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Wegweiser der Gefühle

Kategorie: Leben
 Ausgabe_03/2017 - 01.03.2017

Text:  Rita Torcasso

Die Nase ist unser ältestes und wohl das wichtigste Sinnesorgan überhaupt. Denn Düfte wecken Erinnerungen, bringen Menschen zusammen und wirken heilend. Doch Düfte können auch manipulieren und schaden.

@ Rahel Blaser

«Die Seele aller Wesen ist ihr Duft», schrieb Patrik Süskind in seinem Roman «Das Parfüm», der weltweit 20 Millionen Mal verkauft wurde. Im Zentrum des Bestsellers steht ein Mann ohne Eigengeruch, aber mit einer aussergewöhnlich feinen Nase. Er entwickelt aus Düften von Frauen ein betörendes Parfüm, das Menschen in einen Liebeswahn stürzt. 14 Frauen und auch er selbst müssen für dieses Parfüm sterben.

Süskinds Zitat führt als Leitmotiv durch die Ausstellung «Schnuppernase» im Kulturama in Zürich. An 100 Düften lässt sich hier das ganze Panoptikum des Geruchssinns erschnuppern: Wohlriechendes und Verdorbenes, der Duft der Armut ebenso wie jener der Verführung.

Surtipps
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Sendung rund ums Riechen, Planet Wissen WDR
Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit
Parfüm-Manufakturen
Art of Scent, Brigitte Witschi
Tauer, Andy Tauer
Natürliche ätherische Öle: Farfalla
Museen

• Museum internationale de la Parfumerie

Museum Osmothèque

Von unangenehm bis lustvoll. Der Geruchssinn ist ein faszinierendes System von 350 Geruchsrezeptoren, die nicht nur in der Nase sitzen, sondern auch in der Haut, im Darm, in der Niere und in Spermien. Ein gesunder Mensch kann rund 10 000 Gerüche unterscheiden – wenn er mit offener Nase durch die Welt geht. Duftsignale gehen direkt ins limbische System, wo Emotionen und Triebe gelenkt werden. «Der Mensch riecht Riechbares nicht, ohne ein Gefühl des Unangenehmen oder Lustvollen zu empfinden», wusste bereits der griechische Philosoph Aristoteles. Geruch spielt also für unsere Entscheidungen eine grosse Rolle.

Viele Redewendungen drücken die Verbindung zwischen. Nase und Gefühlen aus: Wenn einem die Nase des andern nicht passt, will man ihn nicht akzeptieren; hat man die Nase gestrichen voll, sollte man eine Auszeit nehmen; wir stecken überall die Nase hinein, wenn wir neugierig sind; wer den Braten riecht, meint damit eine Vorahnung; und Beziehungen funktionieren gut, wenn man sich riechen kann. Tatsächlich entscheidet die Nase über Anziehung respektive Abneigung, über Sympathie oder Antipathie. Der Grund: Pheromone in unserem Schweiss enthalten Sexuallockstoffe, die dafür sorgen, dass bei der Partnerwahl der «fremdeste» Geruch gewinnt, um vielfältiges Genmaterial für die Nachkommen zu sichern. Der Geruch ist auch die stärkste – und früheste – Bindungskraft zwischen Mutter und Kind: Der Embryo kann ab dem vierten Schwangerschaftsmonat Gerüche speichern.

Vom Riechen und vom Duften
Ausstellung: «Schnuppernase. Eine Ausstellung in 100 Gerüchen, Kulturama Zürich, bis 6. August 2017. Infos unter: www.kulturama.ch

Die Faszination der Parfümkunst. Düfte faszinieren seit Tausenden von Jahren. Die alten Ägypter setzten sie für kultische Handlungen ein und gaben Mumien Duftessenzen mit in die Gruft. Im Christentum galten betörende Düfte als verwerflich. Andererseits schrieb man Düften auch eine Schutzfunktion zu. Deshalb trugen die Pestdoktoren Duftfläschchen am Gürtel, um sich vor Ansteckung zu schützen.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts begann sich der Parfümhandel zu entwickeln. Rund um die Welt gibt es heute etwa 600 Parfumeure, die ihre Nase der Duftindustrie zur Verfügung stellen. Für ihre Mischungen stehen ihnen gegen 200 natürliche und Tausende von synthetisch hergestellten Düften zur Verfügung. Es ist ein schwieriges Business: Im Markt setzen sich von allen Neukreationen nur etwa drei Prozent durch.

Weil Parfüm etwas sehr Persönliches ist, sind kleine Manufakturen wieder im Aufwind, zum Beispiel «Art of scent» in Bern. Brigitte Witschi hat das Duftatelier vor einem Jahr eröffnet. «Mit meinen Düften erzähle ich Geschichten», sagt sie. Und: «Ein Parfüm soll Dufterinnerungen wecken.» Witschis erste Kreationen waren Berglandschaften gewidmet und tragen Namen wie Enzian, Edelweiss oder Silberdistel. Es brauche Leidenschaft, sehr viel Training und auch handwerkliches Können für diese Arbeit, erzählt sie. «Mich fasziniert daran das Alchimistische.»

Ein Parfüm besteht immer aus drei Teilen: Kopfnote, Herznote und Basisnote. Die Kopfnote ist der Duft, den man sofort wahrnimmt und der nach etwa 20 Minunten verduftet; die Herznote ist auch nach Stunden noch riechbar; und auf der Basisnote baut der Duft auf. Bei «Art of Scent» kann man sich selber Parfüms mischen. «Aus Düften in 30 neutralen Glasphiolen kreieren Kunden ihr eigenes, ganz persönliches Parfüm nur mithilfe ihrer Nase», erklärt Witschi. Die Resultate seien zuweilen erstaunlich. So habe kürzlich eine Frau zum zweiten Mal ihr eigenes kreiert – und wieder genau dieselbe Rezeptur gemischt.

Düfte wirken – so oder so!
Düfte haben eine grosse Macht, das wussten fast alle Kulturen. Getrocknete Pflanzen, Gräser, Harze, Früchte und Rinden wurden geräuchert zur Reinigung, als Opfer für die Götter und zur Behandlung von Krankheiten. Als Aromatherapie wiederum bezeichnet man die Anwendung ätherischer Öle als Medikament oder zur Steigerung des Wohlbefindens. Cineol, aus Eucalyptus gewonnen, wirkt belebend und hustenlösend, Lavendel gleicht Stimmungsschwankungen aus und kann gegen Schlaflosigkeit wirken, Jasminblüte weckt Zuneigung, Sandelholz wirkt antibakteriell und gegen Entzündungen, Angelikawurzel vertreibt Ängste. Je nach Gebrauch unterstehen ätherische Öle dem Heilmittel- oder dem Lebensmittelgesetz. Denn mit synthetischen und natürlichen Duftstoffen ist Vorsicht geboten: Sie können Hautallergien oder Atembeschwerden hervorrufen. 26 Duftmoleküle gelten heute als allergen und müssen deklariert werden. Dazu gehören Duftstoffe von zwei Moosen sowie blumige und zitronige Düfte wie Lyral, Geraniol oder Citronellal. Als gefährlich gelten chemische Moschusverbindungen, weil sie sich im Fettgewebe anreichern.

Wenn der Duft zur Qual wird. Düfte verwöhnen und bezaubern. Sie können aber auch zur Qual werden. «Ich finde die Dauerbeduftung schrecklich. Die Nervenenden in der Nase senden so ununterbrochen Signale ins Gehirn», sagt Brigitte Witschi. Oft sei man sich gar nicht bewusst, wie diese Signale uns manipulieren. Als Beispiel nennt sie eine Kleiderkette, die nicht nur die Räume sondern auch die Kleider bedufte. «So entsteht eine Bindung, denn der Duft verteilt sich zu Hause und wirkt beim nächsten Besuch im Laden vertraut.»

Doch nicht nur Läden nutzen Düfte, sie werden auch in Spitälern, Büros und Schulen eingesetzt – zur Beruhigung oder Konzentrationsförderung. Die «Dauerbeduftung» hat Folgen: Man nimmt an, dass 2 bis 3 Prozent der Menschen Duftallergien entwickelt haben.

Seit 35 Jahren beschäftigt sich Jean-Claude Richard mit Düften. Zusammen mit Jugendfreunden gründete der Aromatologe 1982 «Farfalla», ein Pionierunternehmen für natürliche ätherische Öle aus biologischem Anbau. «Unsere Aromaöle werden auch zum Heilen in Spitälern und Kliniken eingesetzt», sagt Richard.

Natürliche ätherische Düfte sind ein kostbares Gut: für 1 Kilogramm braucht man zum Beispiel 8000 Kilo Melisse, 4000 Kilo Rosenblätter oder 150 Kilo Lavendel. Mit Kursen sensibilisiert «Farfalla» für einen nasen- und umweltschonenden Gebrauch von Düften. Denn die Dosierung macht auch die Wirkung, wie Richard sagt: «Oft ist weniger mehr.»

Die tägliche Überflutung besonders mit synthetischen Duftmolekülenberge berge die Gefahr, dass sich der Geruchssinn verändere und abstumpfe, ist Richard überzeugt. «Jeder Duft wird im Gehirn in einer Art Duftbibliothek gespeichert und mit den bestehenden Düften abgeglichen», erklärt er. Tests zeigten, dass junge Menschen zum Beispiel den natürlichen Geruch von Erdbeeren nicht mehr riechen könnten, weil sie sich an den intensiveren chemischen Erdbeerduft gewöhnt hätten. Eine Forderung der Duftforschung lautet deshalb, dass man Kindern die Möglichkeit geben soll, sich natürliche Düfte einzuprägen und ihnen beibringt, wie man das natürliche Original von der synthetischen Kopie unterscheiden kann.

Buchtipps
• Hanns Hatt, Regine Dee «Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken», Knaus, 2012, Fr. 23.90
• Ingrid Kleindienst-John «Vom Zauber des Duftes: Parfum selber machen», Freya, 2016, Fr. 23.90
• Susanne Fischer-Rizzi «Himmlische Düfte: Das grosse Buch der Aroma therapie», AT Verlag, 2011, Fr. 43.90

  Illustrationen: Rahel Blaser

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