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Notfall Mann

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10 - 2010 - 01.10.2010

Text:  Walter Hollstein

Männer sind kränker und sterben früher als Frauen. Denn das traditionelle Männlichkeitsideal verlangt vom Mann, stark und unverletzlich zu sein und verhindert, Schwäche, Unwohlsein und Krankheit einzugestehen.

Herb Goldberg, ein amerikanischer Pionier für Männerfragen und der Männertherapie, hat einmal sieben maskuline Imperative formuliert: Je weniger Schlaf ich benötige, je mehr Schmerzen ich erdulden kann, je mehr Alkohol ich vertrage, je weniger ich mich darum kümmere, was ich esse, je weniger ich jemanden um Hilfe bitte und von jemanden abhängig bin, je mehr ich meine Gefühle kontrolliere und sie unterdrücke, je weniger ich auf meinen Körper achte, desto männlicher bin ich.

Dementsprechend muss Männlichkeit eine hochriskante Lebensform sein. Wer sie «praktiziert», setzt sich Gefahren, Stress, ständigen Anstrengungen, Krankheiten und einer hohen Sterblichkeit aus. Bis zum Alter von 65 Jahren sterben Männer im Vergleich zu Frauen tatsächlich zweimal häufiger an Leberzirrhose, mehr als zweimal häufiger an Herzinfarkten, dreimal häufiger an Lungenkrebs, drei bis viermal häufiger an Selbsttötungen, viermal häufiger an Verkehrsunfällen oder sechsmal häufiger an HIV-Infektionen.

Männliche Leitbilder

Die New Yorker Wissenschaftler Robert Brannon und Deborah David haben dieses männliche Leitbild auf eine vierteilige Kurzformel gebracht:
«No sissy stuff» Der Bub und spätere Mann muss alles vermeiden, was auch nur den Anschein des Mädchenhaften, Weichen und Weiblichen hat. Seine männliche Identität erreicht er nur in klarer Absetzung vom anderen Geschlecht.
«The big wheel» Der Bub und spätere Mann muss erfolgreich sein. Erfolg stellt sich ein über Leistung, Konkurrenz und Kampf. Erfolg garantiert Position, Status und Statussymbole. Nur wer Erfolg hat, ist ein richtiger Mann.
«The study oak» Der Bub und spätere Mann muss wie eine Eiche im Leben verwurzelt sein. Er muss seinen Mann stehen, hart, zäh, unerschütterlich, jedem Sturme trotzend, sich immer wieder aufrichtend, kurzum unbesiegbar.
«Live them hell» Der Bub und spätere Mann ist wie ein Pionier im Wilden Westen oder ein Held auf dem Baseballfeld. Er wagt alles, setzt sich ein, ist aggressiv, mutig, heftig und wild; er ist der Sieger.

Zwanghaft männlich

Die Männerforschung verbindet inzwischen Männlichkeit konsequent mit Zwanghaftigkeit in sechs wichtigen Lebensbereichen:
• Eingeschränktes Gefühlsleben
Männer sind im Zwang emotionaler Kontrolle gebunden. Als Folge solch eingeschränkter Emotionalität entstehen Feindseligkeit und Wut, die sich – aufgestaut – nicht selten explosionsartig in Aggressivität, Männergewalt und Vergewaltigung entladen.
• Homophobie
Männer haben Angst vor der Nähe zu anderen Männern. Diese Angst fördert – als Abwehr – ein autoritäres, rigides und intolerantes Verhalten.
• Kontroll-, Macht- und Wettbewerbszwänge
Männer lernen früh, ihren Selbstwert über Erfolg zu bestimmen. Kontrolle, Macht und Wettbewerb sind Garanten dieses Erfolgs. Umgekehrt schliessen sie Ethos, Mitmenschlichkeit, Liebe und Fürsorge aus.
• Gehemmtes sexuelles und affektives Verhalten
Männer spalten ihre eigene Sexualität von Zärtlichkeit und Emotionalität ab und erleben sie unter dem Aspekt von Leistung und Dominanz. Dabei wird der Mann häufig sexuell zum Opfer seiner eigenen Obsession von Erfolg und Macht.
Sucht nach Leistung und Erfolg
als die zwanghafte Notwendigkeit, das eigene Mannsein immer wieder neu erfahrbar zu machen und zu messen: Männer beziehen Selbstwertgefühl und Lebenssinn nur über ihre Arbeit und deren Gratifikationen. Ihr Leben ist Tun und Haben, nicht Lassen und Sein.
• Unsorgsame Gesundheitspflege
Männer missachten körperliche Warnsignale und sind nur schlecht in der Lage, zu entspannen. Körperpflege, psychische Hygiene und medizinische Vorsorge werden als unmännlich betrachtet. Schon der blosse Gang zum Arzt wird als Eingeständnis von männlicher Schwäche gewertet. Ein richtiger Mann braucht keine Hilfe.

Konfliktvermeidung

Das geschilderte Verständnis von Männlichkeit hat auch unmittelbare Folgen für die medizinisch-therapeutische Praxis. Das traditionelle Männlichkeitsideal verlangt vom Mann, stark und unverletzlich zu sein und verhindert damit das Eingeständnis von Schwäche, Unwohlsein und Krankheit. Männliche Verhaltenseigenschaften wie Härte und Stoizismus bedingen, dass Männer signifikant weniger als Frauen um ärztliche oder therapeutische Hilfe nachsuchen. Männer gehen um mindestens ein Drittel weniger zum Arzt als Frauen, um die Hälfte weniger in andere Therapien und um zwei Drittel weniger in psychotherapeutische Behandlung. Dabei sind sie im Durchschnitt erheblich kränker als Frauen und sterben um mehr als sechs Jahre früher.

Die Scheu vor dem Arztbesuch hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass dieser mit den klassischen Männlichkeitsimperativen kollidiert. Beim Arzt ist Konfliktlösung angesagt, Männer tendieren zur Konfliktvermeidung; beim Arzt müssen die eigenen Schwächen kundgetan werden, wo doch von Männern Stärke und Unverletzbarkeit verlangt wird; beim Arzt geht es um Innehalten, aber Männer sind aussengerichtet.

Risikoreiches Verhalten gehört zur männlichen Rolle; das gilt zum Beispiel für überhöhte Geschwindigkeiten beim Autofahren, Mutproben auf allen Ebenen oder Drogenkonsum. Der holländische Entertainer Rudi Carrell, der vor Kurzem an einer Krebserkrankung gestorben ist, bekundete kurz vor seinem Tod, über den Ausbruch seiner Krankheit nicht überrascht gewesen zu sein: «Das hätte ich schon längst haben müssen. Ich habe immer fünf Tage vor einer Show so gut wie ohne Essen gearbeitet, nach einer Show Bier getrunken und mindestens 60 Lord Extra am Tag geraucht. Ich wusste: Das geht irgendwann schief.» Noch im Angesicht des Todes verkündete Carrell dies lächelnd und irgendwie nicht ohne Stolz – eben ein richtiger Mann.

Desperate Businessmen

In einem gesamtgesellschaftlichen Verständnis fehlt es aber noch an lebbaren Alternativen. Eine haben jene Männer formuliert, die 1970 im kalifornischen Berkeley das erste Männerzentrum begründeten: «Wir als Männer wollen unsere volle Menschlichkeit wiederhaben. Wir wollen nicht mehr länger in Anstrengung und Wettbewerb stehen, um ein unmögliches und unterdrückendes männliches Image zu erreichen – hart, schweigsam, cool, gefühllos, erfolgreich, Beherrscher der Frauen, Führer der Männer, reich, brillant, athletisch und heavy. Wir möchten uns selbst gern haben; wir möchten uns gut fühlen und unsere Sinnlichkeit, unsere Gefühle, unseren Intellekt und unseren Alltag zufrieden erleben.»

Damit sich solches umsetzen lässt, müssten aber auch Gesundheits- und Geschlechterpolitik die Weichen stellen, zumal sich die gesundheitliche Situation von Buben und Männern weiterhin verschlechtert. So nehmen Krebserkrankungen, Selbsttötungen oder Depressionen bei Männern deutlich mehr zu als bei Frauen; bei Buben steigen die ADHS-Erkrankungen, die Suizid-Zahlen und die Verhaltensauffälligkeiten in dramatischem
Masse, ohne dass gegengesteuert würde.

Zur Person
Der Basler ist promovierter Soziologe, arbeitete als Journalist für verschiedene Medien und befasste sich unter anderem als Professor an der Universität Bremen mit Geschlechter- und Generationenfragen. Heute lebt Hollstein als freier Autor und Soziologe in Basel. Mehr über den Autor und sein letztes Buch «Was vom Manne übrigblieb» unter www.walter-hollstein.ch

Foto: aenastudio / flickr / cc

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