Artikel Leben :: Natürlich Online ❞Gespräch durch sechs Jahrhunderte hindurch | Natürlich

❞Gespräch durch sechs Jahrhunderte hindurch

Kategorie: Leben
 Ausgabe_03/2017 - 01.03.2017

Text:  Tobias Karcher

Bereits zu Lebzeiten weit herum bekannt als Friedensstifter, Mystiker und Einsiedler: Niklaus von Flüe, schlicht Bruder Klaus genannt.❞

@ zvg

Wir feiern in diesem Jahr seinen 600 Geburtstag – und ich will an diesem zaghaften Vorfrühlingstag zu ihm.

Ich durchquere den quirligen Dorfplatz in Flüeli, steige in die einsame Ranftschlucht hinunter, kann die Stille erfahren. Die Augen sind auf das frische Grün gerichtet. Die Lungen atmen die würzige Luft. Die Füsse spüren den festen Boden und nähern sich Schritt für Schritt der kleinen Kapelle und dem Gebirgsbach Melchaa. In dem Masse, in dem sich die Sinne öffnen, können wir all das loslassen, was uns beschäftigt: Gedanken, Gefühle, Stimmungen – ich weiss das aus meiner Meditationspraxis. Und vergesse es auch gleich wieder, ganz im Hier und Jetzt. Schliesslich bin ich unten in der Ranft angekommen, ganz in der Stille. Ich verweile bei dem Ein und Aus des Atems und geniesse die frisch gewonnene Offenheit.

Wenn ich nach diesem kleinen Aussfug dann meine Aufmerksamkeit wieder auf den kommenden Arbeitstag richte, hat sich manches von selbst sortiert: Der Kommentator in mir ist stiller geworden. Emotionen sind verflogen, und ich kann in grösserer Freiheit die anstehenden Aufgaben gewichten. Und irgendwo tief in mir drin haben sich auch ein oder zwei Lösungsansätze formiert. Führen aus der Stille heraus – mich und auch andere – bedeutet zunächst einmal, selbst still zu werden, um wieder ganz Auge und Ohr zu sein. Um zu erfahren, wie es um meine eigene Stille bestellt ist, kann ich beim nächsten Gespräch einmal beobachten, ob es mir möglich ist, meinem Gegenüber wirklich zuzuhören. Oder werde ich schon längst wieder dabei sein, meine Antwort zu formulieren, obwohl der andere noch nicht einmal zu Ende gesprochen hat?

Kurse im Lassalle-Haus*
• Freundschaft durch alle Hindernisse
Tagung zu vier eindrücklichen Brückenbauern
10.–12. März., Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr.
Der italienische Jesuit Paolo Dall’Oglio, im Sommer 2014 vom IS verschleppt, ist bis heute verschollen – sein Lebenswerk aber ist unzerstörbar. Der Jesuit Christian Rutishauser führt durch die Tagung und zu drei weiteren faszinierenden Brückenbauern: Hugo Lassalle, Henri le Saux und Daniel Rufeisen. Die vier haben keine Hindernisse gescheut, um Menschen welcher Couleur auch immer zusammenzubringen – und dienen als grosse Vorbilder in unruhiger Zeit.
• Exerzitien mit Film
Mit Kinofilmen zu tiefen Einsichten
24.–26. März., Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr.
Ignatianische Exerzitien einmal ganz anders und mit einem Kafka-Zitat als Kurstitel: «Im Kino gewesen. Geweint.» Die beiden Jesuiten Christof Wolf und Franz-Xaver Hiestand leiten an zu einem Wochenende mit Kinofilmen, Schweigen und tiefen Einsichten.
• Zen-Tage mit ehemaligem US-Soldat im Vietnamkrieg
Ein ehemaliger Vietnamsoldat lehrt den Frieden in uns
28. April bis 2. Mai., Freitag 18.30 bis Dienstag 13.30 Uhr.
Er war Kommandant einer US-Kampfhelikopterstaffel im Vietnamkrieg und hat einen langen Weg hinter sich: Claude AnShin Thomas lädt ein zu Zen-Tagen mit dem Titel «Frieden lieben – Krieg hassen». Der Vortrag am 28.4.2017 ist öffentlich (19 Uhr, Eintritt frei, Kollekte).
• Infos und Anmeldung: Telefon 041 757 14 14, www.lassalle-haus.org

*Das Lassalle-Haus in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht. Für «natürlich» schreiben der Jesuit Tobias Karcher und die Pfarrerin Noa Zenger abwechselnd die Kolumne Gedankensplitter.

Bruder Klaus wirkt noch lange nach an diesem Tag. Er ist nicht nur ein Mythos, sondern eine historische Persönlichkeit. Er muss ein aussergewöhnlicher Mensch gewesen sein mit Stärken und Schwächen, Ehemann von Dorothee Wyss, Vater von zehn Kindern, erfolgreich in Beruf und Gesellschaft. Und dann, mit 50 Jahren, lässt er alles hinter sich, regelt den Nachlass, übergibt den Hof an zwei Söhne – die Familie soll mit dem Weggang einverstanden gewesen sein. Und steigt hinunter in dieses steile Tobel, betet, fastet, meditiert bis zu seinem Tod. Das ist die eine Seite. Die andere: Der Einsiedler im Ranft empfängt mehr und mehr Besucher. Politiker, Fromme, Neugierige. Aus Nah und Fern reisen Menschen an, lassen sich von ihm beraten und trösten. Niklaus von Flüe gehört zu den identitätstiftenden Leitfiguren der Schweiz. Er steht für echte Begegnung. Hat er nicht auch mir an diesem Nachmittag seine ganze Aufmerksamkeit geschenkt – durch all die Jahrhunderte hindurch?❞

Zur Person
Tobias Karcher (54) ist Jesuit und Direktor des Lassalle- Hauses Bad Schönbrunn, Bildungszentrum der Jesuiten in Edlibach im Kanton Zug.


Fotos: zvg

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Hallo Käfer

Der Juni ist für Remo Vetter der Gartenmonat der kleinen Dinge und Helfer:...

Kategorie:

Kategorie: Leben

Heilende Spritzen

Bei der Neuraltherapie werden Schmerzpatienten lokal wirkende Betäubungsmittel...