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Nahtoderfahrung

Kategorie: Leben, Natur

Text:  Rita Torcasso

Der Tod macht vielen Menschen Angst. Auch deshalb faszinieren Nahtoderfahrungen. Denn sie negieren das vermeintlich Letzte und konfrontieren uns mit der Frage, ob es ein Bewusstsein nach dem Tod gibt.

@ mauritius-images.ch

«Verachte nicht den Tod, sondern befreunde dich mit ihm, da auch er eines von den Dingen ist, die die Natur will.» Mark Aurel (121–180 n. Chr.)

Menschen mit Nahtoderfahrungen erzählen häufig, dass sie aus ihrem Körper heraustraten und sich von aussen sahen (siehe Ausserkörperliche Erfahrungen unten). Manche gelangten danach durch einen Tunnel zu einem hellen Licht. Dort wurden sie von engelgleichen Lichtgestalten geführt und begegneten Verstorbenen. Viele sahen einen Lebensrückblick in Bildern, den «Lebensfilm». Fast alle erlebten eine grosse Ruhe, Frieden und tiefes Glück; einige kehrten nur widerwillig ins Leben zurück. Nahtod-Überlebender Gerhard Roth beschreibt es so: «Ich bewegte mich durch einen Tunnel mit einem hellen Licht am Ende. (. . .) Und dann war da diese extreme Euphorie. Es ist schon paradox, dass der vielleicht glücklichste Moment meines Lebens jener war, in dem es mir körperlich am schlechtesten ging.»

Franz Dschulnigg beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit dem Thema. Der ehemalige leitende Angestellte beim Kanton Bern hielt über 80 Erzählungen von Betroffenen in Kurzfilmen fest und veröffentlichte sie auf www.empirische-jenseitsforschung.ch. Die Website zählt fast 20 000 Abonnenten. Sein Ziel sei ein Beweis dafür, dass es sowohl ein Jenseits wie auch Geistwesen gebe, erklärt Dschulnigg seine Leidenschaft. «Ich bin von einem Leben nach dem Tode überzeugt», sagt er. Jeder werde im Jenseits von verstorbenen Angehörigen begrüsst und in der dort herrschenden Gemeinschaft aufgenommen.

Wohin reist das Bewusstsein?
Ganz anders erklärt die Neurowissenschaft Nahtoderfahrungen: bei Atem- und Herzstillstand, während dem sogenannten klinischen Tod, entwickeln alle Hirnareale eine gesteigerte Aktivität mit Ausschüttung von Endorphinen, die zu einem überwachen Bewusstsein führen. Doch nicht nur bei Versagen der Organe, sondern auch bei grosser Angst, extremer Müdigkeit, in Trance oder während einer Psychose kann das Gehirn in diesen Notfallmodus fallen. Sterbeforscher und Theologen betrachten die Grenzerlebnisse als Beweis für ein Bewusstsein, das unabhängig von der Funktion des Gehirns existiert. Für die Mehrheit der Neurologen hingegen gilt die Hypothese, dass Bewusstsein nicht unabhängig vom Gehirn existiert.

Der Religionswissenschaftler Stefan Nadile schrieb an der Universität Bern eine Dissertation zum Thema und schaltete die Website www.nahtod.ch auf. Er sagt: «Aus meiner Sicht gibt es noch keine Messinstrumente, die einen zweifelsfreien Beweis liefern könnten, dass es nach dem Tod eine Form von nichtkörperlicher Existenz gibt.» Alle von ihm befragten Menschen mit Nahtoderfahrungen waren überzeugt, wirklich für kurze Zeit tot gewesen zu sein. Und das Erlebnis hatte für sie auch Jahrzehnte danach eine tiefe emotionale Bedeutung. Am Thema interessiert Nadile vor allem, wie Menschen mit der Gewissheit der eigenen Sterblichkeit umgehen.

Ausserkörperliche Erfahrungen

Neben dem sogenannten Lebensfilm und dem Tunnel als Übergang vom Diesseits ins Jenseits zählen Ausserkörperliche Erfahrung (AKE), englisch out-of-body experience, zu den typischen Nahtoderlebnissen. Dabei befinden sich die Betroffenen nach eigenen Angaben ausserhalb ihres eigenen Körpers; manche können dabei ihren eigenen ruhenden Körper betrachten (eine Variante einer Autoskopie).

Das AKE-Phänomen kann auch bei Übermüdung oder bei Klarträumen («luzide Träume») auftreten, ebenso in aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen (z.B. bei Astralreisen) und auch unter Einfluss von psychotropen Substanzen. AKE konnten künstlich und wiederholbar im Labor erzeugt werden, sowohl durch eine bestimmte Verfälschung der Wahrnehmung durch multimediale Simulationen als auch durch gezielte physikalische Beeinflussung der Nervenaktivität des Gehirns.


Sterben als Prozess der Wandlung

Der Übergang vom Leben in den Tod ist eines der letzten grossen Geheimnisse der Menschheit. Die Schweizer Sterbeforscherin Monika Renz schrieb über ihre Erfahrungen mit 600 Sterbenden das Buch «Hinübergehen». Darin hält sie fest, dass sich im Sterben eine Wandlung vollziehe, unabhängig davon, ob man religiös sei und an ein Jenseits glaube: «Sterbende verlassen schon vor ihrem Tod unser Empfinden von Raum und Zeit, von ‹Ich› und ‹Du›, und sie tauchen immer wieder in eine gänzlich andere Erlebnisweise ein. Wo sie sich bei diesem Übergang noch äussern konnten, beschrieben sie eine auffallend friedliche Atmosphäre und erzählten von Liebe und Licht». Für Renz ist klar: «Der auf sein Sterben zugehende Mensch taucht ein in Zusammenhänge und Wahrnehmungen von ganz anderer, ganzheitlicher Art.»

Der Mystiker Angelus Silesius schrieb vor 400 Jahren: «Wenn ich in Gott vergeh, so komm ich wieder hin, wo ich in Ewigkeiten vor mir gewesen bin.» Und der deutsche Dichter Matthias Claudius (Pseudonym Asmus) schrieb vor rund 250 Jahren: «. . .und am Ende meiner Reise hält der Ewige die Hände und er winkt und lächelt leise – und die Reise ist zu Ende.» Nahtoderfahrungen sind aus allen Kulturen und über Jahrtausende bekannt. Die erste Schilderung findet sich in dem vor mehr als 4000 Jahren entstandenen Gilgamesch-Epos. Viele Berichte darüber und erste Forschungen begannen in den Siebzigerjahren gleichzeitig mit dem Boom von spirituellen Glaubensformen.

Glauben an eine höhere Macht
Heute haben rund vier Prozent der Bevölkerung Nahtoderfahrungen – mit dem medizinischen Fortschritt werden es immer mehr. Zwar sind die Inhalte der Erlebnisse verschieden. Doch allen gemeinsam ist, dass sie als Offenbarung geschildert werden und oft Anlass sind für die Suche nach einer eigenen Spiritualität (siehe auch die beiden Porträts unten). Die Zürcher Yogalehrerin Samira Henning hatte vor Jahrzehnten eine Nahtoderfahrung, bei der sie von einem Geistwesen ins Leben zurückbegleitet wurde. Sie betont: «Nie habe ich das Erlebnis mit Gott im Sinne von Religion in Verbindung gebracht.» Und das obwohl sie in einem Pfarrhaus aufwuchs und nach christlichem Glauben erzogen wurde. Doch ihr Nahtoderlebnis «entsprach gar nicht den Jenseitsvorstellungen nach christlicher Tradition», betont sie. Geblieben sei das Gefühl, dass wir Menschen getragen sind. «Das Nahtoderlebnis hatte für mich etwas unglaublich Befreiendes.»

Laut Bundesamt für Statistik glauben in der Schweiz über 60 Prozent der Frauen und rund 45 Prozent der Männer an eine höhere Macht, die unser Schicksal bestimmt. 53 bzw. 43 Prozent glauben an ein Leben nach dem Tod und ebenso viele vertrauen auf Engel oder übernatürliche Wesen. Solche «Geistwesen» als Mittler zwischen dem Diesseits und dem Jenseits kennen alle Weltreligionen. Im Arabischen sagt ein Sprichwort: «Der erste Gedanke Gottes war ein Engel. Das erste Wort Gottes war ein Mensch.»

Der Künstler Paul Klee, der sich selbst als «nicht religiös» bezeichnet hatte, schuf 77 Bilder von Engeln, viele mit 90 Jahren, kurz vor seinem Tod. Er schrieb damals:

«Diesseitig bin ich gar nicht fassbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch nicht nahe genug.»

Porträt



«In diesem Licht zu sein, war das Beste, was ich je erleben durfte.»

Nicole Züllig, 68
Psychologin und Traumatherapeutin, Zürich

Im Arbeitsraum von Nicole Züllig hängt ein grosses Bild mit einem Lichtkreis. «Das habe ich aus der Erinnerung gemalt», sagt sie. Mit 16 Jahren wurde sie in Mailand mit sehr starkem Asthma ins Spital eingeliefert. Züllig: «Ich bin aus meinem Körper herausgetreten und begann zu schweben; dann wurde ich wie magnetisch von einem Licht angezogen.» Die Rückkehr erlebte sie als seelisch schmerzhaft. Sie verdrängte das Erlebte über 17 Jahre lang; dennoch bestimmte es ihre Berufswahl mit. «Ich habe nach diesem Erlebnis immer versucht, Antworten zu finden», sagt Züllig. Nach dem Psychologiestudium hörte sie in den USA erstmals von Nahtoderfahrungen. «Das erklärte endlich mein Erlebnis und veränderte mein Leben.» Fortan setzte sich die Psychologin zum Ziel, die beiden Ebenen des Ausserkörperlichen und des Körperlichen zusammenzubringen. Sie begann sich mit Trauma-Therapie zu beschäftigen. «Nahtoderfahrungen federn ein traumatisches Erleben ab und wenden es in etwas Positives», erklärt sie. Dieses Wissen sei ungemein tröstlich für die Menschen, weil die meisten grosse Angst vor dem Tod hätten.

Züllig leitete jahrelang in den USA eine Gruppe der Internationalen Gesellschaft für Nahtodstudien (IANDS); 2014 gründete sie mit Freunden eine Schweizer Sektion. Sie betont: «In dieses Licht gezogen zu werden, war eine riesige Freude – das Beste, was ich je erlebt habe.»

Dokumentarfilm

Edwin Beeler, «Die weisse Arche. Am Übergang in eine andere Welt», Calypso Film AG 2016, ca. Fr. 27.–

Infos und Bestellung: www.die-weisse-arche.ch 

Porträt



«Heute ist da eine Gewissheit, dass alles gut wird.»

Monika Dreier, 64
Pflegefachfrau Akutgeriatrie, Zug

Vor zwölf Jahren wurde Monika Dreier auf einer Skitour von einer Lawine verschüttet. «Ich hatte Todesangst», erinnert sie sich. «Dann öffnete sich mir ein Blick ins Jenseits.» In ihrem Buch «Die Lawine» beschrieb sie das Erlebte so: «Ich konnte von lieben Menschen Abschied nehmen und sah auf mein Leben zurück. (...) Alles fügte sich zu einem Sinn. Ich wurde von einer Gestalt aus Licht in einen Zustand von Geborgenheit, Liebe, Zufriedenheit und Glück begleitet.» Nach einer halben Stunde kam die Rettung. Dreier trug Verletzungen davon und litt bis vor einem Jahr fast täglich unter starken Kopfschmerzen. «Anfangs war ich nicht froh über die Rettung. Erst nach und nach konnte ich das Jenseits ins Diesseits integrieren.» Das Nahtoderlebnis habe ihr Leben vollständig verändert. «Vorher war ich eine Suchende. Heute ist da eine Gewissheit, dass alles gut wird», erklärt die Grossmutter von sechs Enkelkindern, die seit Kurzem pensioniert ist. Verschwunden ist ihre Todesangst, von der sie sagt: «Sie war seit meiner Kindheit manchmal so stark, dass sie mich am Leben hinderte.» Das Nahtoderlebnis prägte auch ihre Arbeit als Pflegefachfrau in der Akutpflege: «Ich konnte Sterbende und Angehörige aus eigener Erfahrung durch den Sterbeprozess begleiten und ihnen Zuversicht vermitteln.»

Buchtipps

Monika Leuthold Dreier «Die Lawine» Claudia Wartmann Natürlich 2008, ca. Fr. 35.–

James Van Praagh «Im Himmel zu Hause: Was Kinderseelen über das Leben nach dem Tod berichten» Heyne 2014, ca. Fr. 13.–

C. Juliane Vieregge «Lass uns über den Tod reden» Christoph Links Verlag 2019, ca. Fr. 33.–

Links 

Empirische Jenseitsforschung, Berichte von Nahtoderfahrungen und weitere Informationen:
www.nahtod.ch  

Schweizerische Gesellschaft zur Erforschung von Nahtoderfahrungen: 
www.swiss-iands.ch   

Fotos: mauritius-images.com | ZVG

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