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Die Freiheit, neu zu beginnen

Kategorie: Leben
 Ausgabe_07_08/2017 - 01.07.2017

Text:  Rita Torcasso

Mit der Pensionierung ändert sich Vieles. Vorbereitung, Lebenserfahrung und Austausch mit andern helfen dabei.

@ Daniel Rihs

Ruhestand – was tun? Henry Goldmann wurde im letzten Sommer pensioniert. Der Berufsschullehrer arbeitete bis 66 und gab dann alle Lehraufträge ab. «Ich habe das zwar bewusst so entschieden, doch der Gedanke an den Ruhestand löste Unbehagen aus, ich war besorgt darüber, was mich erwartet», sagt er heute. «Vor allem der Kontakt mit den jungen Menschen fehlt mir sehr, und auch die Bestätigung, die mir die Arbeit immer gegeben hat.» Gedanken über das Leben ohne Berufsarbeit machte er sich schon zwei Jahre vor der Pensionierung. Er behielt zwei kleinere Aufgabenbereiche als Senior-Berater und begann sich im Freiwilligen-Programm «Generationen im Klassenzimmer» zu engagieren. Damit sei er bis Sommer 2018 ausgelastet. «Doch ich mache mir bereits Gedanken, was nachher kommt. Ich muss vorsorgen, damit ich nicht in ein Loch falle.» Wohl auch aus einer gewissen Unsicherheit heraus sei er am Anfang fast zu aktiv gewesen, räumt er ein und meint: «Jetzt habe ich die Balance gefunden.»

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Angst vor der Leere. Vier Typen lassen sich bei Pensionierten unterscheiden: 1. Geniesser, die vorerst einfach die Freiheit auskosten und dann weiter schauen. 2. Vorsichtige, die sich unsicher fühlen und Unterstützung suchen. 3. Engagierte, die sich für andere Menschen oder für ein Projekt einsetzen wollen. 4. Verwirklicher, die klare Pläne mit konkreten Umsetzungsideen haben. Der Altersforscher Peter Gross, 75, nennt als wichtigste Voraussetzung für einen guten Einstieg in den Ruhestand die ernsthafte Selbstbefragung. Und dann: «Dort helfen oder anpacken, wo man gebraucht wird. Denn das Leben erhält Sinn, wenn man weiss, dass man gebraucht wird. Und endlich das tun, was man im Stress des Erwerbslebens hintanstellen musste.»

Das tönt einfacher, als es ist. Beni Thurnherr sagte drei Jahre vor der Pensionierung dem «Blick», dass er Angst vor der Leere habe. Der Psychiater Andreas Schmid leitet in der Klinik Schützen in Rheinfelden die Abteilung «Zweite Lebenshälfte». «Vor allem auf jene, die sich sehr stark mit ihrem Beruf identifiziert haben, kann sich die Pensionierung wie der Verlust eines geliebten Menschen auswirken», sagt Schmid. «Wenn der Übergang zu abrupt ist, erhöht sich die Gefahr einer Lebenskrise. Der Pensionsschock ist die Kehrseite der hohen Erwartungen, die unsere Gesellschaft an die Berufsarbeit knüpft.»

Neues begrüssen. Pensionierungsvorbereitungen helfen, die Hürde des Übergangs zu überwinden. Besucht werden sollten sie idealerweise etwa zwei Jahre vor dem letzten Arbeitstag. Johanna Garo leitet für AvantAge, der Fachstelle für Alter und Arbeit von Pro Senecute, solche Seminare. «Man muss Abschied nehmen von dem, was man bisher gemacht hat, um Neues anpacken zu können», sagt sie. «Und man muss sich bewusst machen, dass Tagesstruktur und soziale Kontakte nicht mehr einfach so gegeben sind. Das kann eine Herausforderung sein.» Die erste Zeit der Pensionierung werde oft als «Ferien» genossen; doch irgendwann tauche die Frage auf: «Was jetzt?»

In ihrem Seminar stellt Garo den angehenden Pensionären konkrete Fragen und Aufgaben: Wie teilen sie ihren Tag ein? Welche Interessen haben sie bereits, was möchten sie neu beginnen? Ein wichtiger Teil der Vorbereitung gilt dem Finanziellen. «Mir fällt immer wieder auf, dass viele verunsichert sind, ob das Geld reichen wird», sagt Garo.

Träume verwirklichen. Seit einem Jahrzehnt nimmt die Erwerbsarbeit nach dem ordentlichen Pensionierungsalter zu – die Zahl der über 65-Jährigen hat sich mehr als verdoppelt: Heute sind es 185 000 oder 18 Prozent aller Erwerbstätigen. Viele sind selbstständig und entscheiden selber; einige benötigen das Geld oder suchen nach einiger Zeit Arbeit in einem neuen Bereich. Ein solcher Wiedereinsteiger, der über die Stellenvermittlung Emeritus-Work eine Teilzeitbeschäftigung fand, sagt: «Anfangs genoss ich die viele Freizeit. Doch nach einem halben Jahr merkte ich, dass mir der Kick im Alltag fehlt und ich wieder eine Herausforderung brauche.»

Einer, der auch mit 76 noch nicht aufhören will, ist Ruedi Winkler. «Es war ein Traum von mir, mich in der Personal- und Organisationsentwicklung selbstständig zu machen. Mit 60 wagte ich den Sprung», erzählt er. Winkler kündigte damals die Stelle als Direktor des Zürcher Arbeitsamtes. «Der Tod eines Kollegen kurz vor seiner Pensionierung hat mir die Augen geöffnet. Man soll Träume nicht aufschieben.» Klar war für ihn damals, dass mindestens ein Drittel der Arbeit ehrenamtlich sein soll; heute ist es die Hälfte. «Mich interessiert Neues und ich finde gerne Lösungen», sagt Winkler, der mit 65 Handorgel spielen lernte. Seit einem Jahr ist nun auch seine Frau pensioniert. Viel geändert habe sich dadurch nicht – weil sie auch sehr aktiv sei. Winkler ist überzeugt: «Den ganzen Tag zusammen zu verbringen, tut einer Beziehung nicht gut. Das beobachte ich oft bei älteren Paaren.»

Damit spricht Winkler einen wichtigen Aspekt an, der zur Vorbereitung auf die Pensionierung gehört. Seminarleiterin Garo: «Mit dem Ende der Erwerbstätigkeit verändern sich die eingespielten Routinen in der Beziehung. Viele unterschätzen, was das bedeutet. Man muss Tagesstruktur, Freiräume, Haushaltsarbeiten neu aushandeln.» Frauen seien offener für entsprechende Gespräche, viele Männer verdrängten zuerst die anstehenden Veränderungen. Wie wichtig es ist, sich frühzeitig mit diesem Thema zu beschäftigen, zeigen die Statistiken: Über ein Drittel der Ehen werden heute nach über 30 Jahren geschieden.

Nicht bedrängen lassen. Beim Einstieg in die neue Lebensphase helfen Flexibilität und Neugier; beides bleibt auch später wichtig, das ist wissenschaftlich erwiesen. «Um das Gehirn auf Trab zu halten und geistig fit zu bleiben, muss man sich immer wieder mit Neuem herausfordern und soziale Kontakte suchen und pflegen», sagt Mike Martin, Professor am Zentrum für Gerontologie an der Universität Zürich. «Am besten geht das, wenn man sich eine Tätigkeit sucht, wo man eigene Stärken und Interessen einbringen kann.»

Seminarleiterin Garo von AvantAge kennt die Volksweisheit «Wer rastet, der rostet.» Aus Erfahrung weiss sie: «Viele sind am Anfang zu aktiv. Man muss sich Zeit nehmen und sollte Entscheidungen abwägen, weil sie ja oft langfristig sind.» Der Druck, möglichst viel zu machen, komme oft von aussen. «Viele Teilnehmer fühlen sich von den dauernden Fragen nach ihren Plänen bedrängt.» Wirklich nützlich, um das Passende für sich zu finden, sei der Austausch untereinander, betont Garo.

Aus dieser Erkenntnis heraus haben einige frisch Pensionierte vor vier Jahren im Raum Zürich den Treffpunkt «SENIORimPULS» gegründet. Das Ziel: bei einer sinnvollen Lebensgestaltung behilflich sein. Einmal im Monat tauschen junge und alte Pensionäre Informationen und Erfahrungen aus und diskutieren über Lebens- und Sinnfragen. Die Themen bestimmen die Teilnehmenden selber. Meist sind 10 bis 15 Pensionäre am Treff.

Dem Leben Sinn geben.
Was Pensionierte tagein, tagaus machen, zeigt zumindest teilweise die Statistik: Von den jungen Alten bis 79 engagieren sich 28 Prozent in der Betreuung, Unterstützung und Pflege von Enkelkindern, Angehörigen und Bekannten; 23 Prozent machen Freiwilligenarbeit; drei Viertel nutzen regelmässig Kulturangebote – vom Museum bis zur Seniorenuniversität – und ein Drittel besucht Lernkurse; 13 Prozent sind selber kulturell tätig. Mit ihrem Engagement in Projekten wie die GrossmütterRevolution oder «Intergeneration» mischen sich Pensionäre auch in gesellschaftliche Themen ein. Und das ist wichtig. Denn viele von ihnen haben nebst Lebenserfahrung und beruflichem Knowhow auch Zeit und Geld, um der Gesellschaft zu dienen. Das riesige Potenzial liegt noch weitgehend brach.

Mit der Pensionierung beginnt die letzte Lebensphase. Da gehören Sinnfragen und die Beschäftigung mit letzten Dingen dazu. Anders als Aussenstehende oft annehmen, kommen Pensionierte offensichtlich gut damit zurecht: Der Sozialbericht 2016 zeigt, dass sie die höchsten Werte bei der Zufriedenheit mit dem Leben angeben, und diese Werte auch nach 75 hoch bleiben. Die Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello erklärt das damit, dass sie gelernt haben, mit Verlust umzugehen; zudem macht Lebenserfahrung gelassener. «Menschen, die ein mittleres Mass an lebenskritischen Ereignissen hinter sich haben, sind am besten gerüstet für ein gutes Wohlbefinden im Alter.»

Eine Rolle spielt auch, dass man mit zunehmenden Alter sein Leben selbstbestimmter gestalten kann – zumindest solange man gesund ist. Der Schriftsteller Elias Canetti schrieb mit 87 Jahren über das Alter: «Es ist alles kostbarer, vielleicht weil es gezählt ist. Wunderbare Vergeblichkeit des Lernens zu keinem Zweck mehr, es ist nur Lernen an sich. (…) Das Nutzbare verliert an Bedeutung. Die Dinge bedeuten nur noch sich selbst.» 

Buchtipps
• Urs Haldimann «Glücklich pensioniert – so gelingts!», Beobachter Verlag, 2014, Fr. 45.–
• Denise Battaglia «Leben, Tod und Selbstbestimmung», Beobachter Verlag, 2016, Fr. 39.–

Fotos: Daniel Rihs

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