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Genug genügt!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_03/2017 - 01.03.2017

Text:  Fabrice Müller

Weniger ist mehr: Weniger Autos – mehr Platz auf den Strassen; weniger Pestizide – mehr sauberes Wasser; weniger Arbeit – mehr Zeit für die Familie. Verzicht ist zum Statussymbol geworden. Doch wie funktioniert die Kunst des Weglassens?

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Kino und Kunst war seine grosse Leidenschaft. Gleichzeitig verspürte der damals 22-jährige Stanser den Wunsch nach Vereinfachung des Lebens, nach klaren Regeln und Formen. Das fand er als Klosterbruder im Zisterzienserkloster in Hauterive (FR), wo er nun seit 33 Jahren lebt und arbeitet. Der Schritt ins Kloster bedeutete für Pater Jean-Marie, auf manches zu verzichten. «Ich komme aus einer Künstlerfamilie. Gerade am Anfang hatte ich grosse Mühe damit, am Samstagabend nicht mit meinen Kollegen ins Kino gehen oder eine Ausstellung besuchen zu können», erzählt er. Im Kloster widmet sich Pater Jean-Marie der Ikonenmalerei; darin hat er einen anderen Zugang zur Kunst gefunden.

Verzicht wird im Zisterzienserkloster bewusst grossgeschrieben. Pater Jean-Marie und seine Mitbrüder kommen ohne Radio und Fernseher aus. Der Bezug zur Natur spielt für die Zisterzienser eine ebenso wichtige Rolle wie ein strikter Lebensrhythmus mit Gebeten, Arbeit, Mahlzeiten und Schlaf. Oft üben sich die Zisterzienser im Schweigen, so auch bei den Mahlzeiten. «Diese klaren Vorgaben und Strukturen, aber auch der bewusste Verzicht bedeuteten für uns keinesfalls eine Einschränkung», sagt Pater Jean-Marie, «sondern vielmehr eine grosse innere Freiheit».

Die klösterliche Gemeinschaft nimmt Gäste auf, die für ein paar Tage selber die Erfahrung des in sich Gehens, der Stille und des Schweigens machen wollen. Von den Gästen wird erwartet, dass sie sich dem Lebensrhythmus der Brüder anschliessen. Dazu gehören das Schweigen während der Mahlzeiten, das Ausharren von Stille und Einsamkeit sowie die Begegnung mit sich selber und mit Gott. Um vier Uhr in der Früh startet der Alltag der Mönche mit dem ersten Gebet. Nicht allen liege diese spartanische Lebensart, sagt Pater Jean-Marie. «Manche reisen abends wieder ab, weil sie es ohne Handy und Computer nicht aushalten.»

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Weniger online sein. Bewusster Verzicht liegt im Trend. Nicht nur im Kloster, sondern auch im weltlichen Teil der Gesellschaft – auch in Bezug auf Handy und Internet: Laut der aktuellen Forsa- Studie will jeder fünfte der über 3000 Befragten dieses Jahr weniger online sein. Eine andere Studie, die 2016 von Statista.de durchgeführt wurde, befasste sich mit der Frage: Verzichten Sie bewusst auf Dinge, die Sie sich eigentlich leisten könnten? Immerhin rund 15 Prozent der Befragten gaben an, dass diese Aussage voll und ganz zutrifft; bei 32 Prozent trifft diese Aussage «eher zu».

Auf Luxus zu verzichten, setzt voraus, sich bewusst zu sein, was Luxus überhaupt bedeutet. Unter dem Titel «Der nächste Luxus. Was uns in Zukunft lieb und teuer wird», setzte sich das Gottlieb Duttweiler Institute (GD) mit dem Phänomen Luxus auseinander. «Luxus wurde bisher stark von der Nachkriegsgeneration geprägt und stets vor allem mit materiellen Werten in Verbindung gebracht», sagt Marta Kwiatkowski Schenk, Senior Researcher am GDI. Inzwischen habe sich das Verständnis für Luxus gewandelt.

Materielle Werte – für was? Das Leben in der Wohlstandsgesellschaft habe zu einer neuen Definition von Luxus geführt, sagt Kwiatkowski Schenk. «Weil wir uns heute praktisch alles leisten können, erfährt Materielles eine gewisse Abwertung. Andere Werte hingegen, die oft ein knappes Gut sind – Zeit, Erlebnisse, Erfahrungen, Lernen – , haben sich zu neuen Statussymbolen gewandelt.» In der heutigen Wohlstandsgesellschaft werden materielle Werte vermehrt zur Last. Sie müssen unterhalten und geschützt werden. Deshalb komme dem bewussten Verzicht eine neue Bedeutung zu, so die GDI-Forscherin. «Verzichten heisst loslassen. Man leistet es sich, bewusst auf etwas zu verzichten, obwohl man gar nicht müsste.»

Dieses Denken kommt nicht von ungefähr: Anhaftung ist eine Quelle des Leidens, sagte schon Buddha vor mehr als 2500 Jahren. Viele Menschen haben verstanden, dass Besitz allein nicht glücklich macht. Kein Wunder suchen manche die Erlösung in der Spiritualität. Sie streben nicht in erster Linie nach Wachstum des Besitzes, sondern nach Wachstum von Geist und Seele – nach einem gelingenden Leben, einem Leben ohne krankmachende Überforderung bis hin zum Burnout. Voraussetzung für ein solches Leben ist das Loslassen des Begehrens nach Luxus und einem ausschweifenden Leben.

Sehnsucht nach Echtem. In der skandinavischen Gastronomie lässt sich diese Reduktion auf das Wesentliche sehr direkt erfahren. Naturprodukte werden so pur wie möglich belassen und am offenen Feuer gegart. Knochen werden zersägt in Suppen gegeben, Wurzeln kommen zum Einsatz, aus Flechten wird ein Gericht. Entsprechend spartanisch ist auch das Interieur der Gaststuben. «Dieser Trend, die Reduktion auf das Wesentliche, hat unserer Ansicht nach seinen Grund in der Sehnsucht nach dem Echten, dem Haptischen – sozusagen als Gegenbewegung zur zunehmenden Virtualisierung unserer Gesellschaft», sagt Marta Kwiatkowski Schenk. Dies bedeute aber auch: «Man zeigt, dass man nicht zeigen muss.» Somit werde Verzicht zum Statussymbol in einer Wohlstandsgesellschaft, die gut und gerne auf den Verzicht verzichten könnte.

«Was Verzicht für viele Menschen attraktiv macht, ist seine Freiwilligkeit», sagt der österreichische Essayist Franz Schuh. «Man muss nicht verzichten, man kann. Im Lichte dieses ‹Könnens› wird aus der negativen Idee des Verzichts etwas Positives, Spielerisches. Das ist auch eine Variante von Freiheit.»

Fastend Wesentliches berühren. «Ein Fastenrückzug bietet die Chance, dem Urgrund unseres Wesens zu begegnen, dem Wesentlichen», sagt Christina Hostettler, Trainerin für Persönlichkeitsbildung sowie Leiterin von Fastengruppen. Fasten helfe, zu erkennen, was uns eventuell einschränkt und somit hindert, uns wahrhaftig auszudrücken und unser Leben so zu gestalten, dass wir unseren Träumen näher kommen. «Auf allen Ebenen loslassen zu können, ist die Voraussetzung für den erstrebenswerten Zustand des Im-Fluss-Seins», so Hostettler.

Für Pater Jean-Marie hat Verzicht mit Entschleunigung und einer Reduktion der Erlebnise zu tun. Im Gegenzug vertiefe sich dadurch der Inhalt des Erlebten. «Wir erleben das wenige, das wir bewusst gewählt haben, umso intensiver und kraftvoller.» Das bedeute mehr Lebensqualität und Genuss – beispielsweise beim Essen, das die Mönche schweigend einnehmen. Durch den Verzicht auf Zerstreuung spüre man in der inneren Ruhe die Präsenz und Nähe zu Gott viel intensiver, ist Pater Jean-Marie überzeugt. Bei seinen Gästen, die sich ein paar Tage ins Kloster zurückziehen und auf manch Gewohntes verzichten, beobachte er, wie sie nach zwei Tagen beginnen würden, ihre Wahrnehmung zu verändern, sei es beim Hören, Sehen oder auch beim Essen.

Tipps für ein minimalistisches Leben
• Lebe unter deinen Verhältnissen, innerhalb deiner Möglichkeiten und für deine Träume.
• Kaufe nur Dinge, die du brauchst.
• Ziehe den Stecker deines Fernsehers und verstaue das Gerät für eine Woche,einen Monat oder gar für immer im Keller.
• Schnapp dir ein Buch, das du schon immer lesen wolltest, und mach es dir auf der Couch bequem.
• Entdecke die Einfachheit beim Kochen mit Gerichten, für die es kaum mehr als eine Handvoll Zutaten braucht.
• Iss langsam, mit Genuss und ohne Ablenkung.
• Gehe nach draussen und betrachte den Sternenhimmel.
• Unternimm am Samstag Ausflüge in die Natur anstatt in Einkaufszentren.
• Entkopple dich ab und zu von Internet und Handy.
Quelle: einfachbewusst.de

Bewusst und sinnvoll. Beim neuen Luxus des bewussten Verzichts stehen nicht mehr Träume im Zentrum, sondern Erinnerungen, so die Autoren der GDI-Studie. Das Diesseits werde bereits aus der Perspektive des Gehens betrachtet. «Es geht hier um eine Existenz, die aus der Perspektive der eigenen Endlichkeit bewusster und sinnvoller geführt wird.»

Wer verzichtet, leistet auch einen ökologischen und sozialen Beitrag. Getreu diesem Motto fordert Karl-Heinz Schuster aus dem deutschen Rheinau auf der Website www.bewusst-verzichten.de Menschen auf, tageweise, spontan oder regelmässig beispielsweise auf Fleisch oder auf das Auto zu verzichten. Im Gegenzug könne das dadurch eingesparte Geld an wohltätige Projekte gespendet werden. Utopisch? Nur für Gutmenschen? Mitnichten! Das bewusste Konsumieren und Verzichten werde in Zukunft weiter an Bedeutung zunehmen, ist Marta Kwiatkowski Schenk vom GDI überzeugt. Denn: «Aufgrund der steigenden Transparenz von Informationen können wir uns dem Wissen über Produkte und deren Herkunft nicht mehr entziehen. Folglich werde ich als Konsumentin in die Pflicht genommen, Achtsamkeit an den Tag zu legen und nicht verschwenderisch zu sein.»

Buchtipps
• Giorgios Kallis u.a.: «Degrowth – Handbuch für eine neue Ära», Oekom Verlag, Fr. 28.90
• Katharina Finke: «Loslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte», Malik Verlag, 2017, Fr. 22.90

Foto: istockphoto.com

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