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Ohne Worte

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10 - 2010 - 01.10.2010

Text:  Susanne Hochuli

Susanne Hochuli fährt nach Russland – und versinkt dort in der universell verständlichen Sprachlosigkeit des Nichtverstehens.

Kürzlich war ich in Russland. Das ging sehr einfach: In Olten stieg ich in die Deutsche Bahn, fuhr ohne umzusteigen nach Berlin Hauptbahnhof, nahm den Regionalzug nach Berlin Gesundbrunnen und dort, ja dort ist man schon fast in Russland. Der blau-weisse Schlafwagen Berlin – Kaliningrad wird bewacht von einem Schaffner und einer Schaffnerin, die nur russisch reden. Verständlich, denn fast nur Russen und Russinnen reisen mit diesem Zug. Was heisst denn schon Zug? Es ist nur dieser eine Wagen, der durch Deutschland und Polen fährt; während der Nacht an immer neue Diesel-Zugkompositionen angehängt wird, um dann in Russland einzufahren – auf dem einzigen Schienenstrang in ganz Russland, der das schmale, englische Schienenmass aufweist.

Nein, ich bin keine Eisenbahnspezialistin, aber ich weiss nun, dass der Unterschied zwischen 1. und 2. Klasse im Schlafwagen Berlin – Kaliningrad aus Thunfisch besteht. Alle Abteile des Wagens sind im selben preussischen Blau gehalten, an allen Fenstern hängen dieselben Vorhänge, jedes Abteil hat ein kleines Lavabo und in jedem liegt eine Speisekarte auf, in Russisch und Deutsch. Darin ist zu lesen: «Der Satz einer Ernährung für die Fahrgäste des durchgehenden Wagens Kaliningrad- Berlin (1. Klasse).» Und dann, unter «Die Benennung der Gerichte» wird aufgezählt: «Filet Thunfisch in Öl, Sprotten in Öl, Brötchen, Nüsse, Waffeln, Schokolade, Tee Kaffee in Beuteln, Zucker, Sahne klein verpackt, Gebäck, Mineralwasser oder Saft, feuchte Servietten, Tischsatz (das Messer, die Gabel, der Löffel), Container für das Abfüllen der Lebensmittel, Packung.» Bei der Benennung der Gerichte für die 2. Klasse fehlt der Thunfisch.

Mit dieser preussischen Gründlichkeit nahm ich Abschied von der deutschen Sprache, von der gesprochenen Sprache allgemein. Reden im Schlafwagen erübrigt sich alleine schon durch seine Bezeichnung. Dort schläft man – und wie soll man reden, wenn niemand Deutsch oder Englisch oder Französisch oder Italienisch kann? Und man als Einzige nicht Russisch spricht? Man hört auf, auf Gespräche zu horchen. Kein Wort animiert zum geheimen Mitlauschen. Keine Gazette lockt zum Schmökern. Erst das Nichtlesen-Können der Fahrpläne in Kaliningrad zwang mich, mir das kyrillische Alphabet so weit anzueignen, dass ich mich orientieren konnte.

Mitten in der 400 000-Seelenstadt Kaliningrad, unter vielen Menschen, fand ich Gefallen am Nichtreden und -hören. Ich spazierte am Oberteich entlang, beobachtete Familien, las aus Gestik und Tonfall, dass dieselben Erziehungsprobleme wie bei uns anstehen. Ich beobachtete Paare im Restaurant, las aus ihrem Schweigen, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben; ich sah junge Verliebte und merkte, balzen auf Russisch sieht gleich aus wie auf Deutsch. Betrunkene lallen in allen Sprachen unverständlich und das Strandleben in Rauschen ist auf Russisch genau so laut wie in Deutsch am Strand in Mallorca. Nur gingen die Worte mich nichts an. Mitten unter Menschen tauchte ich für eine Weile in die Wort- und Informationlosigkeit ein. Und es war wie im Himmel auf Erden.

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 16-jährigen Tochter und wohnt auf ihrem Biobauernhof in Reitnau, der vom besten Bauern der Welt bewirtschaftet wird.

Fotos: Vokabre / flickr / cc, James Duncan / flickr / cc

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