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Von #metoo zum Wir

Kategorie: Leben
 Ausgabe_01_02_18 - 01.02.2018

Text:  Leila Dregger

Die Debatte um sexuelle Belästigungen und Übergriffe zeigt: Wir brauchen mehr weibliche Kultur. Und eine solche entsteht mit Männern, nicht gegen sie.

@ unsplash.com, Illustrationen: Lina Hodel

Seit über anderthalb Jahrhunderten kämpfen Frauen für Gleichheit. Trotz aller Rückschläge haben wir viel erreicht. Zumindest in europäischen Ländern haben Mädchen und Frauen die gleichen Chancen wie Männer. Wir können Karriere machen, politisch aktiv werden, unser Leben selbst bestimmen. Und doch stellen viele fest, dass etwas fehlt. Sie haben trotz aller Gleichberechtigung das Gefühl, in einer fremden Welt zu leben. Bettina Volkens, Personalchefin von Lufthansa, sagte auf die Frage, wie man sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz beenden könnte, in einem Interview dem «Spiegel»: «Wir müssen mehr weibliche Kultur einbringen.»

Weibliche Kultur in die Chefetagen der Konzerne? Schwesterlichkeit im Innersten der Konkurrenzgesellschaft? Was soll das überhaupt sein – weibliche Kultur? Gibt es ureigene Verhaltensweisen von Frauen? Existieren angeborenes weibliches Wissen, Werte und Umgangsformen, die mehr Miteinander, Humanität und sogar Nachhaltigkeit fördern?

Nein, sagt ein Teil der Feministinnen. Weiblichkeit ist Rollenverhalten, das uns anerzogen und gesellschaftlich aufgezwungen wurde, und Emanzipation ist die Befreiung aus diesem Zwang.

Doch, sagen andere, es gibt eine eigenständige und kulturübergreifende Weiblichkeit. Hier liegt unsere innere Heimat. Sie bietet nicht nur ein freieres und glücklicheres Dasein für Frauen. Sie schützt darüber hinaus den Planeten. Denn immer mehr Frauen empfinden Verwandtschaft mit Mutter Erde und wollen alles pflegen, was lebt.

Weiblicher Aktivismus – One Billion Rising
Jedes Jahr am 14. Februar protestieren in 200 Ländern der Erde Gruppen von Frauen und Mädchen gegen sexuelle Gewalt – und zwar auf ganz weibliche Art: durch Tanz. Monique Wilson, Schauspielerin und Sängerin von den Philippinen, ist Sprecherin der Initiative: «Die UNO schätzt, dass jede dritte Frau in ihrem Leben einmal sexuelle Gewalt erleidet. Das sind, wenn man es hochrechnet, eine Milliarde Frauen und Mädchen. Wir haben beschlossen, den Aufschrei darüber in Form eines Tanzes darzustellen.» Seit 2013 beteiligen sich immer mehr Gruppen weltweit, studieren die Choreografie oder ändern sie um. Schulen, Gefängnisse, Parlamente sind dabei, viele Männer schliessen sich an; die Videos werden hochgeladen und im Fernsehen gezeigt; bald, so sind die Organisatorinnen sicher, sind es tatsächlich eine Milliarde Menschen, die mitmachen. www.onebillionrising.org


Kriegsgott statt Muttergöttin

Vieles deutet darauf hin, dass es vor der heutigen männlich dominierten Zivilisation eine andere Epoche gab. Das Wort «Matriarchat» finden Geschichtsforscher nicht angebracht, denn es war keineswegs eine Herrschaft der Mütter. Archäologen fanden in diesen Epochen auch keine Überreste von Waffen oder Verteidigungsanlagen. Sie gruben aber eine Vielzahl von Statuetten üppiger Frauenfiguren aus. Aus diesen und anderen Funden schlossen Historiker, dass Weiblichkeit damals hoch geachtet war. Die Kulturen müssen friedlich und langlebig gewesen sein, und das bedeutet: Sie bewahrten die Natur, von der sie lebten. Flache Hierarchien, wenig Gewalt, relative Gleichheit von Frauen und Männern und einen entspannten, also wenig tabuisierten Umgang mit Sexualität waren weitere Merkmale dieser mutterrechtlichen Stammeskulturen. Bis in unsere Tage erhielten sich solche Gesellschaften in abgelegenen Gegenden, zum Beispiel die Mosuo in China und die Todas in Indien. Einige ihrer Werte bestehen bis in die Neuzeit. So sollte nach der berühmten Irokesen-Verfassung ein Häuptling so «sein wie eine gute Mutter».

Doch die meisten dieser alten Kulturen wurden überrannt und zerstört. Nicht mehr die Muttergöttin, sondern ein Kriegsgott definierte jetzt die Werte. Auf einmal galt schmutzig, was vorher heilig oder wertvoll war. Alles Weibliche und Leibliche, die Erde, die Gemeinschaft des Lebens wurden untertan gemacht. Frauen, die in früheren Kulturen selbst über ihr Leben bestimmen und ihre Liebhaber frei wählen konnten, wurden nun mit Gewalt gezwungen, sich einem Mann unterzuordnen. Sexualität wurde mit vielen Tabus belegt. Mutter Erde galt jetzt als Dreck, ihr Leib als Hölle, und Religionen trösteten uns auf das Jenseits. Weibliches Wissen – etwa über Heilung, Empfängnisverhütung, Abtreibung – war verdächtig und konnte nicht mehr von Frau zu Frau weitergegeben werden. Bis in die Neuzeit wurden Frauen als Hexen verbrannt, weil sie berufstätig waren, weil sie im Wald an einer Quelle sassen oder einfach schön, reich oder besonders klug waren.

Der Schreck darüber sitzt uns bis heute in den Gliedern. Um zu überleben, waren wir Frauen gezwungen, uns den Männern anzupassen. Konkurrenz gegenüber anderen Frauen bot einen evolutionären Vorteil. Was Mann konnte, musste Frau noch besser können für Emanzipation, Karriere und Anerkennung. Viele Frauen haben männliches Denken so stark verinnerlicht, dass wir unsere Quellen tatsächlich vergessen haben. Im Laufe der Zeit entstand darüber im Herzen vieler Frauen eine unnennbare Wut. Sie erschreckt unsere Freunde und Familien, wenn sie jäh ausbricht. Es ist eine Archäologie unseres Inneren, uns an unsere Weiblichkeit und unser weibliches Wissen wieder zu erinnern. Indigene Kulturen können dabei Hinweise liefern.

Kennzeichen weiblicher Kultur
• Miteinander, nicht gegeneinander: Herausforderungen gemeinsam anzugehen, Kooperation statt Konkurrenz, Ausgleich statt Konfrontation: Alle weiblich orientierten Kulturen offenbarten solche Gemeinschaftsqualitäten.
• Kreis statt Pyramide: Das bekannteste Symbol für Weiblichkeit ist der Kreis. Für die Leitungsstruktur bedeutet dies, statt einer einsamen Spitze als Leitung Kreise des Austauschs zu bilden, in denen alle Stimmen gehört werden. Wer mehr weiss als andere, tritt in die Mitte – nicht an die Spitze.
• Von innen nach aussen: Die wichtigsten Anweisungen kommen nicht von aussen. Jedes Wesen besitzt eine innere Wissensquelle, mit der wir uns verbinden und Antworten erhalten können.
• Verbundenheit mit allem, was lebt: Wir sind verwandt mit allen Wesen und können mit allen kommunizieren. Diese Verbundenheit ist Macht, aber keine «Macht über», sondern «Macht mit».
• Frauensolidarität: Das Band unter Frauen, das in männlich dominierten Gesellschaften zerrissen ist, kann wieder geknüpft werden, wenn wir füreinander eintreten und uns unterstützen, voneinander lernen und einander Wissen weitergeben. Wenn reife Frauen die jüngeren stärken und schützen, statt sie eifersüchtig zu beäugen, ist das Frauensolidarität.
• Kultur der Partnerschaft: Sexualität beruht nicht auf Besitz, Macht oder Status, sondern auf dem geöffneten Herzen zweier ebenbürtiger Partner. Eine weibliche Kultur entsteht mit Männern, nicht gegen sie. Oder, in den Worten der Autorin Sabine Lichtenfels: «Eine neue Frauenmacht ist nicht gegen den Mann gerichtet und nicht gegen unsere Liebe zu Männern. Sie verlässt aber entschlossen diejenigen männlichen Strukturen, die zu der weltweiten Vernichtung des Lebens und der Liebe beigetragen haben.»


Zyklen des Lebens

«Die Menschheit muss ihre Kreisläufe wieder mit den Kreisläufen der Natur, der Pflanzen, des Wassers, des Mondes in Einklang bringen», sagt Ati Quigua vom Stamm der Kogi in Nord-Kolumbien. «Besonders die Frauen müssen sich daran erinnern, wer sie sind. Durch ihren Zyklus stehen sie in Verbindung mit den Zyklen der Natur. Durch die heilige Sexualität können sie den Männern Orientierung geben, damit diese die Erde und das Leben beschützen und Frauen respektieren.»

Ähnliches sagt Patricia McCabe von den Diné (Navajo) im Südwesten der heutigen USA. Sie durchlief eine normale westliche Erziehung, bevor sie die Traditionen ihres Volkes neu entdeckte. Heute nennt sie sich nach ihrem indianischen Namen Weyakpa Najin Win, «Frau, die strahlend steht». «Die Indianer lebten über tausend Jahre an einem Ort, ohne ihn zu zerstören. Ihre Nachhaltigkeit kam durch die Beziehungen zu allem, was sie umgab. Und das Wissen über die Beziehungen kam durch die Frauen. Das Weibliche zu ehren, war die Basis für nachhaltiges Leben.»

Wenn Frauen tatsächlich geehrt werden, warum dürfen sie bis heute während ihrer Periode nicht an Zeremonien des Stammes teilnehmen? Patricia: «Eine Frau ist während ihrer Mondzeit ganz nach innen gewandt. Sie öffnet in sich das Tor zwischen Himmel und Erde und zieht durch Träume und Meditation wertvolle Informationen an.» Während ihrer Periode trafen sich die Frauen in einer Mondhütte. Sie widmeten sich der Kontemplation, schwiegen, redeten, schliefen, träumten und wurden von aussen versorgt. Die Träume boten Hinweise für die Gemeinschaft. «So bekam ein Stamm das Wissen über die Beziehung zu allen Dingen, die sie umgaben: zum Regen, zur Luft, zur Sonne, zu den Tieren und Pflanzen. Das war das Geheimnis ihrer Nachhaltigkeit.»

Und was war mit Frauen jenseits der Wechseljahre? Wurden die auch gehört oder traten sie – wie in heutigen westlichen Kulturen – in den Hintergrund?

«Die Grossmütter trafen sich in der Grossmutterhütte, eine Art weiblicher Ältestenrat», antwortet Patricia. «Sie bestimmten Männer zu Häuptlingen, die sie von klein auf  kannten. Stell dir vor, der Präsident der Vereinigten Staaten wäre durch Grossmütter bestimmt worden. Wir müssten uns wohl nicht so viele Sorgen machen.»

Wie viele andere Frauen durchlebte Patricia während ihrer Wechseljahre starke Schmerzen und emotionale Prozesse. «Wir sagen, dass Frauen in dieser Phase wieder schwanger werden. Diesmal gebären wir kein Kind, sondern uns selbst in unserer eigentlichen Kraft und Würde. Die heutige westliche Kultur will den Frauen nicht zuhören. Dabei gäbe es nichts Wichtigeres. Und es gibt kaum etwas Schöneres als Männer, die aus ihrem Herzen sprechen und die Frauen in ihrer Kraft und Verletzlichkeit schützen. Frauen und Männer sind dazu erschaffen, die Liebe der grossen Mutter zu empfangen: die Fülle und Schönheit, die die Erde hervorbringt.» 

Buchtipps
• Sabine Lichtenfels «Weiche Macht», Meiga, 2017, Fr. 24.90
• Leila Dregger «Frau-Sein allein genügt nicht», Zeitpunkt, 2017, Fr. 21.90

Fotos: unsplash.com, Illustrationen: Lina Hodel

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