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Fräulein Meier

Kategorie: Leben
 Ausgabe_12/17 - 01.12.2017

Text:  Simon Libsig

Manchmal muss man Verbotenes machen, findet Simon Libsig. Weil es richtig ist. Zum Beispiel mit der Asche eines verstorbenen Freundes über private Hecken klettern.

@ Pascal Meier, istockphoto.com, Illustration: Janine Strebel

Wir wussten, dass es verboten war. Aber Fräulein Meier hätte sonst keinen Frieden gefunden. Die alte Dame. Ihre Leiche befand sich in einem schrecklichen Zustand. Mehrere Autos waren bereits über sie drüber gefahren, als Billy zur Unglücksstelle kam. Zur Kreuzung beim Kino Royal. Da wollte Fräulein Meier wie jeden Morgen über den Fussgängerstreifen in den Kurpark, zu den Enten, dann weiter, hinter dem Kurtheater durch, die Römerstrasse runter bis zur Villa Langmatt, um dort schliesslich, im französischen Garten, links hinter dem dritten Bänkchen, schön in die ordentlich gestutzte Eibenhecke zu kacken. Das konnte sie nun nicht mehr. Und Billy wusste, es war seine Schuld. Er hatte getrödelt. Er zögerte die morgendliche Runde vor der Schule so lange hinaus, bis es Fräulein Meier nicht mehr aushielt. Halb lahm und blind wie sie war, tastete sie sich den Wänden entlang und schlüpfte schliesslich unbemerkt durch die Hintertür, die Billys Vater, Herr Brütiseller, hatte offenstehen lassen.

Das Quietschen der Reifen und das Hupen hörte Billy Brütiseller von zu Hause  aus, schliesslich auch die Polizei- und Ambulanzsirenen. Aber natürlich hätte er nie gedacht, dass Fräulein Meier in diesen Unfall verwickelt war. Erst als er nach ihr rief, sie im ganzen Haus suchte und nicht fand, da keimte diese schlimme Vermutung in ihm auf, und er lief los, so wie er war, noch in Pantoffeln.

Ein überforderter, wild gegen den Berufsverkehr anfuchtelnder Polizist stand auf der Kreuzung. Zwei Rettungssanitäter kümmerten sich um eine Frau, die in einem weissen VW Golf hinter dem Airbag brüllte, aber niemand kümmerte sich um Fräulein Meier. Die gut 70-Jährige lag einfach da, direkt beim Gehsteig, verhuddelt auf dem Guligitter. «Das hätte Tote geben können,» brüllte der Polizist herüber, als sich Billy über Fräulein Meier beugte. «Ist das dein Hund? Putz ihn weg! »

Billy schloff aus den Pantoffeln und steckte seine Hände hinein. Nun hatte er Tigerfinken-Handschuhe, und vorne beim Spitz waren sie bereits rot. Er lud Fräulein Meier auf, sie war viel leichter als normal und schwappte wie eine Bettflasche. Sorgfältig trug er sie nach Hause. Billy schaffte es ohne sich zu übergeben ins Badezimmer, dort legte er Fräulein Meier in die Badewanne und duschte sie ab. Dann wickelte er sie in sein Donald-Duck-strandtuch und rief mich an.

Wir wussten, dass es verboten war. Man kann nicht einfach irgendwo ein Loch buddeln und ein totes Tier begraben. Es gibt Tierkadaverstellen. Das weiss auch ein Vierzehnjähriger. Aber Billy hatte mich überzeugt: «Weisst du noch, als wir Fräulein Meier als Löwen verkleideten für unsere Zirkusvorstellung? Und wie sie immer ihre Pfote gab?» Ich brachte unsere Campingschaufel und die Taschenlampe mit, Billy trug einen Rucksack. Wir schauten die Römerstrasse rauf und runter und kletterten bei der Villa Langmatt über die Hecke.

Billy wurde Anwalt. Er hatte seine eigene Kanzlei. Eine liebe Familie. Sogar zwei Enkel. Es gab fast keinen Tag, an dem er nicht die kleine Runde spazierte, durch den Kurpark, zu den Enten, hinter dem Kurtheater durch, die Römerstrasse hinunter bis zur Villa Langmatt. Dort setzte er sich jeweils auf das dritte Bänkchen und führte Selbstgespräche. Er war bis zuletzt bei klarem Verstand, und mein bester Freund. Als mir nach seinem Tod testamentarisch die Urne mit seiner Asche drin zukam, wusste ich, was er sich wünschte. Seinen Frieden. Und so kletterte ich als gut Siebzigjähriger nochmals über diese Hecke. Mit der Campingschaufel und meinem Freund im Rucksack. Obwohl ich wusste, dass es verboten war. 

Zur Person
Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch

Fotos: Pascal Meier, istockphoto.com, Illustration: Janine Strebel

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