Artikel Leben :: Natürlich Online

Freundschaft

Kategorie: Leben
 Ausgabe 12_2018 - 25.02.2019

Text:  Fabrice Müller

Freunde begleiten einen oft ein ganzes Leben lang. Deshalb sind Freunde für viele Menschen eine Herzensangelegenheit. Damit aus zwei Menschen Freunde werden, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein.

@ unsplash.com, greg raines

«Franz ist der einzige Berufskollege, mit dem mich eine lebenslange Freundschaft verbindet. Wir sehen uns nicht häufig, aber immer wieder; so treffen wir uns in den interessantesten Momenten, zum Beispiel in der Eisenbahn, wenn wir beide zu einem Auftritt unterwegs sind und jeder dem anderen viel Publikum wünscht», schildert der Kabarettist Lorenz Keiser seine freundschaftliche Beziehung zu Franz Hohler in dessen Biografie «Der realistische Fantast», verfasst vom Journalisten und Musiker Martin Hauzenberger. Er kenne Franz Hohler von Kind an, berichtet Keiser. Seine Eltern hätten ihm von der ersten Aufführung Hohlers im Heizungskeller der Universität berichtet. «Ich war damals sechs Jahre alt. Meine Eltern erzählten, sie hätten einen jungen Studenten gesehen, der sehr gut sei. Kurz darauf waren sie mit ihm befreundet.» Der Kabarettist beschreibt seinen Freund Franz als einen «unglaublich herzlichen und lieben Menschen».

Das höchste aller Güter
Freundschaften sind freiwillige, informelle, wechselseitige, zumeist positive Beziehungen vorwiegend ohne offene Sexualität. Damit unterscheiden sich Freundschaften von Familien-, Partner- und Arbeitsbeziehungen. «Sowohl in ihrer Anzahl als auch in ihrer Funktion verändern sich Freundschaften über die gesamte Lebensspanne. Im Durchschnitt nimmt die Zahl der Freunde im Jugendalter deutlich zu, und verringert sich dann wieder», stellten Franz J. Neyer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Cornelia Wrzus von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Rahmen ihrer Arbeit «Psychologie der Freundschaft» fest.

Ebenfalls sinke die Kontakthäufigkeit vom jungen Erwachsenenalter bis ins hohe Alter. Beste Freundschaften werden in der Regel in jungen Jahren geschlossen und halten lange. 14- bis 17-Jährige, die einen besten Freund bzw. eine beste Freundin haben, sind mit ihm/ihr im Durchschnitt bereits seit 7 Jahren befreundet; bei Menschen über 60 dauert die beste Freundschaft im Durchschnitt bereits 39 Jahre. Zu diesem Resultat kommt die Jacobs-Studie «Freunde fürs Leben».

Für den römischen Politiker, Rechtsanwalt, Schriftsteller und Philosophen Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.) verdient die Freundschaft den Vorzug vor allen irdischen Gütern: «Freundschaft ist somit als das höchste aller äusseren Güter zu betrachten», schrieb Cicero, «denn während alle anderen äusseren Güter nur einzelnen Zwecken dienen, verbreitet sich die Freundschaft über die meisten Lebensverhältnisse und ist immer angenehm.»

Freund und Fürsprecher
Doch was steckt hinter diesem unsichtbaren Band der Freundschaft, das zwei Menschen verbindet? Diese und viele andere Fragen waren es, die den Psychologen und Unternehmensberater Philipp Johner aus Zürich veranlassten, sich auf der psychologischen, sozialen und theologischen Ebene mit dem Thema Freundschaft zu befassen und ihm gar ein Buch zu widmen. Denn: «In der tiefenpsychologischen Forschung spielt die Freundschaft keine Rolle, und dies, obwohl sie ein so zentrales Element im Leben vieler Menschen ist», sagt Philipp Johner. Er definiert Freundschaft als «Freund und Fürsprecher des eigenen Potenzials». Freundschaft, so Johner, sei das Wachstumselixier, das stabilisierend wirkt: «Ein Freund wirkt aufbauend, wenn man ihn braucht.»

Freundschaften spielen bereits im Kindesalter eine wichtige Rolle. Kinder entwickeln ab dem zweiten Lebensjahr Vorlieben für andere Kinder, weiss Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. «Ob das eine mit dem anderen Kind spielen möchte, hängt vor allem davon ab, ob es in der Nähe wohnt und in welchem Kontakt die Eltern zueinander stehen. Der Spielkamerad als Individuum ist in der frühen Kindheit noch eher austauschbar. Andere Faktoren, wie ob dieses Kind lässiges Spielzeug hat, spielen ebenso eine wichtige Rolle.» Dies ändere sich in der Pubertät, wo Freundschaften mehr an Personen gekoppelt sind. Dabei rücken neue Aspekte ins Zentrum: Ist die Person mir ähnlich? Kann ich ihr vertrauen? «Durch die grössere Vertrautheit wird aber auch die Verletzlichkeit grösser», gibt Moritz Daum zu bedenken. Insgesamt erhalte Freundschaft im Jugendalter mehr Gewicht. Freunde bilden einen wichtigen Rahmen, um die eigene Identität zu entwickeln, sich vom Elternhaus abzugrenzen und um Neues auszuprobieren.

«In der Freundschaft öffnet man sich.»

Nackt, ohne sich auszuziehen
Gemeinsame Interessen, Schicksale oder auch gegenseitige Verbundenheit bilden in vielen Fällen das Rückgrat für eine langjährige Freundschaft. Doch es braucht noch mehr, damit aus zwei Menschen echte Freunde werden. Für Cicero ist Freundschaft untrennbar verbunden mit der Tugend. Sie sei nicht nur der Ursprung aller Freundschaft, sondern ohne sie könne keine Freundschaft bestehen. Und: Von einem Freund dürfe man nicht verlangen, was man selbst nicht sein und leisten kann: «Sei zuerst selbst gut, sodann suche einen dir Ähnlichen.»

Für Entwicklungspsychologe Moritz Daum spielt die gegenseitige Sympathie eine wichtige Rolle, aber auch die Fähigkeit, empathisch zu sein und den anderen zu verstehen. Weiter baue eine echte Freundschaft auf Vertrauen auf: «Vertrauen bildet die Grundlage für eine langfristige Beziehung.» Wobei, gibt Daum zu bedenken, Freundschaften etwas Dynamisches sind, die sich über die Jahre auch verändern können. Trotzdem bleibe das Band der Freundschaft bestehen.

Es sei eine Frage des Herzens, sagt Psychologe Philipp Johner, ob man sich auf einen anderen Menschen einlassen will oder nicht, wie viel Nähe und Offenheit man zulässt: «In der Freundschaft öffnet man sich. Man ist nackt, ohne sich auszuziehen.»

Freunde «ticken» gleich
Nicht nur in ihren äusserlichen Eigenschaften, Interessen oder im Alter sind sich Freunde ähnlich – auch die Gehirne von miteinander befreundeten Menschen «ticken» offenbar gleich, wie Studien ergeben haben. Forscher bezeichnen dieses Phänomen als «Homophilie». Sie steht für die Vorliebe für Gleiches bei Freunden. «Eine Vielzahl von Belegen deutet darauf hin, dass diese Homophilie ein sehr altes Organisationsprinzip ist – möglicherweise sogar eines der auffallendsten Merkmale menschlicher Gesellschaften», erklärt Carolyn Parkinson von der University of California in Los Angeles. In einem Experiment mit 279 Studierenden wurde deutlich: Je enger die Teilnehmenden befreundet waren, desto ähnlicher waren ihre neuronalen Reaktionen auf eine Reihe verschiedener Videoclips. «Der Zusammenhang von neuronaler Ähnlichkeit und sozialer Nähe ist in seinem Ausmass erstaunlich», kamen die Forscher laut wissenschaft.de zum Schluss.

«Ein Freund wirkt aufbauend, wenn man ihn braucht.»

Sich auf andere einlassen
Jeder Mensch ist in der Lage, Freundschaften zu pflegen. Doch manchmal braucht es Geduld, bis man einem wahren Freund begegnet. «Viele Menschen sehnen sich nach Freundschaft, haben aber keine Ahnung, wie man eine Freundschaft aufbaut und pflegt», stellt Philipp Johner fest. Vor allem Führungskräfte, die stark im Beruf eingespannt sind, verschieben ihre Freundschaftspläne in die ferne Zukunft – und verlernen dabei, Freundschaften aufzubauen, so seine Erfahrung. «Wir brauchen Freunde im Hier und Jetzt. Ob man Freunde findet, hängt stets von der eigenen Einstellung und Bereitschaft, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, ab», betont der Buchautor und Psychologe. Die Freundschaft sei ein Handwerk, das man lernen könne. In seinem Buch gibt Johner verschiedene Ratschläge dazu (siehe auch Info-Box). Entscheidend für eine gute Freundschaft sei zum Beispiel das Innenverhältnis, also die Beziehung zu sich selber und die Fähigkeit, zu sich selbst zu stehen. Davon hänge ab, ob man in der Lage ist, Freundschaften mit anderen Menschen zu schliessen.

«Soziale Medien können Freundschaften gefährden.»

Oberflächlicher Glanz
Im heutigen digitalen Zeitalter scheint es einfacher zu sein denn je, Freunde zu finden: Per Mausklick erhöht sich der Freundeskreis auf Facebook und Co. «Soziale Medien können hilfreich sein, Freundschaften zu schliessen. Erfolgserlebnisse in der virtuellen Welt können dazu ermuntern, auch in der realen Welt auf Leute zuzugehen», schätzt Moritz Daum den Vorteil der sozialen Medien für den Aufbau von Freundschaften. «Soziale Medien bergen aber auch Gefahren», gibt er zu bedenken. So sei es online zum Beispiel einfacher, jemanden zu beschimpfen, was zum Bruch einer Freundschaft führen könne.

Für Philipp Johner haben virtuelle Freundschaften einen «oberflächlichen Glanz»: «Wir haben dank Facebook und Co. zwar die Möglichkeit, schneller mit anderen Leuten in Kontakt zu treten. Aber die Fähigkeit, aus diesen Kontakten wahre Begegnungen zu machen, tritt in den Hintergrund.» Es bleibe somit beim informellen Austausch. Das Erlebnis, jemanden physisch in den Arm zu nehmen, entfällt. Ebenso das Gefühl, mit dem Freund oder der Freundin durch dick und dünn zu gehen und Freud und Leid zu teilen

Freunde finden

Wer zum Bäcker geht oder sein Gemüse auf dem Wochenmarkt kauft, kommt meist automatisch ins Gespräch. Diese offene Einstellung hilft, neue Leute kennenzulernen – was wiederum die Chancen auf neue Freunde erhöht.

Small Talk ist eine gute Möglichkeit, um mit Menschen in Kontakt zu kommen. Man sollte in der Lage sein, auch über die profanen Dinge des Lebens zu plaudern.

Lernen Sie die Menschen kennen, die Sie interessieren. Machen Sie den ersten Schritt: Schreiben Sie diese Personen einfach an und schlagen Sie ein Treffen vor.

Laden Sie Menschen zum Essen ein: Kochen Sie etwas oder organisieren Sie ein Frühstück in einem Café. Jeder soll gerne noch jemanden mitbringen.

Mit manchen Menschen wird man schneller warm als mit anderen; eine Freundschaft mit aufrichtigen Menschen muss sich aufbauen.

In Vereinen tummeln sich Gleichgesinnte. Und: Sportliche oder musische Betätigung macht viel mehr Spass in der Gemeinschaft. Es lohnt sich also, sich einem Klub oder Verein anzuschliessen, wenn man neue Freunde finden will.

Buchtipps

Philipp Johner «Freundschaft. Was es für ein erfülltes Leben braucht», Fischer 2012, ca. Fr. 15.–

Dale Carnegie «Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden», Fischer 2011, ca. 20.–

Melanie Wolfers: «Freunde fürs Leben: Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein», Adeo 2016, ca. Fr. 30.–
DVD-Tipp «Intouchables – Ziemlich beste Freunde», ca. Fr. 20.–

Links
www.manres.ch 
www.psychologie.uzh.ch 
www.diepaideia.blogspot.com 

Fotos: unsplash.com, greg raines | jacob ufkes; istockphoto.com | daniel fazio; sharon mccutcheon

 

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Der Vollmond und Ostern

Sterngucker im März.

Kategorie: Leben

Schaukeln bringts

Macht man ein Mittagsschläfchen in der Hängematte, ist man danach besser erholt.

Kategorie: Leben

Mit den Wimpern klimpern

Flirtsignale senden, die das andere Geschlecht versteht, ist gar nicht so...