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In der Stille liegt grosse Kraft

Kategorie: Leben
 Ausgabe_12/2016 - 01.12.2016

Text:  Tobias Karcher

«Wenn es nur einmal so ganz stille wäre. Wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte . . .»

@ zvg

So beginnt ein Gedicht von Rainer Maria Rilke im Stunden-Buch, seiner berühmten Gedichtsammlung. Geschrieben hat der damals 24-Jährige die Zeilen 1899 – sie treffen auch heute noch mitten ins Herz.

Vielleicht wächst unsere Sehnsucht nach Stille gerade in diesen Tagen, wo wir auf der einen Seite dabei sind, noch vor Ausklang des Jahres wichtige Aufgaben abzuschliessen und Belastendes zu bereinigen. Hinzu kommen die Vorbereitungen für die Feiertage. Tage mit der Familie, mit Freunden, vielleicht liegen auch ein paar Tage Urlaub drin. Jetzt nur nicht so hochtourig fahren, dass wir an den lang ersehnten freien Tagen zunächst noch eine Grippe auskurieren müssen. Die Kunst wäre, wenn uns ein «gleitender Übergang» gelänge. Aber wie? Und wenn wir versuchten, gerade mitten im Trubel der Vorweihnachtszeit Momente der Stille und Einsamkeit zu leben, sie fest in unseren Alltag einzubauen, Momente, die eine Strahlkraft haben hinein in die hektischen vorweihnachtlichen Umtriebe?

Für mich ergeben sich solch kostbare Zeitinseln am Ende des Tages: noch etwas Musik, der Blick aus dem Fenster, ein Spaziergang durch Wiesen und Felder in Bad Schönbrunn, über mir der Sternenhimmel. Dann die Rückschau auf den vergangenen Tag, nicht mit der Frage: Was ist alles liegen geblieben? Vielmehr: Was ist mir gelungen? Was ist mir geschenkt worden an diesem Tag? Für was bin ich dankbar? Das hilft mir, aus dem Kreis des Machens auszubrechen und offen zu werden für die andere Dimension des Lebens, für das Beschenktwerden, für die positiven Erfahrungen – oft schimmern sie nur in Augenblicken durch. Aktiv unsere Tage zu gestalten, aber auch empfangend anzunehmen, was uns das Leben schenkt: Beides gehört zu unserem Leben wie die zwei Seiten einer Medaille. In der Regel realisieren wir nur die eine Seite, sind ganz im Tun, im Agieren und Reagieren. Erst die Stille öffnet uns die Augen für das grosse Ganze.

Kurse im Lassalle-Haus
• Weihnachten feiern mit Tobias Karcher und Noa Zenger
23.– 27. Dezember, Freitag, 18.30 bis Dienstag, 9 Uhr.
Heimat und Fremde – Werke von Künstlern und Musikern, Schriftstellern und Philosophen begleiten die Kursteilnehmenden durch die Weihnachtstage.
• Richtig Fasten zu Beginn des neuen Jahres
8.–15. Januar 2017, Sonntag 17 bis Sonntag  9 Uhr.
Medizinisch richtig, sozial engagiert, spirituell motiviert – beim Fasten wächst die Verbundenheit mit den Menschen und der Natur – mit der Luft, die wir atmen, mit dem Wasser, das wir trinken, mit der Erde, die uns trägt und ernährt.
• Kindliche Spiritualität: Spiritual Care in der Pädiatrie
19. Jauar 2017, Donnerstag  9 –17 Uhr.
Kindliche Spiritualität ist so vielfältig wie jene von Erwachsenen. Sie zu erkennen und zu verstehen ermöglicht es, in existenziellen Situationen offen und mutig darauf einzugehen und sie als Ressourcen für den Heilungsprozess zu nutzen.
• Standortbestimmung mit Lukas Niederberger
20.– 22. Januar 2017, Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr.
«Was will ich – was ist wichtig?» Blick zurück und nach vorne mit dem Ziel, den inneren und äusseren Kompass neu auszurichten.
• Mehr Infos und Anmeldung unter Telefon 041 757 14 14, infowhatever@lassalle-haus.org, www.lassalle-haus.org

Das Lassalle-Haus in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht. Für «natürlich» schreiben der Jesuit Tobias Karcher und die Pfarrerin Noa Zenger abwechselnd die Kolumne «Gedankensplitter».

Wir Menschen sind Individuen und Sozialwesen. Genauso wie für uns lebendige Beziehungen wichtig sind, braucht jede und jeder von uns Raum für sich zum Alleinsein, zur Stille. In unserem Lassalle-Haus haben wir all unser Tun in den letzten Monaten unter zwei schlichte Worte gestellt: Stille bewegt. Ein Nomen, ein Verb, auf den ersten Blick widersprüchlich und doch eng verbunden. Sie bringen auf den Punkt, worum es uns schon immer ging in Bad Schönbrunn: In der Stille liegt grosse Kraft, die uns ein bewusstes Wirken in der Welt ermöglicht. Und was empfiehlt uns Rilke in seinem Gedicht? – «... wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, mich nicht so sehr verhinderte am Wachen. Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken bis an deinen Rand dich denken und dich besitzen (nur ein Lächeln lang), um dich an alles Leben zu verschenken wie einen Dank».

Zur Person
Tobias Karcher (54) ist Jesuit und Direktor des Lassalle-Hauses Bad Schönbrunn, Bildungszentrum der Jesuiten in Edlibach im Kanton Zug.

Foto: zvg

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