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Im Frauenkäfig

Kategorie: Leben
 Ausgabe 09 - 2010 - 01.09.2010

Text:  Walter Hollstein

Knaben wachsen heute oft ohne direkte männliche Bezugspersonen auf und durchlaufen eine stark weiblich geprägte Sozialisation. Die fehlende männliche Identität führt vielfach zu Desorientierung und Aggression.

Buben werden inzwischen in einer Gesellschaft gross, die ihnen keine authentische Verhaltenssicherheit mehr vermittelt. Das traditionelle Männerbild wird überall kritisiert; Männer werden als Defizitwesen hingestellt, die schon mit grossen Defekten auf die Welt gekommen sind und eigentlich nur alles falsch machen. Nun wird die männliche Rollenfindung nicht dadurch erleichtert, dass das streitbare traditionelle Männerbild in den höchsten  Wirtschafts- und Politiketagen nach wie vor gelebt wird und sich auch immer noch als Erfolgsmodell bewährt. Im Gegenteil: Solche Widersprüche verstärken noch die Unsicherheit, was denn nun richtig oder falsch, gültig oder überholt, erwünscht oder verachtet ist.

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Jungenkatastrophe

Die Ratlosigkeit der Buben hat sich inzwischen zur offenkundigen Krise gewandelt. Die Frustration über die eigene Aussichtslosigkeit schlägt immer häufiger in Wut und Zerstörung um. Mehr als 95 Prozent aller Gewalttaten, Körperverletzungen und Morde im Jugendalter werden von Jungen begangen. Zunehmend belästigen, missbrauchen und vergewaltigen spontane Bandenbildungen von Buben kleinere Mädchen; ein Motiv dafür scheint das erfahrungsbestimmte Grundgefühl zu sein, mit Mädchen nicht mehr konkurrieren zu können.

In der Tat haben Mädchen die Jungen in der Schule überflügelt, und in der Ausbildung sind sie dabei, das ebenfalls zu tun. Der Hamburger Lehrer Frank Beuster spricht inzwischen schon von einer Jungenkatastrophe. Buben werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt, müssen häufiger eine Klasse wiederholen, sind an Haupt- und Sonderschulen überrepräsentiert, während sie an Gymnasien unterrepräsentiert sind oder sie erreichen deutlich seltener eine Matura. Vielfach müssen sie auch bessere Leistungen erbringen, um an eine weiterführende Schule zu gelangen.

Die Symptome des Problems sind inzwischen nicht mehr zu übersehen: Gewalt und Ausschreitungen von Jungen haben signifikant zugenommen, psychische und psychosomatische Störungen sind bei Jungen achtmal häufiger als bei Mädchen, der Anteil von Jungen in Förderschulen beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen, Alkohol und Drogenprobleme von Jungen nehmen dramatisch zu, die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens achtmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter. William Pollack, Psychologieprofessor an der Harvard Medical School und Experte für Geschlechterfragen, merkt dazu an, dass die Gesellschaft schon längst Massnahmen ergriffen hätte, wenn die Suizidrate bei Mädchen so gross wäre, wie sie es seit Jahrzehnten bei Jungen sei.

Immer mehr Jungen wachsen heute vater- und männerlos auf, was allgemein als eine der wichtigsten Ursachen für ihre zunehmende Desorientierung ausgemacht wird. In den USA haben schon mehr als die Hälfte der Jungen keinen Vater mehr; in den deutschsprachigen Ländern nähert sich die Rate der 40-Prozent-Marke. Nun soll man sich vor einfachen Kausalitäten hüten; aber immerhin ist bedenkenswert, dass zirka 80 Prozent der männlichen Jugendlichen, die in amerikanischen Gefängnissen einsitzen, ohne Vater aufgewachsen sind und dass auch Zahlen aus den deutschsprachigen Ländern nahelegen, männliche Problemkarrieren und Vaterlosigkeit zu verknüpfen.

Weiblichkeitsüberfrachtet

So vaterlos die junge Generation heute erzogen wird, so weiblichkeitsüberfrachtet ist sie zugleich. Jungen wachsen in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf. Sie werden mit weiblichen Werten, Erziehungszielen, Verhaltensmustern, Erwartungen und Anpassungsforderungen zugeschüttet; aber sie sind angehende Männer, möchten und müssen wissen, was denn nun eigentlich ein Mann konkret ist, was Männlichkeit bedeutet und wie sie gelebt werden kann.

Wenn das von Frauen abstrakt und manchmal auch abfällig vermittelt wird, entsteht ein Unbehagen, das Aggression erzeugen kann. In Kindergärten, Horten, Ganztagseinrichtungen, Schulen und Beratungsinstanzen stossen die Buben ständig an weibliche Verhaltensmuster und Grenzsetzungen. In ihrer Motorik und Renitenz drücken sie dann häufig ihren Widerstand gegen die Erziehungseinrichtungen als weibliche Bastionen aus. Die amerikanische Philosophin Christiana Hoff Sommers hat das sarkastisch kommentiert, indem sie darauf hinwies, dass Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute in der Frauenschule sicher Ritalin verordnet bekämen, um ruhig gestellt zu werden.

«Harte Disziplin», so merken die amerikanischen Psychologen Dan Kindlon und Michael Thompson an, «wird als Mittel angesehen, aus dem Jungen einen Mann zu machen». Buben benötigten eine harte Behandlung, damit sie als Männer funktionierten und dann selber wehrhaft seien. Die eigenen Gefühle von Schmerz, Erniedrigung, Vernichtung und Empörung muss man dabei für sich behalten.

Zur Person
Walter Hollstein ist ein promovierter Soziologe, arbeitete als Journalist für verschiedene Medien und befasste sich unter anderem als Professor an der Universität Bremen mit Geschlechter- und Generationenfragen. Heute lebt Hollstein als freier Autor und Soziologe in Basel. Mehr über den Autor und sein letztes Buch «Was vom Manne übrigblieb» unter www.walter-hollstein.ch

Einsame Wölfe

In der Vorbereitung auf das erwachsene Leben lernen dagegen Jungen wenig von dem, was Beziehung, Liebe und Partnerschaft erfordern. Insofern ist der provokante Ausspruch des amerikanischen Arztes und Männerforschers Ronald Levant durchaus trefflich, dass das Familienleben für Männer ein fremdes Land darstelle, dessen Sprache sie nicht sprächen. Grundlegende Fähigkeiten für intime und soziale Beziehungen wie Empathie, Mitgefühl, Fürsorglichkeit, Nähe, Dialogbereitschaft, Geduld oder Frustrationstoleranz sind nach wie vor weiblich etikettiert. Diese Diskrepanz verstärkt die Schwierigkeiten zwischen den Geschlechtern.

Die Modernisierungskluft zwischen den Geschlechtern wird sich noch verstärken. Die aktuelle deutsche Shell-Studie belegt, dass mehr als 70 Prozent der Jungen sich ausdrücklich keine emanzipierte Partnerin wünschen, mindestens 80 Prozent der Mädchen aber einen partnerschaftlichen Mann wollen. Damit ist eine Verschärfung des Geschlechterkampfes vorprogrammiert und auch die Folgeerscheinung von gravierenden Partnerschaftskonflikten, Trennungen, Scheidungen und wachsendem Kinderelend. Verunsicherte junge Männer zeigen sich auch zunehmend skeptisch gegenüber einer Familiengründung, weil sie sich diese gar nicht mehr zutrauen und verweigern sich mehr und mehr den Kinderwünschen ihrer Partnerinnen. Schlechte Aussichten für unsere Zukunft.

Literatur
• Wolfgang Bergmann: «Kleine Jungs – grosse Not», Julius-Beltz-Verlag, Fr. 22.50
• Alexander Dill: «Wie mann Knaben erzieht – Der politisch inkorrekte Erziehungsratgeber», Edition Rowohlt 2010, Fr. 30.50
• William Pollack: «Jungen», Fischer-Taschenbuchverlag 2009, Fr. 17.50
• Allan Guggenbühl: «Kleine Machos in der Krise», Herder-Verlag 2007, Fr. 22.50

Fotos: zvg, woodleywonderworks / flickr / cc, The Wandering Angel / flickr / cc

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