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Immer mit der Ruhe

Kategorie: Leben
 Ausgabe 03 - 2010 - 01.03.2010

Text:  Martin Arnold

Die Schweizer sind ein Volk von Rasern. Die Rede ist nicht vom Strassenverkehr, ­sondern vom Umgang mit der Zeit. Kein anderes Volk auf der Welt ist so effizient, so schnell unterwegs.

Die Schweizer rasen durch die Zeit. Zu diesem Schluss kam der amerikanische Psychologe Robert ­Levine schon vor zehn Jahren und bis heute hat sich daran nichts geändert. Er schreibt in seinem Buch «Eine Landkarte der Zeit» über die Schweiz: «Ihr wurde die Ehre des ersten Platzes zuteil, weil sie in allen Bereichen auf hohen Rängen landete.» Die Schweizer im Temporausch. Das Stakkato der Atemlosigkeit hallt nach, wenn der deutsche Zeitforscher Karlheinz Geissler den durchschnittlichen Tagesablauf eines Deutschen (oder Schweizers) als Kanon der Moderne repetiert: Weckerklingeln, Dusche, Nachrichten, ein schneller Kaffee, Zähneputzen, Ärger über die Verspätung von Bus und Zug, Uhrenvergleich im Büro, Beschwerde wegen Zeitdruck, Besprechung über Effizienzsteigerung und so weiter und so fort.

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Schnelle Iren

In über zehn Jahren Recherchearbeit ging Levine der Frage nach, in welchen Kul­turen das Tempo besonders schnell und in welchen besonders langsam ist. Dabei wurde ein Umstand offensichtlich: Eile ­haben scheint eine Veranlagung der Europäer zu sein. Denn ausser Japan und Hongkong schaffte es kein aussereuro­päisches Land in die Top Ten.

Levine verglich in 31 Ländern verschiedene Zeitindikatoren. Freilich sind Alltagssituationen, aus denen er Aufschluss auf das Lebenstempo einer Gesellschaft zieht, etwas willkürlich gewählt. Aussagekräftig sind sie dennoch. Ein Indikator ist die Gehgeschwindigkeit, die ein Fuss­gänger in einer Innenstadt innerhalb von 20 Metern hinlegt, andere Indikatoren sind die durchschnittliche Wartezeit bei der Post und die Genauigkeit der öffent­lichen Uhren. Über die Schweizer Uhren schreibt Levine: «Sie liefern ein höllisch gutes Resultat.»

Übungen für einen gelassenen Umgang mit der Zeit
• Lernen Sie Einladungen richtig zu interpretieren und zu unterscheiden,
wann Pünktlichkeit notwendig ist und wann nicht.
• Trennen Sie Arbeitszeit und soziale Zeit. Gestatten Sie sich in der Freizeit einen lockeren Umgang mit der Zeit.
• Studieren Sie bei Reisen den Umgang mit der Zeit in fremden Kulturen. Lassen Sie sich inspirieren.
• Lernen Sie einen neuen Umgang mit dem «Nichtstun». Es ist keine «verlorene» Zeit.
• Gehen Sie toleranter um mit ­Menschen, die hier oder in fremden Kultur einen anderen Umgang mit der Zeit haben als Sie.

Bei der Gehgeschwindigkeit landete die Schweiz hinter Irland und den Niederlanden auf Platz drei und bei der Bedienung am Postschalter hinter Deutschland auf Platz zwei. Im Ländervergleich landet Irland auf Platz zwei, Deutschland auf Platz drei, gefolgt von Japan, Italien, England, Schweden und Österreich. Acht der neun getesteten europäischen Länder landeten auf den vorderen Plätzen. Einzig die Franzosen nehmen es etwas gemütlicher und belegen Rang elf. Sie liegen aber immer noch deutlich vor den USA (Rang 16). Brasilien landete auf Platz 29.

Nonstop – eine Ausstellung über die Geschwindigkeit des Lebens
Wir sind schnell unterwegs. Und dies nonstop, rund um die Uhr. Wir sparen permanent Zeit und haben doch immer zu wenig davon. Das Stapferhaus Lenzburg beleuchtet mit der Ausstellung «nonstop» das temporeiche Leben. Es inszeniert im Zeughausareal in Lenzburg eine Time-out-Zone, in der es die Besucher in eine Welt von Tempomachern und Tempotherapeuten führt, zwischen Blackberrys und Yogamatten, Expresskassen und Wellness-Oasen. Die Ausstellung zeigt, wie wir zu Kindern der Zeit geworden sind und fragt danach, wie wir mit dem Tempo Schritt halten. Die Ausstellung dauert bis Ende Juni. Mehr Informationen unter www.nonstop.stapferhaus.ch

Zeitlose Indios

Wir leben in einer Epoche unaufhör­licher Beschleunigung. Je entwickelter ein Land ist, desto weniger freie Zeit bleibt, stellt Levine fest. Fast Food sowie mediale und politische Schnellschüsse sind die ­logische Folge, denn wir sind ja dem Konsumstress unterworfen und dürfen keine Zeit mit Essen oder Nachdenken verlieren. Die Diktatur der Geschwindigkeit entspricht dem Gesetz des Kapitalismus. Die Grösseren fressen die Kleineren, die Schnelleren die Langsamen und alles dient der Gewinnmaximierung. Immer mehr geben Maschinen das Tempo vor und die Menschen kommen kaum mehr hinterher. Der Preis, den Europa zahlt, ist hoch: Die spanische Siesta ist der Anpassung an den Zeitstandart der EU geopfert worden. Der italienische Minister Gianfranco Rotondi wollte gar das ausgedehnte Mittagessen seiner Landsleute – mit Hinweis auf die angeblich ungesunde Ernährung – abschaffen. Dolce Vita ade? Vorerst ist er mit ­diesem Versuch gescheitert. Es dürfte aber nicht der letzte Angriff auf die Gemütlichkeit sein.

Zeit verzögern

Das verdichtete, komprimierte wird zum deprimierten Leben. 80 Prozent der Programmierer sind gemäss Untersuchungen nach sechs Jahren ausgebrannt und mit 35 kaum mehr vermittelbar. Viele Manager sind mit 45 ausgepowert. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation leiden  37 Millionen Menschen in Europa unter Burn-out. Der Arbeitsmediziner und Burn-out-Experte Dieter Kissling aus Baden warnt vor der ständigen Arbeitsverdichtung. «Es werden oft massiv Überstunden geleistet, weil viele Firmen in Erwartung der Krise Arbeitsplätze abbauten und dann doch viele Aufträge akquiriert ­haben, die verarbeitet werden müssen.»

Kissling empfiehlt, klare Strukturen im Umgang mit der Zeit aufzubauen und ­deren Einhaltung auch vom Arbeitgeber zu verlangen. «Ausserdem müssen Arbeiter darauf achten, dass sie sich zum Ausgleich bewegen. Sport bietet Entspannung», sagt er. Die Ratschläge sollten ernst genommen werden, denn der Stress geniesst ein Wachstum, von dem die Wirtschaft nur träumen kann. Kissling nennt ihn sogar den Asbest von heute.

Die Zeilen verlocken zum Innehalten in einer Zeit, wo Bedächtigkeit und Ineffizienz schon unter Schutz gestellt werden müssten, so wenig werden sie noch toleriert. Natürlich fragt sich, wann die Grenze totaler Raserei erreicht sein wird. Gibt es eine Endgeschwindigkeit? Oder kollabiert das Leben im Tempodrom vorher? Wird die Beschleunigung zum Fluch? Es scheint an der Zeit, der Zeit wieder mehr Zeit zu lassen. Tiempo siempre hay.

Literatur
Robert Levine: «Eine Landkarte der Zeit – Wie Kulturen mit Zeit umgehen», Verlag Piper 2007, Fr. 17.90

Fotos: Anita Affentranger und Sabine Rufner; Grafik: ffr

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