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Liebe und Lust

Kategorie: Leben, Natur

Text:  Leila Dregger

Leila Dregger : „Sexuelle Lust ist ein Geschenk, dessen wir uns weder schämen noch uns damit brüsten müssen.“

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Lieben ist ja schön und gut. Aber Begehren? Lust gar! Unheimlich. Sie überfällt uns in den merkwürdigsten Situationen, diese Lust, im Supermarkt und im Zug – bleibt aber handkehrum im Ehebett immer öfters aus. Wir können nicht, wenn wir sollen – und wir würden allzu gerne ausgerechnet da, wo es überhaupt nicht passt. Mit der Nachbarin. Dem Musiklehrer. Der Kellnerin – oder irgendeinem hergelaufenen Typ, der eigentlich gar nicht mein Typ ist. Die Lust bringt uns in Situationen, die wir als anständige, mündige Bürger nicht vertreten können; und sie lässt uns Dinge träumen oder gar tun, die nicht unserer Vorstellung von Correctness entsprechen.

Wer immer die Idee ausgebrütet hat, dass Lust nur mit einem Menschen – und zwar mit demjenigen, mit dem wir Tisch und Bett teilen und die Kinder grossziehen – und immer am selben Ort, dem Ehebett, erlaubt sei, war entweder sehr boshaft oder aber er verstand rein gar nichts von der Sache. Denn Lust hält sich an keine Gesetze. Sie hat ihren eigenen Willen und ist eine echte Anarchistin. Deshalb war sie allen Herrschenden suspekt. Deshalb haben wir sie behandelt wie die 13. Fee: verteufelt, verboten, reguliert und ins Dunkle verbannt: in Rotlichtbezirke, die Pornoindustrie und in heimliche Fantasien, über die wir mit niemandem reden, nicht einmal mit dem oder der Liebsten.

Losgeworden sind wir die Lust dadurch nicht. Aus dem Dunklen des Unbewussten steuert sie unser Verhalten, Fühlen und Denken; sie macht uns zu Zielgruppen einer Werbeindustrie, die unsere heimliche Lust geschickt in Szene setzt. Und so setzt die Werbung uns neue Sollwerte und Leistungsansprüche: Wir müssen sexy, potent, attraktiv und «cool» sein, um uns als Mann oder Frau anerkannt zu fühlen. Viagra macht Rekordumsätze. Derweil bleibt die wirkliche sinnliche Freude aneinander auf der Strecke.

Für die Tempelkulturen von Malta und Kreta war erotische Lust etwas Heiliges, und so wurde sie auch behandelt. Eine offensichtlich lustvolle Frau galt nicht als Flittchen, sondern als Verehrerin der Göttin der Wollust. Sex diente nicht nur der Fortpflanzung oder der persönlichen Liebe, sondern ebendieser Göttin. Dieser «Gottes-Dienst» geschah nicht heimlich, sondern öffentlich im Tempel; jeder wusste davon und kein Gatte empfand es als Treuebruch, wenn seine Gattin Sex mit einem anderen zelebrierte. Unsere heidnischen Vorfahren in Mitteleuropa wiederum begingen die Jahreskreisfeste mit sexuellen Festen: Sie tanzten ums Feuer, Paare fanden sich und verschwanden zusammen in der Dunkelheit, um nach einer Weile mit geröteten Gesichtern befriedigt wieder aufzutauchen. So hatten sie ihren Beitrag für die Fruchtbarkeit der Felder geleistet.

Auch ohne Fruchtbarkeitsriten und Tempelkulte: Wir können von unseren Vorfahren lernen. Sexuelle Lust ist ein Geschenk, dessen wir uns weder schämen noch uns damit brüsten müssen. Es gibt dabei nichts zu leisten, aber auch nichts zu unterdrücken. Wir dürfen die Lust zelebrieren, wenn sie auftaucht, und vor allem ins Licht des Bewusstseins holen. Dort können wir immer noch entscheiden, ob wir ihren Impulsen folgen wollen und welche wir wieder schlafen schicken. So kann Lust endlich wieder als das wahrgenommen werden, was sie ist: human. 


Leila Dregger
ist Journalistin und Buchautorin (u.a. «Frau-Sein allein genügt nicht», Edition Zeitpunkt). Sie begeistert sich für gemeinschaftliche Lebensformen und lebt seit 16 Jahren in Tamera, Portugal, wo sie beim Verlag Meiga und der Globalen Liebesschule mitarbeitet.

Fotos: ZVG | iStock.com
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