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Götterdämmerung

Kategorie: Leben
 Ausgabe 07 - 2010 - 01.07.2010

Text:  Jakob Bösch

An Gottesbildern ist heutzutage kein Mangel. Weltweit soll es um die 4000 verschiedene Religionen geben. Mit der Globalisierung scheint jedoch das religiöse Konfiktpotenzial zu wachsen. Es ist ein Streit um die «wahrere Wahrheit». Der beste Nachweis für den göttlichen Ursprung von Glaubensbotschaften wäre aber das Wachsen von Toleranz, Lebensfreude und Humor.

Ein Heer von Werbern und Spionen in seinem Dienst umwirbt bis heute die Menschen. Mit Hunderten von Regeln und Verboten versuchen die Gottesstreiter der verschiedenen Religionen, den Verstand eigenständiger Menschen zu verwirren und die Lebensfreude aus ihren Herzen zu vertreiben. Registriere man sich jedoch bei Gottes Bodentruppe – so sagen sie – winke für die Auserwählten als Belohnung ein unbegrenzter Gratisaufenthalt in Gottes herrlichem Ferienressort. Doch Gottes Werber haben sich zersplittert. Es gibt ständig Streit, wer denn im Besitz der unverfälschten göttlichen Gebote ist. Man schlägt sich deshalb gegenseitig die Köpfe ein. Und für den ewigen Ferienaufenthalt werben die Christen mit sexbefreitem Harfespielen, der Islam mit sechs Dutzend Jungfrauen für jeden Mann. Doch während bei letzterem Angebot ein Recycling-Konzept für die Frauen fehlt, die im Paradies den Männern nicht mehr als Jungfrauen zur Verfügung gestellt werden können, sei bei der sexfreien Variante die Anzahl der Hauptgewinne auf 144 000 beschränkt, wie die Offenbarung verkündet. Bei sechs Milliarden Menschen ein mickriges Angebot.

Religion gibt Halt

Wenige Menschen können sich die Welt ohne göttliche Schutzmacht vorstellen. Und ein persönlicher Schöpfergott ist ein beruhigender Gedanke. Zwar findet die neue Forschung keine nachweisbare Wirkung des Betens. Doch das Gebet bleibt für viele ein wichtiger Halt: Wenn wir sonst nichts bewirken können, bleibt als letzter Ausweg das Beten. Die blosse Möglichkeit, dass es helfen könnte, vermag Trost zu geben.

Als das bis heute tradierte Gottesbild entstand, war die Erde eine flache Scheibe und bildete mit dem darüber gespannten Himmelszelt den gesamten Kosmos. Von der Evolution hatte man keine Ahnung. Das kleine Völklein der Israeliten, mit Moses an der Spitze, konnte sich da gut vorstellen, sie hätten den mächtigsten Gott auf ihrer Seite. Gnadenlos schlachteten sie Völker, die ihnen in die Quere kamen, samt Frauen und Kindern ab, um ihr «heiliges Blut» und den «heiligen Samen» rein zu halten. Wenn es aber 4000 Religionen und Gottheiten gibt, so gibt es aus Sicht der jeweiligen Religion entsprechend viele Ungläubige oder Atheisten. Jeder Anspruch, vor allen auserwählt zu sein, führt zu Konflikten.

Beleidigung der Menschenwürde

In den Vorschriften und Strafandrohungen der Gottheiten liegt das Übel. Götter mit Allmachtsansprüchen und Drohungen bis über den Tod hinaus sind verantwortlich für Intoleranz und Glaubenskriege und gehören in Pension geschickt. Gemäss soziologischen Studien sind religiöse Menschen grundsätzlich intoleranter als nicht religiöse.

Für den amerikanischen Physiknobelpreisträger Steven Weinberg ist Religion gar eine Beleidigung für die Menschenwürde. Mit und ohne Religion gebe es gute Menschen, die Gutes tun, und böse Menschen, die Böses tun. Aber nur mit einem religiösen Hintergrund würden gute Menschen böse Taten begehen, findet Weinberg.

Die Rassismus-Gesetzgebung schützt vor religiöser Verfolgung. Aber es sollte auch den Religionen nicht mehr erlaubt sein, Menschen in mannigfacher Art zu ängstigen und zu beschuldigen, indem Naturkatastrophen und individuelles Leid als Strafe Gottes interpretiert werden. Auch das Drohen mit ewigen Strafen im Jenseits gehört geahndet.

Sich von Gott befreien

Die Vorstellung eines schöpferischen, lichterfüllten Kosmos vermag mindestens gleichermassen Geborgenheit zu vermitteln wie der Glaube an einen persönlichen Gott, der mit Behauptungen und Vorschriften unsere Vernunft beleidigt und die Völker gegeneinander aufhetzt. Der schöpferische Lichtkosmos befreit uns von den Hunderten unsinniger und sich widersprechender Gebote der traditionellen Religionen.

Die im alten Gottesbild feste und dunkle Materie hat sich aufgelöst. Jedes Teilchen davon kann als Lichtspur nachgewiesen werden. Manche Quantenphysiker sagen, die Materie sei ein riesiges Informationsfeld, das uns und das Universum erfülle und das auch Geist genannt werden könnte und uns mit allem verbinde. Deshalb dürfen wir die Naturwissenschaften als die grösste spirituelle Errungenschaft der letzten Jahrhunderte sehen. Sie befreit unser Denken und Fühlen. Sie macht es möglich, uns mit allen Völkern auf dem Globus zu verbinden in gemeinsamer Verantwortung für uns und unsere Erde.

Der Autor
Jakob Bösch war bis 2006 Chefarzt der Externen Psychiatrischen Dienste Baselland und Lehrbeauftragter für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Universität Basel. Er beschäftigte sich intensiv mit
alternativen Behandlungsmethoden, insbesondere mit der Integration geistigen Heilens in die Schulmedizin. Mehr infos unter www.jakobboesch.ch

Fotos: zvg

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