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Welt im Wandel

Kategorie: Leben
 Ausgabe_01_02_18 - 01.02.2018

Text:  Benedikt Meier

Haben sie Zukunftsängste, weil morgen nichts mehr so sein wird wie heute? Nicht doch, die Welt hat sich schon immer rasend schnell verändert, sagen Historiker und raten zu mehr Gelassenheit.

@ mauritius-images.com, istockphoto.com

Früher war alles einfacher: Man säte im Frühling, erntete im Herbst und wenn man eines Tages starb, hatte sich die Welt kaum verändert. Die Vorstellung, dass frühere Zeiten statisch waren, dass sich die Welt im Leben eines Menschen kaum bewegte, ist weit verbreitet. Aber ist sie deswegen auch richtig? Der Historiker Ian Mortimer hat sich mit der Frage befasst, in welchem Jahrhundert sich die Welt am heftigsten verändert hat. Wobei: nicht die ganze Welt. Mortimer beschränkt sich auf Westeuropa. Er zählt Jahrhundert für Jahrhundert auf, wie sich das Leben hier gewandelt hat.

Klöster und Burgen

Beispielsweise im 11. Jahrhundert: Im Jahr 1000 hatte der Papst noch kaum Einfluss auf die Kirche und die Kirche wenig Einfluss auf die Menschen. In den meisten Dörfern gab es keinen Pfarrer, nur sporadisch bekamen Bäuerinnen und Bauern einen Geistlichen zu Gesicht. Mönchsorden gab es höchstens in Ansätzen, Burgen und Kathedralen fehlten fast gänzlich. Vieles, was wir heute mit «dem Mittelalter» verbinden (und das 11. Jahrhundert ist tiefstes Mittelalter ), gab es im Jahr 1000 erst im Keim.

Hundert Jahre später standen Burgen, Ritter, Papst und Kirche in voller Blüte. Auch die politische Landkarte war 1100 viel weniger zersplittert als hundert Jahre zuvor. Zahlreiche Städte waren gegründet worden und viele von ihnen hatten es bereits zu etwas Reichtum gebracht. Und so nebenbei hatten nicht nur die Überfälle von Wikingern aufgehört, auch die Sklaverei war aus Westeuropa verschwunden. Kurzum: Westeuropa hat sich im 11. Jahrhundert fundamental gewandelt.

Und doch war das elfte Jahrhundert noch gar nichts im Vergleich zum zwölften. Denn nun veränderte sich die Landschaft selbst. Aus der Vogelperspektive betrachtet, war Westeuropa im Jahr 1100 ein grosses Waldgebiet mit einigen Feldern gewesen. Hundert Jahre später war es ein Flickenteppich aus Landwirtschaft und Wald; Sümpfe waren trockengelegt, Wälder gerodet und Felder urbar gemacht worden. Mit dem Ausbau der Landwirtschaft gingen ein markantes Bevölkerungswachstum, die Gründung weiterer Städte und eine Blüte der Wissenschaft einher. Diese wurde sowohl an den neu gegründeten, ersten Universitäten betrieben, als auch in unzähligen Klöstern. Denn anno 1200 lebten in Westeuropa schätzungsweise 200 000 Nonnen und Mönche. Besonders die Werke der Antike erlebten nun eine Neugeburt. Griechische, lateinische, aber auch arabische Texte wurden übersetzt und neu studiert und das römische Recht bildete eine neue Rechtsgrundlage. Geschrieben wurde nun erstmals auf Papier, einem neuen Material, das noch einige weitere Veränderung anstossen sollte.

Knopf kontra Kompass

Eine Zwischenfrage: Was ist wichtiger, die Erfindung des Kompasses oder die Erfindung des Knopfs? Der eine ermöglichte die Kolonisierung der Welt, der andere erlaubte praktisch geschnittene Kleidung. Langfristig war der Kompass gewiss wichtiger. Aber für die einfachen Leute veränderte der Knopf das Leben viel unmittelbarer. Er ermöglichte bequemere, praktischere Kleidung und war ausserdem eine der wenigen guten Nachrichten aus dem 14. Jahrhundert.

Dieses war geprägt von Hungersnöten, Seuchen und Kriegen. Zwischen England und Frankreich tobte der Hundertjährige Krieg und die Pest raffte mancherorts bis zu einem Drittel der Bevölkerung dahin. Auch in der Schweiz mussten vereinzelte Dörfer aufgegeben werden. Und obwohl zur selben Zeit grossartige Kunst geschaffen wurde und die Kultur an den Fürstenhöfen blühte, darf das 14. Jahrhundert den Anspruch auf den Titel des schrecklichsten Jahrhunderts für Westeuropa erheben.

Im 15. Jahrhundert wäre der Buchdruck eine wichtige Veränderung. Wäre. Aber Ian Mortimer argumentiert, dass dieser seine Wirkung erst sehr viel später entfaltete. Viel unmittelbarer waren die Fortschritte in der Seefahrt: Zwischen 1492 und 1500 entdeckten portugiesische und spanische Seeleute zwei neue Kontinente, den südlichen Teil Afrikas und einen Seeweg nach Indien. Der erste dreidimensionale Globus entstand 1492. Vor allem aber beflügelten die Entdeckungen die Neugier: Nun genügte es nicht mehr, antike Texte zu studieren, um die Welt zu verstehen. Man musste hinausgehen und sie erforschen. Reisen und Experimente waren die neuen

Don Quichotte und der Fortschritt

Als Miguel de Cervantes 1605 seinen « Don Quichotte » publizierte, fasste eine Szene die Entwicklungen des letzten Jahrhunderts perfekt zusammen: der Kampf des Ritters gegen die Windmühlen. Er endet mit einer krachenden Niederlage Don Quichottes und mit der Botschaft: Die moderne Technik (Windmühlen) verdrischt den rückwärtsgewandten Alten. Die Zeit der Ritter und Burgen war vorbei und die Klöster waren in der Krise. Stattdessen wurde viel mehr experimentiert und getüftelt. Für die einfachen Leute noch wichtiger war aber, dass immer mehr von ihnen lesen und schreiben konnten, dass sich ihre Essgewohnheiten veränderten und dass ihre Häuser dank Glasfenstern und Kaminen zu angenehmeren Orten wurden. Gesetze wurden nun nicht mehr nur erlassen, sondern auch immer besser durchgesetzt. Die Zahl der Morde und Gewaltverbrechen nahm drastisch ab.

Im 17. Jahrhundert verbreitete sich das wissenschaftliche Denken, der Blick auf den Menschen und auf die Welt änderte sich radikal und die Religion verlor deutlich an Präsenz. War man schwer krank, rief man anno 1600 normalerweise einen Priester. 1700 rief man einen Arzt.

Haber und der Blick zurück

Die Liste der Veränderungen liesse sich endlos weiterspinnen. Ian Mortimer stellt nach jedem Jahrhundert die Frage, wer den wichtigsten Wandel angestossen hat. Dabei würdigt er nicht nur Berühmtheiten wie Luther, Newton oder Einstein, sondern auch Figuren wie Pierre Abaelard, Innozenz III oder Fritz Haber, den nur wenig bekannten Erfinder des modernen Düngers. Also den Mann, dank dem heute ein grosser Teil der Weltbevölkerung zu essen hat.

Dass schliesslich auch Ian Mortimer zum Schluss kommt, dass sich die Welt im 19. und 20. Jahrhundert am heftigsten verändert hat, ist eigentlich gar nicht so wichtig. Entscheidender ist, dass die Beschäftigung mit den Veränderungen der Vergangenheit den Blick dafür öffnet, dass die Welt noch nie stillgestanden ist und dass jede Generation im Alter mit einer Welt konfrontiert war, die anders war als jene, in der man als Kind aufgewachsen war. Ja, es gibt durchaus Parallelen zwischen der digitalen Transformation von heute und der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, als die Menschen einen ganz grundsätzlichen technologischen Wandel erlebten. Die Eisenbahn und dann auch noch die Elektrizität verbanden sich zu einem Gefühl der vermeintlich richtungslosen Beschleunigung. Dieses Gefühl ist also nicht neu. Und damals wie heute machen die Menschen kategorial neue Erfahrungen.

Der Blick auf den Wandel in der Geschichte wirft die Frage auf, welche Trend  von heute wirklich wichtig sind, und was einfach eine vorübergehende Mode. Kurzum: Der Blick auf die Vergangenheit ermöglicht einen entspannten Umgang mit dem Wandel von heute. Und das macht Mortimers Gedankenspiele lesenswert.

Buchtipp
Ian Mortimer «Zeiten der Erkenntnis», Piper, 2017, Fr. 37.90

Illustrationen: mauritius-images.com, Fotos: istockphoto.com

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