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Bye-bye AKW!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11/2016 - 01.11.2016

Am 27. November kann die Schweiz – können wir – Geschichte schreiben. Weichen stellen, die Einfluss haben auf das Leben unserer Kinder und Enkel und deren Kinder und Enkel.

@ Cornelia Hesse-Honegger, Metropolico.org / flickr / cc, zvg

Wir können Ja sagen zur Volksinitiative für einen geordneten Atomausstieg. Wird die Initiative angenommen, müssen die AKW Beznau und Mühleberg – die ältesten der Welt – innert Jahresfrist abgestellt werden; die AKW Gösgen und Leibstadt 2024 respektive 2029. Wir müssten vorübergehend mehr Strom aus dem Ausland beziehen (dafür kein Uran mehr importieren). Mittelfristig kann sich die Schweiz aber selber mit Energie versorgen. Der Bundesrat schätzt die Kosten für die Energiewende auf 200 Milliarden Franken. Die würden überwiegend ins heimische Gewerbe fliessen, nicht wie die 12 Milliarden, die wir Jahr für Jahr für Öl, Gas und Uran ausgeben. Auch das schön färberisch «Restrisiko» genannte Damoklesschwert, das über uns allen schwebt, wäre endlich gebannt. Es ist Zeit, die gefährlichen und teuren Meiler abzustellen, bevor uns einer um die Ohren fliegt. Sonst kommt es womöglich, wie es der wunderbar renitente Lothar Dombrowski prophezeit.

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Das Ende der Hominidenplage von Georg Schramm alias Lothar Dombrowski

tschernobyl – da war doch was.
nur eine schneeflocke,
die der nuklearen eiszeit vorauseilte.
bophal – nie was von gesehen.
nur finsternis in 100 000 inderköpfen.
vivian und wiebke – nie gehört.
nur ein hauch des windes, der zu neuen ufern führt.
der nächste krieg – weiss nicht, wann.
nur vertagt, bis die hungrigen kinder des islam ihn
führen können gegen den ungeist der moderne.
die uhren der vierten dimension stehen bereits auf fünf
nach zwölf. allein die endliche lichtgeschwindigkeit gewährt
uns noch aufschub. aber wenn uns die zeit erreicht,
werden wir nicht einmal als farbenspiel einer
supernova die galaxis erfreuen.
denn die büchse der pandora steht schon überall und
sie ist spaltbreit offen.
zurückbleiben werden müllhalden, abschussrampen
und kernkraftwerke
– als kathedralen des hasses und der sachzwänge einer
untergegangenen epoche
– als letzte metastasen des fortschritts-krebses
– als wegweiser für den zug der sechs milliarden aufrechten
lemminge zu den klippen.
unser gleichzeitiges ersaufen würde den meeresspiegel
noch nicht einmal um einen tausendstel millimeter anheben.
vor 50 jahren töteten kz-ärzte im namen der wissenschaft
unzählige frauen beim üben einer neuen methode
der schnell-sterilisation. sie landeten nicht auf
dem elektrischen stuhl, sie landeten auf dem lehrstuhl
westdeutscher universitäten, und die von ihnen entnommenen
organe sind noch heute im handel.
heute lassen sie abtreibung verbieten als menschenverachtung,
züchten gleichzeitig hirnlose embryonen als
lebende ersatzteillager und testen synthetische cholera
als b-waffe in den krankenhäusern von armenvierteln.
das sind die bausteine eures fortschritts.
aber es gibt einen trost:
dieser seuche kann eine ära aufblühenden erdenlebens
folgen, in der kellerasseln und tausendfüssler als
hyperintelligente gattungen herrschen werden
– über myraden von einzellern,
– umgeben von endlosen algen- und  echtenwäldern,
– in palästen aus witterungsbeständigen plastiktüten,
– und endlich ungestört durch die irrtümlich homo sapiens
genannte art.
und im olymp der entwicklungsgeschichte werden
krebs und hiv höchstes ansehen geniessen als helden
im abwehrkampf gegen die hominidenplage für eine
befreite natur.
und sollte jemals in den annalen des universums unser
kurzes gastspiel erwähnt werden, dann bleiben von uns
vielleicht fünf zeilen übrig:
mensch, eine art, die sich selbst die denkende nannte.
entwickelte ein hoch differenziertes zentralnervensystem,
ohne die daraus resultierenden fähigkeiten arterhaltend
nutzen zu können, und verschwand durch selbstzerstörung
ihrer genstruktur zugunsten anpassungsfähiger kleinstlebewesen.

Aus dem Buch «Lassen Sie es mich so sagen –
Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit», Blessing, 2007.

Bürgerinitiative
Obwohl die AKW-Inhaber per Gesetz verpflichtet sind, für Schäden durch einen Atomunfall vollumfänglich aufzukommen, sind Land und Gebäude nur im Promillebereich versichert. Der Privatbankrott wäre bei einem GAU sicher. Eine Bürgerinitiative fordert Immobilienbesitzer auf, von den AKW-Inhabern eine Schuldanerkennung einzufordern. Falls keine positive Antwort zurückkomme, könne man das Risiko nur minimieren, indem man am 27. November Ja sagt zur Atomausstiegsinitiative. Schuldanerkennung und Briefvorlage zum Downloaden auf www.versicherungsluecke.ch

Wissenskunst
Seit 30 Jahren dokumentiert die wissenschaftliche Zeichnerin Cornelia Hesse-Honegger morphologische Missbildungen von Insekten. Demnach kommt es in Regionen mit erhöhter Strahlenbelastung öfters zu Fehlbildungen. 2015 wurde Hesse-Honegger mit dem Nuclear Free Future Award 2015 für die Kategorie Aufklärung ausgezeichnet. «Es hängt von uns allen ab, wie die Geschichte ausgeht», schreibt sie in ihrem aufrüttelnden Buch, das sie allen widmet, «die die Machenschaften der Atomindustrie nicht widerspruchslos hinnehmen».

Cornelia Hesse-Honegger: «Die Macht der schwachen Strahlung – Was uns die Atomindustrie verschweigt», 2016, edition Zeitpunkt, Fr. 29.–

Willkürliche Grenzwerte
Wie gefährlich Strahlung ist, definiert die Internationale Strahlenschutzkommission ICPR, ein privates Gremium, das niemandem Rechenschaft ablegen muss. Zusammen mit der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA legt es die Grenzwertempfehlungen fest, die von den meisten Ländern übernommen werden, auch von der Schweiz. Unabhängige Wissenschaftler kritisieren diese Praxis. Gemäss Europäischem Komitee für Strahlenrisiken ECRR werden die Folgen von niedriger
ionisierender Strahlung systematisch verharmlost. «Die vorgeschlagene Strahlendosis ist viel zu hoch», schreiben auch die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz in der aktuellen Ausgabe ihrer Fachzeitung «oekoskop».

Der Autor
Georg Schramm ist einer der bissigsten und erfolgreichsten politischen Kabarettisten Deutschlands. Er wurde mit nahezu allen namhaften Kabarettpreisen des deutschsprachigen Raums ausgezeichnet, darunter der Deutsche Kleinkunstpreis, der Salzburger Stier und der Schweizer Kabarettpreis Cornichon.

Illustrationen: Cornelia Hesse-Honegger, Fotos: Metropolico.org / flickr / cc, zvg

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