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Die Ökobewegung

Kategorie: Leben
 Ausgabe 07 - 2010 - 01.07.2010

Text:  Rita Imwinkelried

Vordenker, Visionäre und Querköpfe sorgten dafür, dass der Natur- und Umweltschutz zu einem heute allgemein akzeptierten Bestreben wurde.

1999 hat das amerikanische Monatsmagazin Time eine Liste mit den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts veröffentlicht. Zwei Personen in der Liste sind Umweltschützer: In der Kategorie «Wissenschaftler und Denker» steht Rachel Carson neben Albert Einstein, bei den «Führern und Revolutionären» ist der ehemalige US-Präsindet Theodore Roosevelt neben Nelson Mandela aufgelistet. Carson wie Einstein und Roosevelt wie Mandela? Die vier haben laut Time ähnlich Bedeutsames bewirkt: Dank Roosevelt wurden in den USA schon 1906 Gesetze zum Landschaftsschutz erlassen; Carson hingegen kritisierte die Folgen der Pestizideinsätze per Flugzeug und brachte so Umweltprobleme bereits in den 1960er-Jahren auf die politische Agenda der USA. Die Umwelt wurde damit zum öffentlichen Thema.

Surftipps
Hier erhalten Sie weitere interessante Informationen zum Thema
The Club of Rome
Global Footprint Network
Die Gaia-Hypothese
Worldwatch Institute


Begrenztes Wachstum

Genau gleich wie in den USA wurzelt die Umweltbewegung in Europa im Naturschutz und in Massnahmen gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft. So entstand der erste Nationalpark in den Alpen und in Mitteleuropa bereits 1914 in der Schweiz. Auch die Vordenker der biologischen Landwirtschaft waren in der Schweiz daheim: Die Agrarwissenschaftler Hans und Maria Müller entwickelten zusammen mit Hans-Peter Rusch in den 40er- und 50er-Jahren die Methode für den organisch-biologischen Anbau. Rudolph Steiner ist der Gründer der anthroposophisch ausgerichteten biodynamischen Landwirtschaft.

Die schnell fortschreitende Industrialisierung und Technologisierung Anfang des 20. Jahrhunderts brachte bald ganz neue und globale Umweltprobleme aufs Tapet. So erschütterte 1972 der Bericht «Die Grenzen des Wachstums» des Club of Rome die Öffentlichkeit. Die Autoren zeigten in ihren Ztukunftsszenarien, dass unkontrolliertes Wachstum von Wirtschaft und Bevölkerung in eine globale ökologische Katastrophe münden werde. Im selben Jahr machte der kanadische Bauunternehmer und Lebemann David Mc Taggart die Gefahren der Nukleartechnik zum öffentlichen Thema, als er mit seiner Segeljacht in die Sperrzone des Moruroa-Atolls eindrang und Frankreichs Atomtests störte. Mc Taggart formierte darauf aus verschiedenen Protestgruppierungen Greenpeace International und brachte Umweltprobleme systematisch mit spektakulären Aktionen an die Öffentlichkeit.

Nachhaltiger Konsum

Nun begann es in allen Lagern zu brodeln. Neue Weltenbilder machten die Runde, etwa die Gaia-Hypothese, wonach die Erde als lebendiger Organimus betrachtet werden kann. In den USA entstand das erste Umweltinstitut, die Verhütungspille wurde eingeführt, die AKW-Bewegung und Umweltkatastrophen wie der Dioxinunfall von Seveso und das Reaktorunglück in Tschernobyl sowie Sorgen um ein bevorstehendes Waldsterben machten grosse Teile der Bevölkerung betroffen. Europaweit entstanden Alternativmedien (in der Schweiz zum Beispiel die linke Wochenzeitung Woz) und grüne Parteien.

«Die Aufbruchstimmung hatte sogar die bürgerliche Mittelschicht erfasst», erinnert sich Cécile Bühlmann, Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz und vorher 14 Jahre lang Präsidentin der Grünen Fraktion im Nationalrat. So sei etwa die 1983 gegründete schweizerische Grüne Partei unabhängig von Greenpeace aus bürgerlichen Kreisen entstanden, sagt Bühlmann. Mit der Zeit haben dann Annäherungen zu den Umweltgruppen stattgefunden, aber erst ab Mitte der 90er-Jahre tauschten sich diese regelmässig mit den Parlamentariern aus.

Klimawandel, Energiefrage, Biodiversität, Gentechnologie, Wasser oder die Zerstörung des Regenwalds sind inzwischen globale Prioritäten geworden – seit dem ersten Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 auch für die Regierungen. Doch wie hat sich das auf den einzelnen Menschen ausgewirkt? Mathis Wackernagel, Erfinder des ökologischen Fussabdrucks: «Vor 30 Jahren war das Konzept der ökologischen Einschränkung eine reine Hypothese, heute ist es allgemein akzeptiert. Die Frage sei bloss, wie dies zu realisieren sei.»

Der Lifestyle of Health and Sustainability (Lohas) ist eine momentan im Trend liegende Reaktion der Konsumgesellschaft: das Geld gezielt in ökologisch produzierte Lebensmittel und Güter investieren und generell einen nachhaltigen und gesunden Lebensstil führen. Das hat unter anderem zur Folge, dass lokale und biologische Produkte, auch wenn teurer, gut verkauft werden. Qualitätssiegel wie Slow-Food und geschützte geografische Angaben (Terroir) machen für immer mehr Konsumenten den Unterschied aus, Begriffe wie Green Economy wecken Erwartungen. Doch ist ein nachhaltiger Lebensstil gänzlich ohne Verzicht überhaupt möglich, wie es die Lohas-Marketingstrategen einem gerne suggerieren?

Literatur
• Donella Meadows: «Die Grenzen des Wachstums – Das 30-Jahre-Update», Hirzel-Verlag 2009, Fr. 46.90
• James Lovelock: «Gaias Rache», Ullstein-Verlag 2008, Fr. 16.50
• Rachel Carson: «Der stumme Frühling», Verlag C. H. Beck 2007, Fr. 22.90
1960

Foto: zvg

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