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Stimmungsbombe

Kategorie: Leben
 Ausgabe_10/17 - 01.10.2017

Text:  Susanne Hochuli

Miesepeter können einem ganz schön die gute Laune verderben. Susanne Hochuli hat trotzdem Verständnis für die Launen ihrer Mitmenschen.

@ istockphoto.com

«Doch, Platz haben wir für Sie, hinten beim Kamin; aber mit dem Essen dauert es bestimmt eine Stunde und das meiste auf der Karte haben wir nicht mehr.» Ich schaue in das müde, verhärmte Gesicht der Wirtin und mir wird kalt. Sonntagabend in der Lüneburger Heide: Der Biergarten unter den grossen Bäumen vor dem Gasthaus ist genauso voll wie die gemütliche Stube drinnen; Gäste wollen zahlen, bestellen, Auskunft haben; sie sind durstig, hungrig, ungeduldig und fordernd. Und sie haben bereits wieder vergessen, wie schön die Farben der Heide leuchten, wie sie alle «ah» und «oh» gerufen haben auf den Pferdekutschen, die sie auf Sandwegen durch die Heidelandschaft geschaukelt haben.

Sonnige Hochsaison in der Heide – und ich sitze in der schnuckelig eingerichteten Gaststube, die trotz durchs Fenster fallenden Sonnenstrahlen kühl wirkt. Ich habe mich auf die gemeinsamen Tage mit meiner Mutter in der blühenden Heide gefreut; voller Vorfreude und guter Laune sind wir hier angekommen und die Stimmung eines einzigen Menschen verdirbt die meine, lässt einen freundlichen Raum abweisend wirken.

Also, sage ich mir, versuch zu verstehen: Wie erschöpft die Frau ist nach einem langen Arbeitstag, der noch nicht zu Ende ist; wie müde und schmerzend die Füsse vom ewigen Hin- und Hergehen sind; wie die Gastfreundschaft schwindet mit jedem ungeduldigen oder reklamierenden Gast; wie das Willkommenslächeln sich aus dem Gesicht verabschiedet und sich Gramfalten einschleichen, je länger der Tag, je fordernder die Gäste sind.

Ich denke an so viele vergangene Abende zu Hause: Ich kam heim und die Stimmung fiel in den Keller, weil ich müde aussah, das Gesicht verkniffen und hart auf die Worte schliessen liess, die ich gleich sagen würde. Es wurde kühl in der Wohnung und in mir wohlwollend entgegenblickenden Augen erlosch das Licht.

Das Wetter kann noch so gut sein,
der Garten noch so lauschig und verlockend; Räume können behaglich eingerichtet, Strassen zum Flanieren einladend sein; am Schluss macht der Mensch die Stimmung. Entweder hin oder erhaben!

Nur mürrischen Gesichtern auf der Strasse zu begegnen, dem zischenden Gekeife zweier Mitfahrender im Zug zu lauschen, die blasierten Gesichter der Sitzungsteilnehmenden vor sich zu haben, der verbalen Unzufriedenheit so vieler Mitmenschen ausgesetzt zu sein – und dabei die eigene gute Laune zu behalten, ist schwierig, genauso schwierig wie die Verantwortung für schlechte Stimmung zu übernehmen.

Montagmorgen in der Heide:
Die Wirtin hat eine kurze Nacht hinter sich. Die Sonne strahlt durch die Fenster auf der Ostseite des Hauses, es riecht nach Kaffee und frischen Brötchen und die Gastgeberin fragt freundlich und aufgeräumt: «Was kann ich Gutes für Sie tun?» Die Welt ist wieder in Ordnung! Und ich bedanke mich dafür mit einem Lächeln und Worten des Lobes über die Gastfreundschaft.

Zur Person
Susanne Hochuli ist ehemalige grüne Regierungsrätin des Kantons Aargau und wandert in diesem Jahr quer durch Europa in Richtung Norden. www.susanne-hochuli.ch, www.unterwegs.susanne-hochuli.ch



Foto: Pascal Meier, istockphoto.com

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