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Gedankensplitter: Die Lust der Seele

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11/2016 - 01.11.2016

Text:  Noa Zenger

Wir Mittelländer kommen auch dieses Jahr nicht drumherum: In keinem anderen Monat darben wir so häufig in einer dicken Nebelsuppe wie im November.

@ zvg

In den Bergen hingegen ist es strahlend schön, nicht selten gar angenehm warm. Ich mag es den Hochländern von Herzen gönnen, sie profitieren von der Inversion, die unsere Landesteile besonders oft im November im Griff hat – Meteorologen könnten das genau erklären, aber darum geht es hier nicht.

Vielmehr will ich mich rüsten, wenn die kalten Nebelschwaden auch meinen dicksten Mantel durchdringen und mir das Gemüt beschlagen. Erst recht, weil oft keine Aussicht besteht, irgendwo eine Gondel zu besteigen und mich aus dem Alltag buchstäblich aufzuseilen. So werde ich auch dieses Jahr zu einem bewährten Mittel greifen – und ein paar Sauna-Abende fest in der Agenda vermerken.

Die Sauna hat ihren Ursprung wohl schon in der Steinzeit. Auch die Römer schätzten das Schwitzbad, ebenso die Russen. Doch erst die Finnen machten die Sauna weltbekannt. Sie war der wärmste, sauberste, ruhigste Platz im Haus und galt als heiliger Ort. Kinder wurden hier geboren, Kranke zur Genesung gebettet – eine Art Apotheke der Armen. Und klar: Wie heute diente die Sauna der Entspannung und Reinigung. Es war der Ort, wo man weder fluchen noch schreien durfte, vielmehr sich «wie in der Kirche benehmen» sollte, wie eine alte finnische Redensart besagt. Welch schöne Vorstellung! Während ich so weitersinne, spüre ich förmlich die Wärme, die tief in die Knochen dringt. Der Puls steigt, der Körper sammelt sich auf geheime Weise, ebenso der Geist. Ein Zeitfenster tut sich auf – zwei Stunden in der Sauna sind für mich das Minimum. Unverplanbar, wunderbar.

Oft schon habe ich dabei die Erfahrung gemacht: Je absichtsloser ich mich dem Ablauf von Hitze, Kälte und Ruhe unterziehe, umso klarer steigen Gedanken und Ideen auf und kristallisieren sich zu Handlungssträngen. Oft bin ich ihnen auch tatsächlich gefolgt. So habe ich etwa eine verlockende gesellschaftliche Einladung ausgeschlagen und mich dafür mit einer Freundin getroffen, für die ich schon lange nicht mehr ausgiebig Zeit hatte. Auch schon sind mir in der Sauna Anfänge zu Predigten, erhellende Einsichten zu komplexen Situationen zugefallen; oder einfache, banale Entschlüsse wie diesen oder jenen Schuh nicht oder erst recht zu kaufen. Entscheide ich auch bei kleinen Dingen bewusst, gehe ich definitiv leichtfüssiger durchs Leben.

Zur Person
Noa Zenger (41) ist reformierte Pfarrerin. Sie wohnt und arbeitet im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, dem Bildungszentrum der Jesuiten in Edlibach ZG.

Wenn sich doch bald ein dicker, kalter Nebel über dem Mittelland festklammern würde und ich so richtig in der Sauna abtauchen könnte! Sagte nicht schon die grosse Mystikerin Teresa von Ávila vor mehr als 500 Jahren: «Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.»

Kurse im Lassalle-Haus
• Zen-Einführung mit Marcel Steiner und Johanna Rütschi (9. bis 11. Dezember, Freitag 18 bis Sonntag 13 Uhr): Stille und Einkehr auf einem spirituellen, östlichen Weg.
• Shibashi Qi-Gong mit Barbara Lehner (9. bis 11. Dezember, Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr): Shibashi ist Meditation in Bewegung, harmonisiert den Qi-Fluss im Körper, beruhigt, zentriert und weitet Geist und Seele.
• Weihnachten feiern mit Tobias Karcher und Noa Zenger (23. bis 27. Dezember, Freitag 18.30 bis Dienstag 9 Uhr): Heimat und Fremde – Werke von Künstlern und Musikern, Schriftsteller und Philosophen begleiten die Kurs teilnehmenden durch die Weihnachtstage.
• Standortbestimmung mit Lukas Niederberger (20. Januar bis 22. Januar 2017, Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr) «Was will ich – was ist wichtig ?» Blick zurück und nach vorne mit dem Ziel, den inneren und äusseren Kompass neu auszurichten.
• Mehr Infos und Anmeldung unter Telefon 041 757 14 14, info@lassalle-haus.org, www.lassalle-haus.org

Das Lassalle-Haus in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht. Für «natürlich» schreiben der Jesuit Tobias Karcher und die Pfarrerin Noa Zenger abwechselnd die Kolumne «Gedankensplitter».

Foto: zvg

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