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❞All die Sterne in unseren Köpfen

Kategorie: Leben
 Ausgabe_06/2017 - 01.06.2017

Text:  Tobias Karcher

Auf meinem Schreibtisch dampft eine Tasse Tee. Greife ich danach, aktiviere ich Dutzende der weltweit schnellsten Supercomputer.

@ Christoph Scholz / flickr / cc, zvg

Fasziniert ziehe ich mein linkes Augenlid hoch – umgerechnet die Leistung eines Laptops – und lasse die Tasse vorerst an ihrem Platz.

Die Umrechnung stammt von Neurowissenschaftler David Eagleman (46). Er forscht an der US-Universität Stanford zum menschlichen Gehirn: ein erstaunliches Gebilde mit 86 Milliarden Nervenzellen und 100 Trillionen Verbindungen. «Das Gehirn ist das komplexeste Ding in unserem Universum. In jedem Kubikzentimeter finden sich mehr Verknüpfungen, als es Sterne in der Milchstrasse gibt», so der Forscher in einem kürzlich erschienenen Interview.

Mit all diesen Sternen im Kopf lese ich weiter – und übermittle dabei laut Eagleman lediglich elektrische Impulse, die das Gehirn in Sinneseindrücke umwandelt. Stimuliert man nun mit neuartigen Sensoren Seh- und Hörnerv, kann das Gehirn Bilder und Geräusche entstehen lassen. Für Blinde und Hörgeschädigte ist das Grund zu grosser Hoffnung.

In Zukunft sollen alle Menschen Zugang haben zu neuartigen Sinnesinformationen; ja wir sollen ganze Bücher direkt ins Hirn transferieren können. «Brauchen wir wirklich mehr Sinne?», fragt der Journalist den Wissenschaftler im Interview. «Es wäre grossartig, wenn wir mehr Sinne hätten», antwortet Eagleman.

Noch mehr Sinne? Gäste, die unser Bildungshaus aufsuchen, sehnen sich nach mehr Klarheit in einer zunehmend komplexen Welt. Auch ich hege diese Sehnsucht und übe mich tagtäglich darin, das Wesentliche in Situationen, in Begegnungen, in Dingen besser erkennen zu können.

Hat nicht David Eagleman selber das beste Beispiel dafür geliefert, dass es auch anders geht? Er berichtet über eine Studie mit Tausenden von Nonnen, die über lange Zeit regelmässig mit Denkaufgaben getestet wurden. Nach ihrem Tod untersuchte man ihre Hirne und stellte überrascht fest: Bei vielen zeigten sich klare Hinweise auf die Alzheimerkrankheit – den Betroffenen jedoch hatte man nichts angemerkt. Die Nonnen hatten bis ins hohe Alter Verantwortung getragen, im Chor gesungen, gemeinsam gebetet, Brettspiele gemacht. Das hatte ihre Nervenzellen gezwungen, ständig neue Hirnverbindungen zu bilden als Ersatz für die zerstörten.

Ich lächle über die cleveren Nonnen. Vor vier Wochen habe ich auf meiner Gitarre neue Saiten aufgezogen und spiele abends des Öfteren wieder meine geliebten Jacques Brel-Lieder aus meiner Studienzeit in Paris. Oder greife zu meinen Gedichtbänden von Rilke und Rose Ausländer, beim Spazierengehen kommen sie mir über die Lippen. Frühmorgens sitze ich auf dem Meditationskissen, gemeinsam mit meinen jesuitischen Mitbrüdern und Gästen. Und abends treffe ich mich regelmässig mit Freunden im «Löwen».

Auch kein schlechter Rhythmus, denke ich. Gedankenverloren greife ich nun doch zur Teetasse – und freue mich über das wunderbare menschliche Gehirn, das dies so mühelos möglich macht.❞

Kurse im *Lassalle-Haus
Reformationstagung
Rückblick und Inspiration für die Zukunft
16. bis 18. Juni, Freitag 18.30 bis So. 13 Uhr
Die Reformaufbrüche des 16. Jahrhunderts haben vieles ins Wanken gebracht – und hüben wie drüben den Blick fürs Wesentliche geschärft. Eine Tagung zu 500 Jahre Reformation mit Vorträgen und Gesprächen, Besinnung und Inspiration für das Christsein von heute.
Vertiefungstag
Kontemplation und Exerzitien
17. Juni, Samstag 9.30 bis 16.30 Uhr
Eingeladen sind Menschen mit Interesse an Kontemplation und ignatianischer Spiritualität, die eine Unterbrechung des Alltags und eine Ausrichtung auf das Wesentliche suchen.
Auszeit zur rechten Zeit
Entschleunigung und Erholung
29. Juni bis 2. Juli, Donnerstag 18.30 bis Sonntag 16 Uhr
Durchatmen, zu Kräften kommen, Abstand gewinnen zum beruflichen und privaten Alltag: ein angeleitetes Wochenende in Bad Schönbrunn für Menschen, die dem Stress körperlich, geistig und seelisch entgegenhalten wollen. Mit der Möglichkeit, individuell einige Tage zu verlängern.
Kunstwoche mit Meditation
Kunst als Weg
30. Juli bis 5. August, Sonntag 18.30 bis Samstag 13 Uhr
Künstler Jörg Niederberger begleitet Menschen mit Liebe zu Farbe und Gestaltung. Passend zur Hausphilosophie hat der Kurs meditativen Charakter im Zeichen der Zen-Tradition und der christlichen Kontemplation.
Infos und Anmeldung: Telefon 041 757 14 14, infowhatever@lassalle-haus.org, www.lassalle-haus.org

Das *Lassalle-Haus in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht. Für «natürlich» schreiben der Jesuit Tobias Karcher und die Pfarrerin Noa Zenger abwechselnd die Kolumne «Gedankensplitter».

Zur Person
Tobias Karcher (54) ist Jesuit und Direktor des Lassalle- Hauses Bad Schönbrunn, Bildungszentrum der Jesuiten in Edlibach im Kanton Zug.


Foto: Christoph Scholz / flickr / cc, zvg

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