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Mit den Wimpern klimpern

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05/2017 - 01.05.2017

Text:  Lioba Schneemann

Flirtsignale senden, die das andere Geschlecht versteht, ist gar nicht so leicht. Denn Frauen flirten anders als Männer. Gutes Flirten will also geübt sein.

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Bevor vor Jahrmillionen ein Angehöriger unserer Spezies das erste Wort über seine Lippen brachte, war nur die Sprache des Körpers relevant. Auch heute gilt, dass die Körpersprache massgebend ist, noch vor dem gesprochenen Wort. Und nicht nur das: Alles, was wir mit dem Körper tun und wie wir uns bewegen, entzieht sich meistens unserer Kontrolle und genauen Kenntnis. Dieses Prinzip gilt erst recht beim Liebeswerben. Und genau das sollte uns freuen. Denn wie Anthropologen erklären, werden Gestik und Mimik der Verführung von allen Kulturkreisen verstanden.

Frauen und Männer senden jedoch unterschiedliche Signale aus beim Liebeswerben. Das kann zu Fehlinterpretationen oder Missverständnissen führen. Was hilft, ist ein Basiswissen über das Flirtverhalten von Frau und Mann. «Frauen schauen auf das Gesamtbild, Männer auf Details» – so lautet eine wichtige Regel. Männer reagieren bereits auf einzelne weibliche Signale, wie lange Haare, rote Lippen, Dekolleté oder wohlgeformten Po. Die Flirtberaterin Monika Matschnig rät darum in ihrem Buch «Körpersprache der Liebe»: «Meine lieben Damen, betonen Sie stilvoll ihre Vorzüge. Bieten Sie Männern Details, die sie nach dem Ganzen verlangen lassen.» Frauen hingegen schauen eher auf die gesamte Erscheinung und auf das Verhalten eines Mannes. Sie geht ein grösseres Risiko ein, wenn sie einen unzuverlässigen Partner wählt – zumindest ist das unser evolutionäres Erbe. Und das treibt uns immer noch an.

Stark im Team. Frauen können offener ihre Reize darstellen als Männer und sie zeigen oft unbewusste Flirtsignale: Sie streichen sich durch die Haare oder mit der Zunge über die Lippen, lachen laut oder zupfen am Pulli herum. Viele Männer allerdings, so Matschnig, erkennen diese Flirtsignale nicht als solche. «Andererseits haben Männer die Neigung, Freundlichkeit und Lächeln einer Frau als sexuelles Interesse zu deuten.» Eine Frau, die weiss, wie man sich verführerisch bewegt, kann die Blicke aller auf sich ziehen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Frauen, die solche Auftritte nicht beherrschen, können im «Team» auftreten. Denn Frauen erregen besonders effektiv Aufmerksamkeit mithilfe von Sprechen, Gestikulieren, Bewegungen der Hände, des Kopfes und der Haare. Gesichter in Bewegung wirken wesentlich interessanter, als wenn man stumm in den Raum schaut.

Für Männer gelten etwas andere Regeln. Wer etwa ein ausgeprägteres Imponiergehabe an den Tag legt, hat eher schlechte Karten. Männer sollten sich bemühen, etwas harmlos und doch kompetent zu wirken, wenn sie sich Frauen nähern wollen. «Cooles Machogehabe war und ist out», sind sich Flirtcoaches einig. Beim Liebeswerben sind Kreativität und Humor Trumpf. Auch wenn einige Männer nach der Arbeit in der Bar ihre Krawatten ablegen und die oberen Knöpfe ihrer Hemden öffnen, tun sie instinktiv das Richtige: Sie wirken entspannter und offener. Bei Frauen dienen ein tieferer Ausschnitt und ein Kettchen mit Anhänger dazu, diese erotische und reizvolle Körperstelle zu betonen.

Spiel mit Erotik und Spannung. Nicht jeder oder jede findet es angenehm, sich darzustellen. «Beim Flirten wagt man sich aufs Glatteis», sagt Esther Elisabeth Schütz, Leiterin des Instituts für Sexualpädagogik ISP Uster. Man frage sich: Erwidert sie meinen Blick? Findet sie mich interessant oder langweilig? Bleibt er dran oder spielt er nur? «Flirten hat viel mit dem eigenen Selbstbewusstsein zu tun. Doch auch wer sich selbst attraktiv findet, wird beim Balzverhalten gefordert, den eigenen Stand nicht zu verlieren.»

Flirten will also gelernt sein. Es ist das Spiel mit Intensität, Einladung, von Rhythmen und Überraschungen geprägt. «Die Mimik, der Blick, die Gesten, der Charme, die Intensität mit ihrer Spannung im Becken gehören genauso dazu wie die leichte Bewegung und die verbale Kommunikation.»

Flirten hat viel von einem Spiel, einem Spiel mit Erotik und Spannung. Die meisten können es von Kindesbeinen an. Man beobachte nur kleine Mädchen und Buben, die schon im Kinderwagen Meister der Verführung sind. «Sie wickeln mit ihrer vollen Aufmerksamkeit und emotionaler Intensität sowie verbalem Geschick Mama oder Papa um den Finger. Das ist die Grundlage von Verführungskunst», erklärt Schütz. Und genau dieselben Gesetzmässigkeiten gelten beim Flirten. «Aus einem kleinen Spiel, vielleicht einem verstohlenen Blick, kann etwas Grösseres kreiert werden, der Blick wird intensiver, er fordert heraus, bezieht den ganzen Körper mit ein, die Gesten unterstützen das Feuer, welches entfacht wird zwischen zwei Menschen, die sich darauf einlassen.» Schliesslich – und das ist ein weiterer unschätzbarer Vorteil eines gekonnten Flirts – macht er schön. Ja, ein Flirt erhöht die eigene Attraktivität und belebt alle Sinne.

Flirten im Web. Egal, wie man oder frau verführt – die Merkmale eines Flirts sind seit Jahrtausenden universell. Verändert haben sich neuerdings die Orte und Möglichkeiten einer Begegnung. Waren es noch zu Grossmutters Zeiten die Tanztees oder Dorffeste, wo man sich traf, sind es heute andere Orte, an denen neue Regeln gelten. Esther Elisabeth Schütz: «Früher waren Männer gefordert, nebst den eigenen Tanzkünsten den Frauen etwas zu bieten und dranzubleiben. Heute lernen sich viele Paare in der Berufswelt kennen. Dort kann Flirten leicht als Anmache oder gar als sexuelle Belästigung gedeutet werden, weshalb sich Männer an ihrem Arbeitsplatz eher zurückhalten.» Grundsätzlich stellt die Sexualtherapeutin fest, dass Frauen dank veränderter gesellschaftlicher Normen selbstbewusster geworden seien und mehr wagten als früher. «Allerdings», so Schütz, «waren es schon immer die Frauen, die mit ihrem ersten Blick die Einladung eröffnen. Die Rolle des Aktiven bleibt hingegen über Generationen hinweg der Mann.»

Wer in Datingplattformen flirtet, muss folglich nicht mehr allzu mutig sein. Viele Frauen und Männer bedauern dies sicher, denn es ist doch genau das, was es braucht für einen ordentlichen realen Flirt: Die Neugier auf das Gegenüber, das Durchhaltevermögen sowie die Kreativität, um das Werben am Laufen zu halten. Schütz: «Es braucht Mut, sich den Blick des Gegenübers zuzutrauen, aktiv zu bleiben, auch wenn das erste Signal nicht gleich Bestätigung ist. Wer in Datingplattformen flirtet, muss andere Verführungskünste anwenden. Da geht es über Sprache, Bilder, die Signale sind schnell, kreieren sofort Echos, die viel Raum für Interpretation zulassen.» Spielereien, Kreativität und Selbstbewusstsein braucht es auch hier, denn manchmal ist der oder die andere mit einem Mausklick in Sekundenschnelle weg. Was so einfach tönt, kann für die einen schnell einmal todlangweilig werden. Menschen, welche sich in erster Linie über das Web kennenlernen, sind bei realen Begegnungen auf eine neue Art gefordert. Man muss hier fähig sein, echt gemeinte Aufmerksamkeit zu spüren und emotionale Intensität wahrzunehmen.

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