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Gedankensplitter

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11/17 - 01.11.2017

Text:  Noa Zenger

Flüchtlinge bei den Bloodhounds

@ istockphoto.com

❞Brauch ich frische Luft, lauf ich häufig auf den Gubel – hier in der Hügellandschaft ob Zug der Hausberg. Zwischen dem knapp 1000 Meter hohen Gubel und meinem Wohnort Bad Schönbrunn liegen rund 300 Höhenmeter; eine gute Steigung für eine Nachmittagstour. Schritt für Schritt steige ich auf, schwitze, atme, Petrarca an meiner Seite. 1336, zu einer Zeit, als Menschen Berge noch mieden, fand der italienische Dichter auf dem Mont Ventoux in Südfrankreich eine nie erlebte Ruhe und Klarsicht. Petrarca berichtet, wie er in sich, um sich, über sich blickte. Metaphysische Gedanken, das wissen alle, die «Zberg» gehen, sind treue Begleiter beim Bergsteigen – auch wenn es sich nur um ein Bergli handelt.

So sehe ich an diesem milden Herbsttag Dinge, die mir unten im Staub des Alltags verborgen blieben. Ich rieche, höre, sehe, spüre: die Sonne im Gesicht, die abgeschliffenen Steine im Wildbach, den Wind im wogenden Gras. Ich will wahrnehmen, ohne zu werten. Die eingepferchten Schweine in der Betonbucht, den heruntergekommenen Hof – mein Vorsatz ist oft schwierig zu halten. Doch wenn ich jetzt beginne zu werten, schiebe ich weg und verdränge, dabei möchte ich die Realität stehen und eindringen lassen.

Auf dem letzten Kilometer mache ich einen Umweg, umrunde den Gubel und stosse auf der Kuppe auf das Bundeszentrum für Asylsuchende. Die Gemeinde Menzingen hielt trotz Widerstand daran fest und half mit, dass auf dem Areal der einstigen Lenkwaffenstellung Bloodhound eine Wartestation für 170 Flüchtlinge entstehen konnte. Viele von ihnen sind jung und schlaksig und in banger Erwartung der definitiven Antwort aus Bern. Ab und zu kreuzen sich unsere Wege, man grüsst freundlich, geht weiter. Heute aber ist niemand zu sehen. Stacheldraht und Sichtschutz trennen uns Menschen. Wie sie sich fühlen müssen hier oben, angesichts des halben Dutzends Lenkwaffen, die ihre Raketenspitzen martialisch gegen den Himmel recken? Menschen, die vor Krieg und Konflikten geflohen sind und oft eine ganze Sippe hinter sich wissen, die für die Überfahrt Geld beisteuerten und hoffen, dass der Gesandte sie aus der Not befreie. Die Bloodhounds, so benannt vom britischen Hersteller, waren bis 1999 auf dem Gubel gefechtsbereit installiert und stehen seit 2000 unter Denkmalschutz. Ich staune über diese Unverfrorenheit.

Ein paar Meter weiter eröffnet sich ein Bilderbuch-Panorama – die Glarner und Zentralschweizer Schneeberge grüssen von weitem. Ich kann die Welt nicht retten, was ich aber kann: diese enorme Spannung zwischen Dankbarkeit für mein Leben und dem gefühlten Leid von Menschen und auch von Tieren aushalten. Deshalb will ich immer wieder hinschauen, bewusst Umwege gehen, meinem Mitgefühl Raum lassen, an meinem Lebensstil weiterschrauben hin zu mehr Einfachheit und Nachhaltigkeit. Schlicht an meinem bescheidenen Ort meine Frau stehen.❞

Zur Person
Noa Zenger (41) ist reformierte Pfarrerin. Sie wohnt und arbeitet im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, dem Bildungszentrum der Jesuiten in Edlibach ZG.


Kurse im Lassalle-Haus*
• Kontemplation und Exerzitien
Ein Tag in stiller Betrachtung
18. November 2017, Samstag 9.30 bis 16.30 Uhr
Eingeladen sind Menschen mit Interesse an Kontemplation und ignatianischer Spiritualität, die eine Unterbrechung der Alltäglichkeit, eine Ausrichtung auf das Wesentliche und eine Vertiefung des inneren Weges suchen (weitere Möglichkeit: Samstag, 9.12. 2017, Kursgeld jeweils Kollekte).
• Chan Mi Qi Gong
Meditation in Bewegung
24. bis 26. November 2017, Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr
Wir lernen den eigenen Körper mit neuen Wahrnehmungen kennen und erfahren körperliche Entspannung sowie geistige Ruhe – für eine bessere innere Balance und Gesundheit.
• Stille im Advent und an Weihnachten

Suche nach der inneren Mitte
Kursangebote vom 15. bis 17. Dezember 2017
Ob kontemplative Tage mit der Brunnenvision von Bruder Klaus, eine Einführung in die Sitzmeditation Zen oder Yoga-Einführung in den Advaita-Vedanta: Die drei Kurse vom Wochenende des 15. Dezember bringen uns im hektischen Advent zu innerer Ruhe. Auch über Weihnachten/Neujahr ist das Lassalle-Haus offen. Zur Auswahl stehen drei Kurse: Weihnachtsfeiertage mit dem Leitgedanken «die Hoffnung wach halten» (23.12.–27.12), Exerzitien mit dem Weihnachtsoratorium von Bach (27.12.–2.1.) und ein Zen-Sesshin mit Niklaus Brantschen (27.12.–2.1.).
Infos und Anmeldung: Telefon 041 757 14 14, infowhatever@lassalle-haus.org, www.lassalle-haus.org

*Das Lassalle-Haus in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht. Für «natürlich» schreiben der Jesuit Tobias Karcher und die Pfarrerin Noa Zenger abwechselnd die Kolumne «Gedankensplitter».

Foto: zvg

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