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Die Wasserschmecker

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10 - 2010 - 01.10.2010

Text:  Katharina Dellai-Schöbi

Die Arbeit von Rutengängern ist wissenschaftlich nicht anerkannt. Trotzdem schwören viele Menschen auf deren Fähigkeiten und finden Hilfe bei gesundheitlichen Problemen.

«Waasseradern machen krank!», «Erdstrahlen – Das Geschäft mit der Angst!» Die Schlagzeilen zum Thema Erdstrahlen sprechen eine klare Sprache. Während Rutengänger überzeugt sind, dass «Erdstrahlen» den menschlichen Organismus schädigen, bestreiten Wissenschaftler gar ihre Existenz. Doch allen Unkenrufen der Wissenschaft zum Trotz versprechen sich zahlreiche Menschen Hilfe von der Geopathologie, der Erforschung der durch Erdstrahlen ausgelösten Erkrankungen.

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GEOPATHOLOGIE SCHWEIZ
• Berufsfachverband der Geopathologen und Baubiologen e.V.

Dass die Umwelt einen Einfluss auf das Befinden von Mensch und Tier haben kann, ist seit Jahrtausenden bekannt. Schon früh versuchte man daher, «schlechte» Plätze auszuweisen. Womöglich zeigen bereits 17 000 Jahre alte Felsmalereien Rutengänger bei ihrer Arbeit. Ursprünglich wurden die Wünschelruten, die früher aus y-förmigen Astgabeln gefertigt wurden und heute meist aus Metall bestehen, zur Suche nach geeigneten Wohn- und Schlafstätten sowie Wasser- und Rohstoffvorkommen verwendet. Heute liegt der Fokus auf dem Nachweis krank machender Erdstrahlen.

Abgebremste Neutronen?

Eine mögliche Ursache solcher Erdstrahlen sollen die sogenannten Wasseradern sein. Der Begriff ist allerdings unglücklich gewählt und vergrössert die Kluft zwischen Rutengängern und Wissenschaftlern noch, denn: «Sand-Kies-Körper, wie man sie in den Flussniederungen und im Mittelland findet, zeigen keine ausgeprägten Wasseradern», erklärt Wolfgang Kinzelbach vom Institut für Umweltingenieurwissenschaften an der ETH Zürich. Egal wo man bohre, man stosse überall auf Wasser. Nur im Fels und in felsigen Böden fliesse das Wasser aderartig in Klüften, die oft weit auseinanderlägen.

Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, verstehen die meisten Rutengänger unter Wasseradern Strömungen im Grundwasser. Durch die Reibung des Wassers am Gestein sollen Erdstrahlen entstehen, die das natürliche Magnetfeld der Erde verändern. Solche Störzonen sollen auch durch Erdverwerfungen (Gesteinsschichten, die sich gegeneinander verschoben haben) oder Doppelzonen verursacht werden; letztere sollen durch die Überlagerung netzartig angeordneter Erdstrahlen zustande kommen.

Doch woraus bestehen Erdstrahlen eigentlich? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht leicht, denn auch die Rutengänger haben keine eindeutige Antwort. Neben verschiedensten physikalischen Teilchen wie Elektronen oder Ionen werden auch diverse Strahlphänomene aus dem esoterischen Bereich genannt. Häufig kommen auch sogenannte abgebremste Neutronen zur Sprache. «Durch Zerfallsprozesse in der Erde entstehen Neutronen, die durch Wasseradern, Verwerfungen oder Doppelzonen abgebremst werden», heisst es zum Beispiel in einer Broschüre der Firma Geopathologie Schweiz. Diese gebremsten Neutronen hätten einen viel grösseren Wirkungsdurchmesser und würden Zellen und Gene im Körper schädigen.

Messinstrument Mensch

Aus messtechnischer Sicht sind nicht nur die Erdstrahlen, sondern auch die durch sie hervorgerufenen Veränderungen des Erdmagnetfeldes kritisch zu betrachten. Laut Hans-Peter Hächler vom Institut für Geophysik an der ETH Zürich kann die Feldlinienrichtung des Erdmagnetfeldes « durch Verwerfungen zwar lokal verändert werden. «Dieser Einfluss ist aber so gering, dass er im Regelfall nur mit grossem Aufwand, und manchmal gar nicht, gemessen werden kann», betont der Elektroingenieur. Die Stärke eines durch fliessendes Wasser erzeugten Magnetfeldes wiederum hänge von der Menge der Ladungsträger pro Volumeneinheit und von der Fliessgeschwindigkeit ab. Bei den bekannten Grundwasserströmen sei die Geschwindigkeit aber so klein, dass eine messbare Beeinflussung des Erdmagnetfeldes in den seltensten Fällen nachgewiesen werden könne.

Zweifelhafte Experimente

Die Rutengänger verlassen sich bei ihren Untersuchungen denn auch auf den Menschen als Messinstrument. Dieser soll die Strahlung unbewusst wahrnehmen und auf die Rute übertragen. Kritiker argumentieren allerdings, dass die Rutenausschläge durch den Carpenter-Effekt oder das Kohnstamm-Phänomen zustande kommen könnten. Während bei Ersterem das reine Denken an eine Bewegung in unbewusste Muskelkontraktionen übertragen wird, werden bei Letzterem Muskeln nach längerer, intensiver Anspannung und anschliessender Entspannung plötzlich wieder – unwillkürlich – angespannt.

Möbelrücken

Zweifelsohne sind dies ernst zu nehmende Symptome und Krankheiten, deren Ursachen genau untersucht werden müssen. Ob sich kleinere Störungen des Erdmagnetfeldes, wie sie durch Erdstrahlen entstehen sollen, aber tatsächlich negativ auf den menschlichen Organismus auswirken können, ist fraglich. Geophysiker Hächler erklärt: «Durch bewegte magnetisierbare Massen wie Autos oder Züge, aber auch durch feste Installationen wie Betonarmierungen oder Wasserleitungen wird das Erdmagnetfeld dauernd lokal abgelenkt, ohne dass wir uns beeinträchtigt fühlen.» Nicht verwunderlich ist deshalb, dass auch die Schulmedizin derzeit keinen Zusammenhang zwischen Erdstrahlen und den von Geopathologen postulierten Symptomen
kennt.

Der Erfolg zählt

Auch wenn die Abschirmgeräte von einer wissenschaftlichen Anerkennung weit entfernt sind, scheinen sie ihren Zweck zu erfüllen. Zahlreiche Kunden von Geopathologen, dass sich ihre Gesundheit nach dem Anbringen der Abschirmungen verbessert habe. Weshalb, bleibt umstritten. Wissenschaftler gehen von einem Placebo-Effekt oder von einer (unbewusst) gesünderen Lebensweise der Betroffenen aus, für die Geopathologen ist die Abschirmung der Erdstrahlen entscheidend. Eines aber ist sicher: Solange sich die Kunden der Geopathologen besser fühlen, werden diese auch weiterhin alle Hände voll zu tun haben.

Literatur
• Hans-Dieter Betz: «Phänomen Wünschelrute – Was Rutengänger wirklich können. Eine Bestandesaufnahme», Drachen-Verlag GmbH 2008, Fr. 38.–
• Herbert L. König: «Erdstrahlen? – Der Wünschelruten-Report. Wissenschaftlicher Untersuchungsbericht» Betz-Verlag 1989, Fr. 19.90

Fotos: fotolia.com, zvg, ajo

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