Artikel Leben :: Natürlich Online Der reinste Wahnsinn | Natürlich

Der reinste Wahnsinn

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04/2017 - 01.04.2017

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Viele konventionelle Putzmittel rücken nicht nur dem Schmutz zu Leibe, sondern auch Mensch und Umwelt. Dabei putzt sich der Haushalt viel besser ökologisch. Vom Putzen mit gutem Gewissen profitiert auch das Portemonnaie.

@ istockphoto.com

Mit raffinierten Verkauftricks suggerieren Putzmittelhersteller, dass ein wahres Arsenal an Spezialreinigern nötig ist, um den Haushalt sauber zu halten. Das tun sie mit Erfolg: In der Schweiz gelangen jährlich rund 150 000 Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel ins Abwasser! Das hat weitreichende Folgen für die Umwelt und auch für unsere Gesundheit, wie Putzmittelanalysen ergeben haben.

So suggerieren Farbstoffe, wie etwa Zitronengelb, in unseren Köpfen Sauberkeit. Dabei haben sie keinerlei Reinigungseffekt, bedeuten aber eine unnötige Belastung für unsere Gewässer und die Wassertiere. Fische etwa kommunizieren über ihren Geruchssinn miteinander – ihre Fortpflanzung wird durch das Einleiten von Farb- und Duftstoffen empfindsam gestört.

Glasreinigungsmittel zum Sprühen
1 Liter Wasser mit 0,2 Liter Putzessig mischen. Für Fenster, Spiegel und Glastische. Oft reicht ein mit reinem Wasser leicht befeuchtetes Mikrofasertuch.

Putzmittel im Trinkwasser. Ähnlich kritisch bewerten Umweltexperten die verwendeten Duftstoffe. Mit einem frischen Duft assoziiert unser Gehirn Reinheit. Doch auch das ist ein Trugschluss, wie Analysen gezeigt haben: Die Duftstoffe überdecken lediglich unangenehme Gerüche, dies aber mit teils gefährlichen Nebenwirkungen – bei empfindlichen Menschen können sie schwere Allergien auslösen. Und nicht nur das: Synthetische Moschusverbindungen wurden in Wasserlebewesen und sogar in der Muttermilch nachgewiesen.

Auch konventionelle Tenside, die waschaktiven Substanzen, stehen schon seit einiger Zeit in der Kritik, denn sie sind nur langsam und schlecht biologisch abbaubar. Aber auch pflanzliche Tenside sind als giftig einzustufen. In Kläranlagen wirken Tenside wie Desinfektionsmittel und stören die wichtigen Bakterienkulturen empfindsam. Und so finden wir Spuren von Putzmitteln mitunter auch im Trinkwasser und in unserer Nahrung wieder. Und um die Anwendung eines herkömmlichen Toilettenreinigers zu neutralisieren braucht es 53 000 Liter Wasser.

Entkalker
100 Gramm Zitronensäurepulver in 1 Liter warmem Wasser auflösen. Für Kaffeemaschinen, Wasserkocher, Wasserhähne und sonstige mit Kalk verschmutzte Gegenstände (Achtung, leicht ätzend!).

Gewohnheiten reflektieren. In Anbetracht dieser Fakten lohnt es sich, die eigenen Putzgewohnheiten zu reflektieren. «Jeder Reinigungsvorgang ist belastend», konstatiert das Öko-Forum Luzern. «Umweltschonendes Reinigen bedeutet, die Belastung so gering wie möglich zu halten und aus der Vielzahl der Reinigungsmittel jene Produkte rauszufinden, die ökologisch vertretbar sind.» Tatsächlich reichen für den normalen Haushaltsputz drei Mittel: reines Wasser für normale Verschmutzungen, Zitronensäure für Nassbereiche und Waschsoda bei starken Fettrückständen. Ins Putzwasser zur Fensterreinigung kann man allenfalls einen Tropfen Spülmittel oder einen Schuss Essig oder Spiritus geben, wobei letztere Dichtungen und Fensterrahmen angreifen können. Mehr Putzmittel sind im Prinzip nicht nötig. Und dennoch tummeln sich in vielen Haushalten zig verschiedene Plastikflaschen und Sprühdosen in allen erdenklichen Formen und Farben – Mittel, die eigentlich keiner braucht.

Allesreiniger selbstgemacht
• 8 dl Wasser
• 1 EL Soda
• 1 TL Zitronensäure
• 2 EL feste Schmierseife
Wasser aufkochen, Soda darin auflösen, fünf Minuten warten. Dann Zitronensäure beifügen, umrühren. Jetzt die Schmierseife einrühren. Fertig. Abfüllen in Sprühflaschen und deutlich beschriften. Wer nicht auf einen feinen Duft verzichten möchte, kann einige Tropfen eines natürlichen ätherischen Öls zugeben, Lavendel zum Beispiel wirkt antibakteriell und antimykotisch.

Pflanzen statt Chemie. Immerhin, umweltbewusste Hersteller verwenden natürliche ätherische Öle und verzichten auf künstliche antibakterielle Zusätze. Gen- und Nanotechnik sind tabu. Verpackungen werden aus 100 Prozent rezyklierbarem Material hergestellt und können wiederverwendet beziehungsweise nachgefüllt werden.

Die Firma Held gehört zu den Öko-Pionieren in der Schweiz. Der Tüftler und Forscher Gottfried Held entwickelte bereits vor 90 Jahren die ersten umweltfreundlichen Wasch-und Reinigungsprodukte. Bis heute setzt das Unternehmen auf pflanzenbasierte Inhaltsstoffe sowie auf die Verwendung und Weiterentwicklung von umweltverträglichen Verpackungslösungen. Auch in Sachen waschaktive Substanzen ist die Firma Held innovativ. Ein hauseigenes Forscherteam entwickelte Zellstoff-Tenside aus Stroh. Alle Produkte sind tierfreundlich produziert, dies berechtigt die Zertifizierung mit dem «Leaping Bunny». Zudem sind die Produkte Allergiker freundlich, weshalb sie mit dem ECARF-Siegel des Deutschen Allergie- und Asthmabundes versehen sind.

Heisses wasser reicht. Einige Umwelt- und Reinigungsexperten gehen noch weiter. Regina Lenz vom Öko-Forum Luzern etwa sagt: «Wirkungsvollste Mittel gegen den Schmutz sind ein gutes Mikrofasertuch und heisses Wasser. Zusätzlich etwas flüssige Schmierseife, Putzessig und Putzalkohol – mehr braucht es nicht, um einen sauberen Haushalt zu führen.» Vom Einsatz von Desinfektionsmitteln – wie sie zuhauf angeboten werden – rät die Umweltexpertin ab: «Antibakterielle Reiniger können schwere Allergien und Kontaktdermatitis auslösen», sagt Lenz. «Zudem gelten einige als krebserregend und erbgutverändernd.»

Soweit ist es mit unserem Hygienewahn also gekommen: Um Bakterien auf den Leib zu rücken, vergiften wir uns selbst. Dabei leitet sich das Wort Hygiene vom griechischen hygieiné ab, was «der Gesundheit zuträglich» bedeutet. Experten warnen seit Jahren: Übertriebenes Putzen kann kontraproduktiv sein und unserer Gesundheit schaden.

Das brauchts für den Haushaltsputz mit reinem Gewissen
• Heisses Wasser
Ÿ• Mikrofasertuch: eine wahre ökologische Wunderwaffe; eignet sich besonders zur Reinigung von leicht und normal verschmutzten glatten Oberflächen. Nebelfeucht, nicht nass verwenden
Ÿ• Schmierseife und Scheuermilch
Ÿ• Putzalkohol
Ÿ• Putzessig oder Zitronensäure für Nassbereiche und Verkalktes
Ÿ• Waschsoda oder Kaisernatron bei starken Fettrückständen
Ÿ• Mechanische Methoden wie Klopfen, Saugen und Bürsten belasten die Umwelt am geringsten

Bakterienschleuder Putzlumpen. Auch wenn die Vorstellung nicht appetitlich klingen mag – Bakterien sind lebenswichtig für uns. Wir selbst sind besiedelt von Myriaden Bakterien. Ohne würden wir krank, ja sterben. Schon in frühester Kindheit, besonders während der sogenannten «oralen Phase», erlernt unser Immunsystem eine Toleranz gegenüber Bakterien – und diese Toleranz sollten wir möglichst bis ins hohe Alter bewahren.

Zudem ist es ein Trugschluss, zu meinen, dass frisch geputzte Oberflächen keimfrei seien. Die vermeintliche «Gefahr» lauert vielmehr in der Art und Anzahl der Keime, und wo sie stecken. Keimtests haben gezeigt, dass ein feuchtes Wischtuch bedenklicher sein kann, als die trockene Umgebung des Toilettensitzes. Als wirkungsvollster Tipp gegen Bakterien gilt deshalb: Feuchte Wischlappen und Schwämme so aufbewahren, dass sie nach dem Putzen möglichst schnell trocknen können und sie wöchentlich bei 60 Grad Celsius waschen.

Und wie oft sollte geputzt werden? Dazu gehen die Meinungen auseinander. «Das bleibt jedem selbst überlassen», findet Regina Lenz. «Doch je häufiger man putzt, umso weniger Schmutz sammelt sich an.» Ihr Rat lautet deshalb: «Besser häufiger mit Mikrofasertuch und Wasser putzen, dann lässt sich die Verwendung von Reinigungsmitteln minimieren.» Denn auch ökologische Putzmittel lassen sich nicht umweltneutral produzieren. Daher gilt auch für sie: Weniger ist mehr. Die auf der Packung angegebene Dosis kann in der Regel ruhig halbiert werden. Grosse Kanister und Behälter verleiten erfahrungsgemäss zu mehr Verbrauch. Deshalb sollte man Reinigungsmittel in kleinere und handlichere Behälter umfüllen. Am besten aber rückt man dem Schmutz möglichst schnell zu Leibe. Dann tuts auch klares Wasser. 

Der Buchtipp
Linda Thomas «Putzen lieben?!», Verlag Goetheanum, 2015, Fr. 38.90

Illustrationen: istockphoto.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Von Glück erfüllt

Investiert man sein Geld in Erlebnisse, ist das nachhaltiger für die...

Kategorie:

Kategorie: Leben

Glückseligkeit, kompakt

Susanne Hochuli zog aus an die Ostsee, um Stille, Wind, Salzwasser und Sonne zu...