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Der Dreck der andern

Kategorie: Leben
 Ausgabe_06/2017 - 01.06.2017

Text:  Susanne Hochuli

Logisch, es sind immer die andern! Die andern, die Susanne Hochuli nerven, die ihr das Leben schwer machen, ihre Pläne durcheinanderbringen, sie hindern und verhindern. Immer sind es die andern!

Immer sind es die anderen! Auf jeden Fall bin nicht ich es! Egal, was es ist. Ausser natürlich, wenn es etwas Positives zu erwähnen gäbe. Dann stehe ich gerne hin. Dann bin ich verantwortlich!

Das kennen Sie, denn Sie funktionieren nicht anders, liebe Leserin, lieber Leser. Es sind die andern, die beim Einkaufen die Früchte so lange befummeln, bis sie Flecken haben. Aber sicher nicht Sie. Es sind die andern, die beim Autofahren den Güsel zum Fenster rausschmeissen. Sie ärgern sich nur darüber. Es sind die andern, die schlecht über Ausländer reden, ohne einen zu kennen. Sie hingegen wollten sich schon lange bei der Freiwilligenarbeit im Flüchtlingsbereich engagieren. Es sind die andern, die alles schlechtreden und genau wissen, wer an was schuld ist. Bei Stammtischgesprächen machen Sie aber nicht mit, das ist nicht Ihr Niveau.

Es sind auch die andern, die den Begegnungsplatz meiner Gemeinde zu einem Platz der Schande machten: Rostige Nägel liegen herum und Scherben der zerdepperten Bierflaschen. Kinder können hier nicht mehr barfuss gehen, auch wenn der Bach daneben im Sommer zum Baden einlädt. Der Abfall vom Bräteln wird grosszügig auf dem Boden verteilt, obwohl Abfallbehälter bereitstehen. Sorgsam geht man nicht um mit dem Platz, der doch ein Ort der Begegnung sein sollte. Natürlich, das sind die andern, die das tun. Schweizer und Schweizerinnen. Menschen mit Migrationshintergrund sieht man nämlich selten an diesem Ort. Aber geputzt haben sie ihn.

Vier unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) und ihre Betreuerin haben einen Tag lang auf dem Platz der Begegnung gewirkt. Sie haben gejätet, Kies geharkt, rostige Nägel und Scherben in allen Grössen und Farben aus den Steinen geklaubt, sie haben gehackt, sind auf den Knien herumgerobbt, haben gelacht und gestöhnt – und den Dreck der andern beiseitegeräumt. Ich war beim Arbeitseinsatz dabei. Die vier Jugendlichen sind noch nicht lange in der Schweiz, können sich aber schon gut auf Deutsch unterhalten, dank des Unterrichtes durch Freiwillige.

Ich staunte ob ihrer Disziplin. Die beiden eritreisch-orthodoxen Jungen arbeiteten fleissig, obwohl sie weder essen noch trinken durften: Ihr österlicher Fastenplan gab ihnen für diesen Tag vor, dass erst ab 16 Uhr an das leibliche Wohl zu denken sei. Ich bedauerte sie, aber der eine, Johannes, sagte: «Nein, das ist kein Problem. Mach dir keine Sorgen.» Beim Mittagessen sassen sie abseits, hörten Musik und bedankten sich herzlich für die Speisen, die ich ihnen für später mitgab. Auch am Nachmittag ging es nochmals an die Arbeit. Zum Abschluss wollte ich den abgemachten Lohn verteilen. Einer der afghanischen Jungen winkte ab: «Es geht nicht um das Geld!» Der Lohn wanderte in die Gemeinschaftskasse der UMA-Unterkunft.

Wir machten ab,
dass wir im Sommer dafür auch mal ein Fest auf dem Platz der Begegnung feiern werden. Ohne fasten. Und hoffentlich ohne den Dreck der andern.

Zur Person
Susanne Hochuli ist ehemalige grüne Regierungsrätin des Kantons Aargau und wandert in diesem Jahr quer durch Europa in Richtung Norden. www.susanne-hochuli.ch, www.unterwegs.susanne-hochuli.ch





Foto: Pascal Meier, Marco Verch / flickr / cc

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