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Heilende Spritzen

Kategorie: Leben
 Ausgabe 07 - 2010 - 01.07.2010

Text:  Marion Kaden

Bei der Neuraltherapie werden Schmerzpatienten lokal wirkende Betäubungsmittel gespritzt. Das unterbricht den Schmerzkreislauf und aktiviert die Selbstheilungskräfte des Körpers.

Alle Menschen kennen Schmerz. Er ist manchmal allumfassend, beherrscht den ganzen Körper und das Bewusstsein. Dann besteht nur noch der Wunsch nach einer Befreiung oder danach, zumindest eine kleine Pause gewährt zu bekommen. Unzählige Betroffene stehen genau unter diesem zermürbenden Dauerstress. Schmerzpatienten leiden an Migräne, Trigeminus-Neuralgie, Rheuma oder schweren chronischen Rückenschmerzen; Patienten mit unklaren Schmerzsymptomen wechseln oft von einem Arzt zum nächsten, um endlich eine Diagnose zu erhalten. Weil keine der schulmedizinischen Massnahmen wirkt, gelten viele als «austherapiert». Dementsprechend erscheint eine schlagartige Besserung oder gar eine Heilung nach dem erfahrenen Leid meist wie ein Wunder.

Wo nützt die Neuraltherapie?
Die Neuraltherapie besteht aus zwei Behandlungsansätzen: der Segmenttherapie und der Störfeldtherapie. Während Erstere in der klinischen Medizin anerkannt ist, gilt Zweitere noch als wissenschaftlich nicht erwiesen. Ein wichtiges Einsatzgebiet der Neuraltherapie sind chronische Schmerzen. Migräne und andere Kopfschmerzen, Neuralgien, rheumatische Erkrankungen wie chronischentzündliche Schmerzzustände des Bewegungsapparats, Allergien, Krankheiten mit Entzündungsprozessen (z.B. Mandelentzündungen), Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Herzrhythmusstörungen), Verdauungs- und Schlafstörungen, wie auch hormonell bedingte Störungen (z. B. prämenstruelles Syndrom, Wechseljahrbeschwerden), Schmerz zustände nach Operationen, Schwindel, Tinnitus gehören unter anderem zu den Indikationen der Neuraltherapie. Für Menschen, die an einer Allergie gegen das  Procain oder unter Psychosen leiden sowie mit Blutverdünnungsmitteln behandelt werden, ist die Neuraltherapie ungeeignet. Mehr dazu auf www.neuraltherapieschweiz.ch

Den Körper umstimmen

Thommen praktiziert seit fast 20 Jahren. Als Internist suchte er bald nach seiner Praxiseröffnung nach neuen Wegen. «Weil ich nicht mehr nur Symptome bekämpfen wollte», sagt er. Durch ein Erlebnis bei einem Neuraltherapeuten entschied er sich für das alternative Verfahren: Er erlebte mit, wie eine Patientin, die einen Hexenschuss erlitten hatte, sich kurz nach der Verabreichung der Spritzen wieder schmerzfrei bewegen konnte. «Ein beeindruckendes Erlebnis», erinnert er sich.

Vor einer Behandlung führt der für Neuraltherapie qualifizierte Arzt eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung durch. Entsprechend der Diagnose spritzt er danach das lokal wirkende Betäubungsmittel Procain in spezifische Hautareale oder für die Erkrankung bedeutsame Nervenknoten (Ganglien).

Es wird vermutet, dass die geringen Procain-Mengen starke und anhaltende Heilreize auf die den Hautpunkten zugeordneten Organe ausüben. Oder anders ausgedrückt: Bei der sogenannten Infiltration der Nervenknoten werden Impulse auf das vegetative Nervensystem ausgeübt, die bei funktionsgestörten Organen die Selbstheilung des Körpers auslösen. In der Naturheilkunde werden solche durch Heilreize bedingten Reaktionen als Umstimmung bezeichnet. Naturheilkundlich Orientierte bedienen sich verschiedenster Umstimmungstherapien. Der berühmte Arzt und Theologe Paracelsus (1493-1541) bezeichnete den Heilreiz als einen Anruf an den «inneren Archeus». Dieser jedem Menschen innewohnende (ideale) Teil entspricht dem vollkommenen Lebensprinzip. Dazu gehören idealerweise Gesundheit und die optimale Funktion des ganzen Körpers.

Wichtig: gesunde Zähne

Im besten Fall kann ein einziger neuraltherapeutischer Heilreiz ausreichen, um eine dauerhafte Umstimmung zu vollziehen. «Doch die phänomenale oder wundersame Wirkung tritt nicht so häufig auf», relativiert Thommen. Meistens seien mehrere Behandlungen notwendig, wobei dies von der Erkrankung oder Funktionsstörung abhänge. «Durchschnittlich sind ausschliesslich der Anamnese sechs bis zehn Behandlungen nötig», sagt der Mediziner. Dabei stehen Patient und Arzt in einem engen Dialog: «Wir sind auf die Mitarbeit unserer Patienten angewiesen», so Thommen. «Sie müssen uns genau schildern, ob, wann und wie sie Besserung empfanden oder sich sonstige Reaktionen einstellen.» Oftmals erfolgt eine Änderung der Behandlung aufgrund der beschriebenen Körperreaktionen. Und wenn ein Patient keine Besserung verspürt, beginnt die Suche nach einem möglichen «Störfeld».

Kosten abklären

Die Neuraltherapie gehört zu den komplementären Fachrichtungen, die 1998 aus dem Leistungskatalog der Schweizer Grundversicherung herausgenommen wurden, obwohl die im Rahmen des Programms Evaluation Komplementärmedizin (PEK) durchgeführten Fallstudien und Kostenanalysen gute Resultate ergaben. Vor allem die Therapie von Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie von schmerz- und entzündungsbedingten Leiden zeitigte deutlich bessere Ergebnisse als konventionelle Behandlungen, auch bezüglich der Einsparung von Kosten. Die Therapie eines Hexenschusses beispielsweise dauert im Durchschnitt nur zwei bis drei Sitzungen, meist mit sofortiger Verbesserung der Bewegungsfähigkeit und infolgedessen deutlich kürzeren Arbeitsabsenzen.

Bis die Schweizer Krankenkassen komplementärmedizinische Behandlungen allenfalls wieder bezahlen müssen, fallen für Patienten, die sich neuraltherapeutisch helfen lassen wollen, Kosten an. Wer keine Zusatzversicherung abgeschlossen hat, sollte den finanziellen Aufwand vor einer Behandlung mit dem Neuraltherapeuten besprechen.

Literatur
• Stefan Weinschenk: «Leitfaden Neuraltherapie», Verlag Urban und Fischer 2009, Fr. 115.-
• Lorenz Fischer: «Neuraltherapie nach Huneke – Grundlagen, Technik, Praktische Anwendungen», Hippokrates-Verlag 2007, Fr. 69.90

Fotos: M.Timm, fotolia.com

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