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Stimmen aus dem Jenseits

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04/2017 - 01.04.2017

Text:  Thomas Widmer

Wenn Thomas Widmer wandert, beeindrucken ihn die Geschichten der Lebenden. Lesend reist er lieber zu den Toten.

@ Pascal Meier, Illustration: Cora Beck

Zwei Leidenschaften bestimmen mein Leben seit Jahrzehnten: das Wandern und das Lesen. Ich finde, die zwei seien eng verwandt. Nun mag einer sagen: Klar sind die zwei nah beieinander – Lesen und Wandern: Beides bedeutet Reisen. Ich sehe es ein wenig anders: Wenn ich wandere, besuche ich die Lebenden. Und wenn ich lese, besuche ich die Toten.

Das Wandern schillert in allen Farben. Es ist Sport, den Berg hinauf komme ich ins Keuchen; es ist Freundschaft, ich bin mit anderen zusammen; und es ist Genuss, Woche für Woche entdecke ich etwas. Soeben den Schlangen-Zoo von Eschlikon (TG).

Vor allem aber sind da die Begegnungen. Das jurassische Ehepaar am Etang de la Gruère (JU), das mir von seinem ersten Besuch in Appenzell erzählt und wie niedlich der Ort samt den bemalten Häusern ihm vorkam. Der Mann im Zürcher Unterland, der nach dem Tod der Mutter die Besenbeiz schliessen muss; er finde einfach keine Frau, klagt er. Oder die alte Frau im inneren Schwyzerland. In jenem Frühling, als ich sie treffe, ist es aussergewöhnlich heiss. Sie steht vor einer kleinen Kapelle und sagt: « Ich hoffe, wir müssen es nicht büssen! »

Die Stimmen, die Sätze, die Geschichten hallen nach. Die hinkende Wirtin am Zürichsee, die mir von ihrem Hirnschlag erzählt. Der Innerrhoder Älpler, der mir einen frechen Toni-Brunner-Witz vorträgt. Oder die zwei kleinen Buben im Emmental (BE) vor einem Bauernhof am Brunnen. Beide haben Eimer, beide sind klatschnass, offensichtlich ein Giessduell, und der eine hebt den Eimer und kräht stolz: « Schau, er ist schon wieder leer. »

Wenn ich aber frei habe und nicht wandere, lese ich. Nun kann man sagen, dass der Lesende sich doch auch den Lebenden widmet. Mich fasziniert aber mehr das Abtauchen zu denen, die tot sind. Zum im letzten Jahr verstorbenen Historiker Fritz Stern etwa, der von den fünf Deutschland erzählt, die er erlebt hat; die Geschichte startet mit seiner jüdischen Jugend in Breslau, als die Nazis aufkommen, bald muss die Familie fliehen. So viel Anteil bekomme ich lesend an Sterns Leben, dass ich am Ende der Lektüre um ihn trauere.

Die Toten raunen mir zu aus den Seiten der Bücher.
Ich meine das nicht morbid und nicht depressiv; mit dem Älterwerden ist es nun einmal so, dass die Toten wichtiger werden. Ob die Biografie der israelischen Armeelegende Moshe Dayan (der Mann mit der Augenklappe), der Räuberroman « Rinaldo Rinaldini » von Goethes Schwager Vulpius oder George Orwells Sprachbetrachung über Politik und die englische Sprache: alles Besuche bei Toten. Visiten in der Vergangenheit.

Zwischen Diesseits und Jenseits zu pendeln, gefällt mir. Daher lese und wandere ich – für mich gehören die zwei zusammen. Und für beide Leidenschaften bin ich dankbar.

Zur Person
Thomas Widmer ist Kolumnist «Zu Fuss» und Redaktor beim Tages-Anzeiger.


Foto: Pascal Meier, Illustration: Cora Beck

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