bern–Thun oder auch Bern–Lausanne überhaupt einen Platz finden.

Falls es ein Luxusgut der nahen Zukunft gibt, dann dieses: Platz. Kürzlich traf ich in Zürich an einer Tourismusveranstaltung, zu der ich als Journalist eingeladen war, den Schweizer Manager einer Insel im Indischen Ozean, die einem deutschen Milliardär gehört: Frégate Island – viel exklusiver kann man nicht Ferien machen. Jeder der wenigen zugelassenen Gäste hat seinen Butler, hat einen oder zwei Bungalows, hat einen eigenen Strandabschnitt und wird ganz individuell bekocht. Wenn ich mich recht an das Gespräch mit dem Manager erinnere, kostet das 2800 Euro pro Nacht.

Dies liegt ein wenig über meinem Budget. Und ausserdem: Ich will nicht nach Frégate Island, Sand und Palmen sind mir total egal. Ich will in die Berge. Und um das zu tun, muss ich mich regelmässig mit hundert anderen Leuten um die Sitzplätze in einem SBB-Waggon oder einem Regional-Postauto, nun: nicht gerade prügeln, aber doch balgen.

Es ist widersprüchlich: Um Ruhe zu erlangen, muss ich Unruhe ertragen. Oder auch: Jeder Ruhesuchende ist ein Unruhestifter. Der wahre Naturfreund ist derjenige, der zu Hause bleibt. Er macht nichts kaputt, er entlastet den Verkehr, er ist der wahre Schoner der Blumen und Gämsen und Hochmoore. Leider bin ich nicht so vollkommen, leider ist da meine Sehnsucht nach Fels – ich werde weiter in die Berge ausziehen.

Was nun aber die Heimreise von Elm nach der Foopass-Wanderung angeht, habe ich etwas verschwiegen: Mitten im Gedränge und Gemoste habe ich gegrinst wie ein Bekiffter. Und warum? Weil es eben so schön war da oben. Die Natur ist dermassen berauschend, dass mir hernach sogar der öffentliche Verkehr egal ist.

Zur Person
Thomas Widmer, 48, ist Reporter und Wanderkolumnist im «Tages-Anzeiger». Eben ist unter dem Titel www.echtzeit.ch sein drittes Wanderbuch erschienen.


Fotos: Moe_/ flickr / cc, jphintze / flickr / cc

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