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Von der Gattin zur Göttin

Kategorie: Leben
 Ausgabe_03_18 - 01.03.2018

Text:  Veronica Bonilla

Eifersucht und Verlustangst prägen unser Leben mehr als wir ahnen und uns lieb ist. Das Friedensforschungszentrum Tamera im Süden Portugals hat einen aussergewöhnlichen Umgang damit entwickelt.

@ Simon du Vinage, istockphoto.com

Nach hundert und einer Kurve über staubige Strassen, vorbei an knorrigen Korkeichen, Eukalyptusbäumen und verfallenden Bauernhäusern biegen wir von der Hauptstrasse ab und folgen einem Weg, der bald zur Schotterstrasse wird. Wir befinden uns in einer der ärmsten Regionen Westeuropas, im von der stillgelegten Landwirtschaft geprägten Alentejo im südlichen Portugal. Karg und trocken ist es hier die meiste Zeit des Jahres. Doch nach der nächsten Kurve plötzlich: ein See! Und ein Teich, und noch einer! Die Ufer sind grün, die Hügel bepflanzt. Dazwischen Häuser, Wohnwagen, Jurten, Solarpanels, Komposttoiletten.

Wir sind in Tamera, einem Öko-Dorf, das sich selbst Heilungsbiotop oder Friedensforschungszentrum nennt. 170 Menschen leben und arbeiten auf dem 150 Hektaren grossen Gelände. Bauen Gemüse nach Erkenntnissen der Permakultur an, produzieren Energie mit Sonne, Wind und Biomasse. Führen eine eigene Schule für die rund 30 Kinder, einen Seminarbetrieb für jährlich mehrere Tausend Gäste aus aller Welt. Hier wird das Leben in Gemeinschaft erforscht, in seiner ganzen Komplexität. Was aber nicht heisst, dass nur Nabelschau betrieben wird: Mit einem internationalen Netzwerk initiiert Tamera weltweit Friedensprojekte, zum Beispiel in Palästina oder Kolumbien.

Verlustangst ist Eifersucht

Beeindruckend, was hier geschaffen und geleistet wird. Doch der Hauptgrund unserer Reise ist weder das smarte Solar Village noch das patente Regenwasser-Retentionssystem. Sondern die Hoffnung, im Gespräch mit Sabine Lichtenfels (64), Mitgründerin von Tamera und Buchautorin, mehr Licht in die dunklen Windungen von Liebesbeziehungen zu bringen. Immer wieder haben wir es erlebt oder im eigenen Umfeld beobachtet: Wie die tückischen Monster Eifersucht und Verlustangst in Beziehungen einfallen und ihre giftigen Spuren hinterlassen. Viele Partnerschaften zerbrechen früher oder später daran. Andere Paare versuchen mit ihrem Interesse an anderen Sexualpartnern irgendwie umzugehen: Indem sie die Anziehung entweder leugnen, unterdrücken oder heimlich ausleben. Hohe Scheidungsraten, Pornografie und Prostitution zeugen allerdings von grosser Hilflosigkeit im Umgang mit dem Thema.

Anders in Tamera. Seit es die Gemeinschaft gibt, also seit bald 40 Jahren, befassen sich ihre Mitglieder intensiv mit den Themen Sexualität, Liebe und Beziehungen – denn das Drama der Welt ist in ihren Augen ein Drama der Liebe. Logisch also, sich den inneren Nöten, die das Zusammenleben von Mann und Frau im Kern belasten, zuzuwenden. Denn: «Solange in der Liebe Krieg herrscht, kann es in der Welt keinen Frieden geben», sagt Lichtenfels.

Zukunftsmodell
Die Gemeinschaft Tamera wurde vom Psychoanalytiker und Soziologen Dieter Duhm und von der Theologin und Friedensbotschafterin Sabine Lichtenfels 1978 in Deutschland gegründet und 1995 nach Portugal verlegt. Tamera versteht sich als «Heilungsbiotop» und gesellschaftliches Zukunftsmodell. Es wird in den Bereichen Ökologie, Technologie, Liebe und Friedenskultur geforscht. Tamera will ein Ort sein, wo Lösungsansätze für eine freie, friedliche und gewaltfreie Gesellschaft entwickelt und gelebt werden, ohne Erde, Menschen und Tiere auzubeuten. www.tamera.org

Die Liebe ist frei

In Tamera wird deshalb die freie Liebe erforscht und gelebt. Gemeint ist damit die Liebe ohne Besitzanspruch, wo nichts und niemand in ein Gefängnis gesperrt wird. Der Begriff führt allerdings auch heute noch zu Missverständnissen und wird, befeuert durch die eigene Fantasie, oftmals mit Gruppensex oder verantwortungsloser Promiskuität verwechselt. Die Realität sieht jedoch völlig anders aus. «Wir verstehen die freie Liebe als ein System des Vertrauens, wo Ehrlichkeit und Wahrheit unter den Liebenden möglich ist», sagt Benjamin von Mendelssohn (42), der mit Sabine Lichtenfels die Globale Liebesschule leitet. Dies hat sichtbare Auswirkungen. Ob an der Sonntags-Matinee, beim gemeinsamen Mittagessen oder abends im Kulturcafé – der Umgang zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern ist in Tamera geprägt von einem tiefen Respekt und einer natürlichen Offenheit.

Die Beziehungsmodelle, die in Tamera gelebt werden, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst: Viele Paare durchleben zumindest am Anfang eine monogame Phase; langjährige intime Partnerschaften sind häufig. Sabine Lichtenfels beispielsweise führt mit Tamera-Mitgründer Dieter Duhm (75) seit 34 Jahren eine Liebesbeziehung und hat mit ihm eine gemeinsame Tochter, beide haben jedoch immer wieder auch andere Partner.

Wenn die erotische Anziehung zwischen zwei Menschen greifbar ist oder die Liebste die Nacht mit einem anderen verbringt, wird das in Tamera weder verheimlicht noch verurteilt. Doch was ist mit Eifersucht, Trennungs- und Verlustangst? Sind die schmerzhaften Emotionen irgendwann wirklich kein Thema mehr? Wenn ja, wie kommt es dazu?

Es ist kein Geheimnis, die meisten Menschen sind nicht fähig, über einen längeren Zeitraum nur einen einzigen Menschen zu begehren – ein Leben lang schon gar nicht. Trotzdem sind viele der Überzeugung, dass Eifersucht ein Zeichen von Liebe ist. Sabine Lichtenfels aber betrachtet sie als Krankheit, die nicht zur Liebe gehört. Sie hast sie selbst erlebt, war Anfang 20 mit jemandem verheiratet, der auf dem Exklusivrecht beharrte und in jedem Mann einen potenziellen Konkurrenten sah. «Die Liebe erstickte», sagt sie. Hätten sich die beiden wie in früheren Zeiten als Göttin und Gott geehrt, wäre das vielleicht nicht passiert.

10 Grundregeln für das Zusammenleben der Geschlechter, nach Dieter Duhm:
01. Die Liebe ist das höchste Kulturgut der Menschheit.
02. Das Vertrauen der Geschlechter ist die Basis einer Zukunft ohne Krieg. Belüge niemals deinen Liebespartner.
03. Du kannst nur treu sein, wenn du auch andere lieben darfst. Freie Liebe und Zweierliebe schliessen sich nicht aus, sondern ergänzen einander.
04. Eifersucht gehört nicht zur Liebe.
05. Partnerschaft lebt nicht von den Ansprüchen aneinander, sondern von der gegenseitigen Anteilnahme und Unterstützung.
06. Sadismus und Masochismus sind aus sexuellen Fehlsteuerungen hervorgegangen. Gewalt gehört nicht zur Sexualität und Unterwerfung nicht zur Liebe.
07. Kein Sex mit Kindern.
08. Sexuelle Handlungen dürfen nie gegen den Willen eines Partners begangen werden.
09. Es gibt in der Liebe keinen Besitzanspruch. Beziehungsprobleme können nicht juristisch gelöst werden, sondern durch die Hilfe einer solidarischen Gemeinschaft.
10. Wenn du eine Wahl hast zwischen Liebe und etwas anderem, dann folge der Liebe.

Lieben wie die Göttinen

Durch ihre Auseinandersetzung mit der Frühgeschichte der Menschheit, mit matriarchalen Kulturen, aber auch mit Mythologien wurde Sabine Lichtenfels klar, dass frühe Göttinnenfiguren, genauso wie die Götter, ganz selbstverständlich mehrere Liebhaber gehabt hatten, zum Beispiel in der griechischen Mythologie. Doch dann wurde die Liebe privatisiert und die Ehe eingeführt, die es vorab den Ehefrauen verbot, Nebenpartner zu haben. Und auch die Frauen begannen, an allen Fronten sicherzustellen, dass sie den einen, der nun ihre sämtlichen Bedürfnisse befriedigen sollte, nicht verlieren. «Damals ist ein Machtdenken in die Liebe eingezogen, das nicht hierhin gehört. Weil es sie zerstört», sagt Lichtenfels.

In den vielen Jahren des gemeinschaftlichen Zusammenlebens setzte man sich in Tamera mit den Besitzansprüchen und den damit einhergehenden Ängsten in der Gruppe auseinander. Dabei stellte Soziologe und Psychoanalytiker Dieter Duhm fest, dass viele Menschen in der Vorstellung leben, nicht geliebt zu werden. «Wenn sie einen Liebespartner gefunden haben, glauben sie innerlich dennoch nicht an dessen Liebe und leben in latentem Misstrauen und latenter Trennungsangst », schreibt Duhm in «Terra Nova – Globale Revolution und Heilung der Liebe». Doch die Methoden, mit denen man in der Trennungsangst agiere, wie Klammern, Jammern, Schimpfen, Erpressen, seien nicht geeignet für die Liebe.

Die allererste Bedingung für eine erfolgreiche Heilungsarbeit ist laut Duhm deshalb die Auflösung dieses traumatischen Kerns: nicht akzeptiert und geliebt zu werden, wie man ist. In Tamera geschieht das zum Beispiel in der Sozialzeit, zu der sich die Mitglieder wochentags um 16.30 Uhr in Gruppen von 25 bis 40 Leuten treffen. Im sogenannten Forum werden persönliche und zwischenmenschliche Konflikte auf die Bühne gebracht. «Dabei realisiert man, dass alle ähnliche Themen haben, für die wir gemeinsam Lösungen finden», sagt Sabine Lichtenfels. Wichtig sei, mit anderen einen Lebensraum zu kreieren, der auf Vertrauen und Transparenz basiert, in welchem man sich gehalten fühlt. «So werden Angst, Eifersucht und Hass irgendwann weniger. Aber es braucht viel Zeit.»

Buchtipps
• Leila Dregger «Tamera – ein Modell für die Zukunft», Meiga 2015, Fr. 29.90
• Sabine Lichtenfels «Weiche Macht. Perspektiven eines neuen Frauenbewusstseins und einer neuen Liebe zu den Männern», Meiga 2018, Fr. 24.90
• Dieter Duhm «Terra Nova. Globale Revolution und Heilung der Liebe», Meiga 2014, Fr. 26.90

Fotos: Simon du Vinage, istockphotos.com

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