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Der weisse Hai

Kategorie: Leben
 Ausgabe_09/17 - 01.09.2017

Text:  Simon Libsig

Was tun, wenn einem die Angst vor grossen, bissigen Fischen den Strandurlaub vermiest? Simon Libsig hat einen Ausweg gefunden.

@ Pascal Meier, istockphoto.com

Es ist eine angenehme Sommernacht, kaum Wind, der Mond scheint hell. Wir sehen einen langen Streifen weissen Strand und hinter den Dünen die Silhouetten von teuren Strandhäusern. Wir hören Gesang. Unterschiedliche Stimmen. Etwa ein Dutzend Jugendliche, junge Männer und Frauen, sitzen um ein knisterndes Lagerfeuer, einer spielt Gitarre.

Unbemerkt von den anderen, löst sich Christina aus der Gruppe, und zieht den schon reichlich angetrunkenen Tom mit sich. Er versucht sie zu küssen, aber sie lacht nur und duckt sich weg.

Das Lagerfeuer ist nun etwa zweihundert Meter entfernt. Christina steht auf einer Düne, sie betrachtet den Ozean und lauscht den sanften Wellen. Hinter ihr kraxelt Tom den Sandhügel hoch, ausser Form und ausser Puste. Als er oben ankommt, findet er nur noch Christinas Sommerkleid, ihr Höschen und ihren BH.

Christina ist schon unten am Ufer angekommen, sie rennt die letzten paar Meter, und taucht ein. Es ist kalt. Sie crawlt drauflos bis sich ihr nackter Körper an die Temperatur gewöhnt hat. Sie ist nun schon ein Stückchen weg vom Strand. Hier ist es tief – und dann sehen wir es.

Eine kleine Wölbung im Wasser
, ein Kräuseln, nur wenige Meter von Christina entfernt. Eine Druckwelle hebt sie sanft aus dem Wasser und lässt sie wieder zurück gleiten. Wir sehen aufkeimende Angst in Christinas Gesicht. Oder war das Tom? Sie lächelt, und blickt sich nach ihm um. Aber da sieht sie ihn am Strand, wie er mit seiner Hose kämpft, zu betrunken, um sie auszuziehen. Christina beginnt zu schwimmen. Dann erstarrt sie. Das Wasser vor ihr wölbt sich erneut. Die Wölbung rast auf sie zu. Jetzt sehen wir die Finne. Sie sticht immer höher aus dem Wasser. Und wir wissen, dass wir sterben.

Das ist die Anfangs-Szene
von Steven Spielbergs Filmklassiker «Der weisse Hai», und ich habe sie gesehen als ich dreizehn war. Der Mann ist genial. Jetzt bin ich vierzig, und wenn ich im Urlaub am Meer bin, schwimme ich nie weiter als fünf Meter raus. Ich bleibe immer ganz nahe am Strand, ich muss auf jeden Fall bis zum Grund sehen können, obwohl ich ganz klar weiss, da ist kein Hai! Ich habe eine latente Angst vor etwas, das es nicht gibt. Und so ein weisser Hai ist hartnäckig, hat er sich erst einmal festgebissen, schwimmt der nicht einfach so wieder davon.

In unserem Leben wimmelt es von weissen Haien und Steven Spielbergs. Es wird Zeit, den Kanal zu wechseln.

Vor den Sommerferien habe ich mir extra sämtliche Folgen von «Flipper» angeschaut. Zwar dachte ich danach nicht, als ich dann den Fuss ins Meer streckte, «oh wie schön, jetzt schiesst gleich ein netter Delphin aus dem Wasser, mit dem ich mich unterhalten kann», aber ich fühlte mich trotzdem irgendwie besser.

Leben heisst schwimmen, da kommen wir nicht drum herum. Aber es schwimmt sich viel angenehmer mit Delphinen als mit Haien. Selbst wenn wir die einen noch die anderen je zu Gesicht bekommen.

Zur Person
Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch

Fotos: Pascal Meier, istockphoto.com

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