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Richter, Henker und das Kreuz

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11/2016 - 01.11.2016

Text:  Thomas Widmer

Wanderkolumnist Thomas Widmer macht sich Gedanken über Gipfelkreuze – und jene, die sie freveln.

@ Pascal Meier, Illustration: Matthias Kuert

«Kreuzmordrätsel.» So elegant übertitelte unlängst eine deutsche Zeitung ihren Bericht über seltsame Vorgänge in den bayerischen Alpen. Ein Unbekannter hatte die Axt an mehrere Gipfelkreuze gelegt. Wer und warum : unklar. Ein Einzelfall ist das nicht. Vor Jahren attackierte ein Greyerzer Bergführer drei Gipfelkreuze, weil er fand, dass Kreuze auf Bergen fehl am Platz seien. Er kassierte eine bedingte Geldstrafe.

In Oregon zog der Duckbill,
eine pilzförmige Felsformation, viele Leute an. Bis vor Kurzem. Dann tauchte auf Youtube ein Handy lmchen auf : Es zeigt drei Leute, die unter Gejohle den Millionen Jahre alten Stein kippen. Er zerschellt am Boden. Der Duckbill ist – einverstanden − kein Symbol, schon gar kein religiöses. Und doch sind beide Arten von Vorfällen geprägt durch dieselbe krude Gewalt gegen Dinge. Etwas ist lange da. Und dann ist es schnell weg durch das Handeln einzelner oder ganz weniger Menschen.

Beispiele gefällig? Die Sowjets degradierten ehrwürdige Kirchen zu Hallenbädern ; in der Reformation wurden Heiligenstatuen aus den Kirchen geschleift und zertrümmert; die turmhohen Felsnischen von Bamiyan in Afghanistan sind leer, seit die Taliban die Buddha-Statuen sprengten.

Solche Zerstörer, ob gestern oder heute, handeln aus Hass und ihr Tun tut anderen weh. Dass das Vorgehen in der Regel von langer Hand geplant ist, macht alles noch schlimmer. Wer ernennt diese Zerstörer zu Richtern und Henkern? Wenn man konsequent kaputtmacht, was einen stört, so führt das ins Chaos.

Zurück zu den Gipfelkreuzen. Gipfelkreuze sind eine vieldeutige Sache. Sicher, sie kommen aus dem christlichen Glauben. Sie setzen aber auch ganz allgemein menschlich ein Zeichen des Guten auf einen exponierten Punkt. Mir als Bergwanderer sagen sie : Du bist jetzt oben. Wir hoffen, dass dich eine Kraft auch beim Abstieg schützt!

Vor Kurzem berichteten die Medien über einen Appenzeller Künstler. Er hatte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf dem Berg Freiheit im Alpstein einen riesigen Halbmond platziert. Gipfelkreuze störten ihn als Atheisten, sagte er. Seltsame Logik. Der Halbmond ist das Zeichen des Islams, und auch der Islam ist eine Religion.

Es gibt Leute, die lehnen einen zentralen Bereich unserer Kultur – das Christentum − und dessen Zeichen – das Kreuz − radikal ab. Dabei haben Kultur und Zeichen viel mit uns zu tun – ja, sie machen uns aus, im Guten wie im Schlechten. So erinnert das Kreuz an die Kreuzzüge ebenso wie an die Friedensbotschaft des Evangeliums. Jedenfalls aber gehört das Kreuz als christliches Symbol zu unserer Geschichte. Wer sind wir, wenn wir sie entfernen? Identitätslose Niemande! 

Zur Person
Thomas Widmer (53) schreibt im «Tages-Anzeiger» die Wanderkolumne «Zu Fuss».

Foto: Pascal Meier, Illustration: Matthias Kuert

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