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Kategorie: Leben
 Ausgabe_11/2016 - 01.11.2016

Text:  Rita Torcasso

Ins Blaue fahren! Das stellt man sich wunderbar vor. Nur: Wo ist es denn, dieses Blaue? Und was hat es mit der Farbe auf sich? Eine Spurensuche im Orient.

@ Rita Torcasso, zvg

Auf unserer Fahrt ins Blaue spüren wir dem mystischen Blau nach, denn Blau ist mehr als eine Farbe. Die Reise beginnt in Andalusien in der Provinz Granada. Die gleichnamige Hauptstadt war das letzte Emirat, das die Christen im 15. Jahrhundert nach 700 Jahren muslimischer Herrschaft zurückerobert haben. Wir besuchen die mächtige Palastanlage Alhambra auf dem Sabikah-Hügel. Sie gilt als eine der schönsten Beispiele des maurischen Stils der islamischen Kunst und ist seit 1984 Weltkulturerbe. Besonders beeindruckend sind die grossen blauen Bögen mit den filigranen Kachelmosaiken – wie aus Tausendundeiner Nacht.

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Solche Mosaikmeisterwerke werden wir noch viele sehen auf unserer Reise, die uns von Cordoba nach Marokko in die Königsstadt Fès führt, deren ältester Teil, Fès el Bali, im neunten Jahrhundert von Flüchtlingen aus Cordoba gegründet wurde. Heute wird Fès als «Blaue Stadt Marokkos» bezeichnet. Wegen ihres Wahrzeichens, dem Bab Boujloud, dem Haupteingang zur Medina von Fès el babi. Der Bab Boujloud ist allerdings nur aussen blau; innen ist er grün. Zudem wurde das Tor erst 1913 blau und grün gefliesst.

Sterben zur blauen Stunde. Wir fahren weiter durch die Wüstenlandschaft Marokkos. Nirgendwo ist das Himmelblau intensiver als in der Wüste. Wo kaum eine andere Farbe das Auge ablenkt, leuchtet der Himmel, und man weiss, die Etymologie stimmt: Das Wort «blau» stammt vom althochdeutschen Blao ab, und Blao ist auf die indogermanische Wurzel bhel zurückzuführen, was glänzen, scheinen, leuchten bedeutet. Wüstenhimmelblau! Wer hier die «blaue Stunde» erlebt, kann nachvollziehen, wieso Fata Morganas Durstige in den Tod locken können – der Horizont: ein blau-silbern schimmernder See.

Wir lassen die Wüste hinter uns, fahren in grüne Berge zur «Blauen Stadt» Chefchaouen im Norden Marokkos. Vom Hügel schweift der Blick über die Stadt: ein Häusermeer in allen Farbschattierungen von Blau. Gebaut wurde die Stadt vom Führer Moulay Ali Ben Rachid El Alami, als die aus Andalusien vertriebenen Muslime und Juden im rauen Rifgebirge Zuflucht fanden. Sie bauten nach dem Vorbild der maurischen Architektur, doch nicht in Weiss, sondern eben in Blau. Über Jahrhunderte galt Chefchaouen als heilige Stadt. Ausländern war der Eintritt verwehrt. Als die Spanier nach fünf Jahre erbittertem Widerstand Chefchaouen 1926 besetzten, sprachen viele Bewohner noch das Kastilisch aus der Zeit der Mauren.

Die Farbe des Orients. Ein Exkurs zum Mythos Blau führt aber nicht nach Mauretanien, sondern nach Ägypten. Hier war Blau die Farbe der Götter und wurde als Symbol des Lebens verwendet. Der Lapislazuli war ein heiliger Stein. Schon 3600 Jahre v. Chr. mischten die alten Ägypter daraus das Pigment Ägyptischblau. Eine ähnliche Formel kannte man in China: die 7000 lebensgrossen Terrakotta-Krieger für das Grab des ersten Kaisers waren blau glasiert. Ein Stadttor von Babylon war mit tiefblauen Fliesen ausgekleidet – Nebukadnezar II hatte es 600 Jahre v. Chr. der Göttin Ischtar geweiht, der Herrscherin des Himmels und der Liebe. Heute kann man es im Pergamon-Museum in Berlin bewundern.

Babylon war vielleicht die erste blaue Stadt überhaupt. Auf dem ganzen Stadtgebiet fand man blaue Fliesen. Heute gilt neben Chefchaouen auch Jodhpur im indischen Rajasthan als alte blaue Stadt. Beide Städte wurden im 15. Jahrhundert gegründet.

Sein blaues Wunder erleben. In vielen Kulturen hat die Farbe Blau eine besondere Stellung. Im alten Ägypten steht Blau für Leben, in China für Unsterblichkeit und in Indien für göttliche Erleuchtung; im Judentum gilt Blau als Gottes- und Glaubensfarbe, in der christlichen Kultur symbolisiert Blau Reinheit und Treue. Früher waren Trauerkleider blau und auch die Leichen wurden blau gekleidet – das sollte Dämonen abhalten. Das englische «blue» bedeutet übrigens auch traurig, trübsinnig und melancholisch. Diese Gefühle fliessen bis heute in den Blues ein.

Das Universalgenie Leonardo da Vinci betrachtete Blau nicht als Farbe, sondern als «optisches Phänomen, in dem sich das Hell des Sonnenlichtes mit dem Schwarz der Weltfinsternis mischt». Von einer zwiespältigen Wahrnehmung der Farbe Blau zeugen viele volkstümliche Redewendungen. Einen «blauen Dunst vormachen» bedeutet täuschen und irreführen. Man lügt das Blaue vom Himmel herunter. Sein blaues Wunder erleben will eigentlich niemand, weil damit eine unangenehme Überraschung gemeint ist. Und wer blau ist oder wem es blau vor Augen wird, dem schwankt der Boden unter den Füssen. Weit zurück reichen Ausdrücke wie der «Blaue Montag», der aus dem Färberhandwerk stammt: Am Sonntag kam die Wolle ins Farbbad der gelben Pflanze Färberwaid; am Montag liess man sie trocknen – und an der Sonne wurde die Wolle blau, ganz ohne Zutun der Färber. Der Blaue Montag ist also ein arbeitsfreier Montag. Den gönnt sich auch, wer montags «blaumacht». Blaumachen steht aber nicht nur für unerlaubtes Fernbleiben von der Arbeit, sondern auch für Müssiggang im Allgemeinen.

Farbe der Sehnsucht. In der Kuppel der Hagia Sophia begegnen sich heute zwei blau-goldene Kulturen: die Madonna in Tiefblau gekleidet und die erste Sure des Korans in Gold auf Blau. In der Malerei wurde Blau über Jahrhunderte für den Mantel der Gottesmutter als Zeichen der Reinheit und Erhabenheit verwendet.

Die Farbe Ultramarin wurde früher aus dem kostbaren Lapislazuli hergestellt. Die Edelsteine wurden über den Hindukusch nach Persien und über das Mittelmeer bis nach Venedig transportiert. Die Bezeichnung Ultramarin bedeutet folgerichtig «von jenseits des Meeres». 1508 beklagte sich der deutsche Maler und Mathematiker Albrecht Dürer über den Preis der Ultramarin-Pigmente. 30 Gramm kosteten 12 Dukaten, das entsprach 42 Gramm Gold. Die würden heute um die 1780 Dollar kosten – ganz schön viel für ein bisschen Farbe. Später wurde der Lapislazuli ersetzt durch das günstigere Mineral Azurit, ein Kupfercarbonat, das schon die alten Ägypter und die Maya kannten. Der pflanzliche Farbstoff Indigo wurde nur in geringer Menge aus Indien importiert. Bei uns wurde er oft ersetzt durch die viel billigere Färberwaid, auch Deutsche Indigo genannt. Im 19. Jahrhundert gelang es dann, Ultramarin und Indigoblau synthetisch herzustellen.

Auf der Schwelle zur modernen Kunst erzeugte Pablo Picasso in der Blauen Periode mit der Farbe eine bedrückende Stimmung; zum Zyklus gehört auch das Bild «Melancholie». Für die Künstlergruppe «Der Blaue Reiter» war Blau Ausdruck des Geistigen. Vassily Kandinsky (1866 –1944) schrieb dazu: «Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schliesslich Übersinnlichem.» Ähnliche Gefühle drückt ein zentrales Symbol der Romantik aus: die Suche nach der «blauen Blume». Sie steht für Sehnsucht und Liebe und für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Die blaue Blume wurde später auch ein Sinnbild der Sehnsucht nach der Ferne und ein Symbol der Wanderschaft. Wenn das nicht passt zu unserer Fahrt ins Blaue!

Tipp
Kadinsky, Marc und der Blaue Reiter, Ausstellung in der Fondation Beyeler, Riehen (BS), bis 22. Januar 2017. www.fondationbeyeler.ch

Fotos: Rita Torcasso, zvg

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