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Ich schreibe, also bin ich

Kategorie: Leben
 Ausgabe_09/17 - 01.09.2017

Text:  Fabrice Müller

Die einen verzieren sie mit Schnörkeln, andere haben eine Klaue: Handschriften sind so unterschiedlich und individuell wie die Menschen selbst – sie stehen für einen Teil unserer Persönlichkeit. Nun erlebt das Schreiben von Hand eine Renaissance.

@ Rahel Blaser

Schreiben bedeutet denken. Wer erinnert sich noch an seine erste Unterschrift? Als zum ersten Mal ein Stift zwischen die Kinderfinger wanderte und die Lust am Schreiben erwachte?

Schreiben ist mehr, als mit einem Stift gerade und runde Linien auf ein Papier zu kritzeln. Das wusste schon der Reformator Martin Luther (1483–1546), dem das aktuelle Jahr gewidmet ist (500 Jahre Reformation). Ihm haben wir es zu verdanken, dass das Schreiben zu einem Schulfach wurde. Luthers Credo zur Handschrift lautete: «Schreiben lernen heisst Denken lernen.»

Im 16. Jahrhundert verfügte noch kaum jemand über eine persönliche Handschrift. Damals entwickelten Kalligraphen für ihre Lateinschüler eine Schrift aus dem lateinischen Alphabet. Sie sollte es den Kindern ermöglichen, schneller zu schreiben als mit den üblichen Kalligra eschriften. Einzelbuchstaben wurden miteinander verbunden – dadurch erhöhte sich die händische Schreibgeschwindigkeit deutlich.

Zur selben Zeit wurde von professionellen Kalligraphen, die durch die Gutenbergsche Drucktechnik ihre berufliche Grundlage verloren, ein neues, rechtsgeneigtes Alphabet entwickelt: die «Humanistische Kursive». Sie war eine lupenreine Marketingidee, die den Marktwert und die Honorare der Kalligraphen in die Höhe trieb. Fortan wurden alle Schreibanfänger in die Rechtsneigung gezwungen. Kein Wunder, waren – und sind – für viele Menschen Schreibschrift und Schreibenlernen mit Qual verbunden.

Handschriften analysieren. Die persönliche Handschrift wird verglichen mit der eigenen Stimme. «Sie entfaltet sich ein Leben lang und steht in direkter Verbindung mit den eigenen Emotionen», sagt Dorendorff. So scheint es nachvollziehbar, wenn sich Menschen dagegen sträuben, ihre Hand in eine bestimmte Schreibrichtung zu zwingen. Manchen Menschen liegt es eben eher, gerade, anderen krumm oder «mal so, mal so» zu schreiben.

Diese enge Verbindung der Handschrift zur eigenen Persönlichkeit macht sich die Graphologie zunutze. Sie analysiert Handschriften und versucht daraus, Aussagen über Persönlichkeit und Fähigkeiten des Schreibenden herauszulesen – zum Beispiel Intelligenz, Temperament, soziale Kompetenz oder Zuverlässigkeit. Als Präsidentin der Schweizerischen Graphologischen Gesellschaft (SGG) sowie Psychotherapeutin beschäftigt sich Marie Anne Nauer aus Zürich seit ihrem Studium mit der Analyse von Schriftbildern. «Jede Handschrift ist der Ausdruck einer Persönlichkeit des Menschen», sagt sie. «In der Handschrift ist alles drin. Sie gibt mir Auskunft über die Stärken und Schwächen einer Person.»

Zugang zur Persönlichkeit. Die Bewegung gilt als das Grundelement in der Schrift. Nur durch eine Bewegung kommt die Schreibspur zustande und damit eine Form innerhalb des zur Verfügung stehenden Raumes. «Die Schrift ist unmittelbarer Ausdruck von Bewegung, von kinetischen Impulsen physiologischen oder neuropsychologischen Ursprungs – und gerade deshalb auch Ausdruck von innerer Bewegtheit, von Emotionen, Intentionen und Motivationen», erklärt Nauer. Man wisse heute, dass sich auch psychisches Geschehen neurologisch niederschlage; dass durch Erfahrungen Neuronenverknüpfungen gebildet, verstärkt und lebenslang verändert werden. «Die Handschrift hält die eigene, individuelle Bewegungsspur eines Menschen fest», fasst Naur zusammen. «Deshalb ist die Motorik verschiedener Individuen so unterschiedlich.»

Bis zu 400 Schriftmerkmale. Analysieren Graphologen die Handschriften etwa im Rahmen einer Stellenbewerbung, wird das Geschriebene anhand von folgenden fünf Grunddimensionen untersucht: Bewegung der Schrift, Form der Buchstaben, Schreibraum bzw. Umgang mit dem (Blatt-)Raum, Druck der Schrift und Struktur der Striche an sich. Diese fünf Aspekte werden untergliedert in Tempo, Bindungsform, Handhabung von Abständen, Spannung des Strichs usw., sodass schlussendlich bis zu 400 Einzelmerkmale einer Handschrift in die Persönlichkeitsanalyse einfliessen.

Die Graphologie ist umstritten. Ihr wird vorgeworfen, sie sei unwissenschaftlich. Studien heben die Unzuverlässigkeit der Ergebnisse aus graphologischen Analysen hervor. Die Graphologen behaupten das Gegenteil mit dem Argument, dass Wissenschaft auch, aber nicht nur mit Fakten und Zahlen zu tun habe, und dass es wichtig sei, eine Untersuchung gut aufzubauen. Dann erzielten Graphologen auch gute Resultate. Fakt ist: Die Graphologie erlebte – eng verbunden mit der Psychologie – in den 90er-Jahren einen starken Aufschwung. In der Schweiz arbeitet die SGG mit verschiedenen Universitäten zusammen und gründete im April 2016 das Institut für Handschriftwissenschaften (IHS) mit dem Ziel, das Bewusstsein für die Handschrift und die wissenschaftliche Erforschung ihrer Analyse zu fördern.

Revival der Handschrift? So genial und wichtig sie für den Menschen auch ist: Die Handschrift als Ausdruck seiner Selbst, als direkte Verbindung zwischen Blatt und Seele, gerät zunehmend unter Druck. Die Digitalisierung von Schule, Beruf und Privatleben hat das Handschriftliche weitgehend verdrängt. Doch trotz aller Bemühungen, die Handschrift aus Schule und Beruf zu verbannen, scheint ihr Ende alles andere als nah. Im Gegenteil: Marie Anne Nauer glaubt an eine Rückkehr ins Analoge – und somit auch an ein Wiederaufleben der Handschrift. «Die Leute wollen wieder Sachen anfassen und sinnlich erleben. Davon profitiert auch die Handschrift», sagt sie. Und damit der Mensch. Denn unabhängig von der digitalen Technik ermöglicht die Handschrift dem Schreibenden, seiner Seele Ausdruck zu geben.

Buchtipps
• Birgit Schreiber «Schreiben zur Selbsthilfe: Worte finden, Glück erleben, gesund sein», Springer, 2017, Fr. 29.90
• Anna Schneider «Handlettering. 30 kreative Projekte für Papier, Keramik und Co.», Christian Verlag, 2017, Fr. 29.90
• Gottfried Pott «Schreiben mit Hand und Herz: Kalligrafische Erfahrungen», Verlag Hermann Schmidt, 2017, Fr. 49.90

Illustrationen: Rahel Blaser

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