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Gedankensplitter

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10/2016 - 01.10.2016

Text:  Tobias Karcher

Das Leben ordnen.

@ zvg

Auch wenn der Sommer durchaus wechselhaft war, ich habe ihn genossen: die Wanderungen mit Freunden und Geschwistern, das Schwimmen im Zugersee, die stillen Abende auf der Terrasse mit einem Buch und einem Glas Wein. Mit dem Herbst und den kürzer werdenden Tagen muss ich nun den Lebensschwerpunkt wieder ins Innere des Hauses verlegen. Solche Zeiten des Übergangs sind immer auch eine besondere Chance, und ich nütze sie zur grundsätzlichen Frage: Fühle ich mich eigentlich wohl in meinen eigenen vier Wänden?

Mein Blick fällt auf ein Büchlein, das mir ein Mitbruder geschenkt hat: «Magic Cleaning» von Marie Kondo. Als ich es vor anderthalb Jahren erstmals in Händen hielt, war für mich Cleaning, also Aufräumen alles andere als magisch. Unsere Jesuiten-Gemeinschaft war am Zügeln. Das Lassalle-Haus ob Zug, wo wir untergebracht sind und ein Bildungszentrum betreiben, wurde gründlich saniert. Wir mussten raus, fanden Unterschlupf im nahen Kloster Menzingen und zogen im Frühjahr zurück ins frisch renovierte Haus. Ein ganzes Bildungszentrum samt Kurswesen zu zügeln ist kein Sonntagsspaziergang. Wir wählten drei Farben: Rot fürs Wegwerfen, Gelb fürs Einmotten in Lagerräume, Grün für die Kisten nach Menzingen – und hofften, dass keiner die Farben verwechseln würde.

Es kam gut. Was weg musste, ist weg, lässt Raum für Neues. Wegwerfen ist auch für Marie Kondo der wichtigste Schritt. Der zweite: einen festen Aufbewahrungsort bestimmen für jene Dinge, die uns am Herzen liegen. Ich bin noch nicht durch damit und frage mich: Was liegt mir wirklich am Herzen?

Marie Kondos Buch wurde zum Bestseller und ihre Methode ist bestechend einfach. Die Japanerin nimmt der Reihe nach Kleider, Bücher, Dokumente, Kleinkram und schliesslich Erinnerungsstücke unter die Lupe. Immer gilt es, alles auszuräumen, dann Ding um Ding in die Hand zu nehmen und zu fragen: Macht es mich glücklich? Unordnung im Zimmer ist Unordnung im Herzen, weiss die junge Frau (sie ist erst 36). Das Haus aufzuräumen, bedeute das Leben aufzuräumen. Oft beobachte sie, dass Menschen nach Aufräumaktionen auch ihr Berufsleben neu ordnen, ihre Beziehungen vertiefen oder sich gänzlich umorientieren – das konkrete Aufräumen als erster Schritt für Entscheidungen im Leben.

Diese Zeilen verblüffen mich. Die geistlichen Übungen unseres Ordensgründers beginnen mit den Worten «Das Leben ordnen». Auch sie zielen auf ein Mehr an Freiheit und Liebe im Leben. Also ran an den Kleiderschrank. Ich verabschiede mich vom Lumber, der mir lange gute Dienste erwiesen hat, dessen Blau aber verblichen ist. Und ich lege den hellgrauen Merinopullover sorgfältig zurück in den Schrank. Ich trug ihn an der Wiedereröffnungsfeier des Lassalle-Hauses im Mai, er ist mir lieb und teuer. Die Reise durch die Habe wird zum Abenteuer. Sind Sie mit von der Partie?

Kurse im Lassalle-Haus
• Zen-Einführung
mit Hans-Walter Hoppensack (4. bis 6. Nov., Fr. 18 bis So. 13 Uhr): Stille und Einkehr auf einem spirituellen östlichen Weg.
• Zu Fuss ...
mit Noa Zenger und Reto Bühler (11. bis 13. Nov., Fr. 11 bis So. 15 Uhr): Reduktion aufs Wesentliche, Schweigen und Gemeinschaft, Unterwegssein auf Hügel und durch Täler des Zürcher Oberlandes.
• Es führen viele Wege zur Mitte
mit Noa Zenger (5. Nov., Sa. 9.30 bis 16.30 Uhr) Schnuppertag zu den vier spirituellen Übungswegen des Lassalle-Hauses (Exerzitien, Kontemplation, Zen, Yoga).
• Kontemplations-Einführung
mit Simon Peng-Keller (25. bis 27. Nov., Fr. 18.30 bis So. 13.30): Weg zu Vereinfachung des Gebets, Verlangsamung des Lebens, Vertiefung der eigenen Spiritualität.
Mehr Infos und Anmeldung unter Telefon 041 757 14 14, info@lassalle-haus.org, www.lassalle-haus.org

Zur Person
Tobias Karcher (54) ist Jesuit und Direktor des Lassalle- Hauses Bad Schönbrunn, des Bildungszentrums der Jesuiten in Edlibach im Kanton Zug.

Das Lassalle-Haus in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht. Für «natürlich» schreiben der Jesuit Tobias Karcher und die Pfarrerin Noa Zenger abwechselnd die Kolumne «Gedankensplitter».

Foto: zvg

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