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Wir Zeitverdichter

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10/2016 - 01.10.2016

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Wir wohnen intelligent, unzählige Haushaltmaschinen erledigen unsere Arbeit, im Büro hat der Computer alles vereinfacht und beschleunigt. Wer im Stau steht, erleidet einen Zeitverlust, wer schneller am Ziel ist, gewinnt Zeit – und trotzdem fragen wir uns immer wieder: Wo ist nur die Zeit geblieben?

Die Zeit verfliegt im Nu. Offenbar trügt der Glaube daran, dass technischer Fortschritt uns Menschen hilft, frei und selbstbestimmt zu leben. «Schleichend hat sich der Beschleunigungs-Totalitarismus im Laufe des 20. Jahrhunderts und richtig spürbar im Alltag seit den Neunzigerjahren entwickelt», resümiert Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung. «Zeit lässt sich nicht steigern», sagt der Zeitforscher und erklärt: «Soziogisch betrachtet kann man sagen, dass unsere Gesellschaft sich nicht anders stabilisieren kann als durch Steigerung. Das heisst, sie muss permanent wachsen, beschleunigen, Innovationen hervorbringen, damit wir unser Level in der Marktwirtschaft, der Demokratie und unseren Institutionen halten können. Wir können alles Mögliche steigern, Produktion, Kommunikation und so weiter – nur Zeit nicht, die können wir nur verdichten.»

Früher sprachen Bauern übrigens nicht über die Zeit, sondern über das Wetter. In allen romanischen Sprachen sind die Begriffe Wetter und Zeit identisch. In anderen Ländern hat man sich nicht am Wetter, sondern an den Gezeiten orientiert, woraus sich letztendlich der deutsche Begriff «Zeit» ableitet. Das Wort «Zeit» ist dann um 1750 in die Alltagskommunikation als Begriff eingeführt worden – von dem Moment an, als der Mensch die Zeit in die «eigene Hand» genommen hat, nämlich in Form der Zeitmessung.

Doch zurück zu Hartmut Rosa und seiner These, dass der Trend zur Zeitverdichtung zu einem Beschleunigungseffekt führt – und damit zu dem Gefühl, dass Zeit knapp ist. Das Phänomen, warum wir trotz hoher Erlebnisdichte das Gefühl haben, dass die Zeit im Nu vergeht, erklärt der Mitherausgeber der Fachzeitschrift «Time & Society» so: «Uns bleiben nur die Dinge in Erinnerung, die eine Spur hinterlassen, und die sich mit unserer Identität vermischen.» Passiert aber alles immer schnellschnell, so kann keine Gedächtnisspur angelegt werden. Das heisst, viele Tätigkeiten wickeln wir routiniert ab, ohne dass etwas hängen bleibt – ausser das schale Gefühl, die Zeit sei viel zu schnell verflogen. Ein Phänomen, das viele von uns kennen: Wer hatte Ende Jahr nicht schon das Gefühl, dass es doch eben erst begonnen habe.

Früher war das Leben vieler Menschen auf ein gottgefälliges Leben und die Ewigkeit ausgerichtet; heute bestimmen wir unser Leben selbst. Diese Errungenschaft wirft die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Und so führen wir oft einen regelrechten Kampf um ein erfülltes Leben. Eine der (nicht wirklich folgerichtigen) Folgen davon ist, dass wir von einem nie zuvor dagewesenen Güter -und Erlebniswohlstand umgeben sind. Es ist eine Logik des Kapitalismus: Eine Gesellschaft, die viele Güter produziert, muss auch viel konsumieren. Aber nicht nur Materielles wird konsumiert bis zum Gehtnichtmehr, sondern auch Erlebnisse. Dadurch entsteht neben dem Arbeits- auch ein Freizeitstress, denn je mehr Erlebnismöglichkeiten angeboten werden, desto besser müssen wir die zur Verfügung stehende Zeit organisieren. Und das kann absurde, ja kontraproduktive Formen annehmen – denn für die Zeitorganisation müssen wir uns Zeit nehmen, die wir dann andernorts wieder vermissen. Zudem fehlt, wenn wir die Tage verplanen, die Zeit für Spontanes. Und die spontanen Erlebnisse sind doch oft die wertvollsten – die, die Spuren hinterlassen.

Wir sitzen in der Zeitfalle. «Man hat die Zeit gar nicht, – man ist die Zeit», stellt Karlheinz Geissler fest. Seit 30 Jahren beschäftigt sich der deutsche Philosoph und Ökonom mit der Zeit – und lebt seitdem ohne Uhr. «Die Zeit ist das, was das Wasser für die Fische ist. Wir schwimmen darin, wir bewegen uns darin. Wir überlegen uns zwar, wie wir die Zeit neu organisieren können, das unterscheidet uns von den Fischen. Aber letztendlich leben wir in der Zeit – und die Zeit ist nichts anderes als das Leben», philosophiert Geissler.

Auf die Frage, was er von Zeitmanagement hält, antwortet Geissler: «Zeit lässt sich nicht managen. Die Formel ‹Zeitmanagement› setzt voraus, dass sich der Mensch zur Zeit verhält wie zu einem Gegenstand, den er verändern kann. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Mensch ist ein zeitliches Wesen und kann nicht über seine Lebenszeit bestimmen.» Zeitmanagement fördere lediglich die Illusion, dass der Mensch die eigene Endlichkeit überwinden könne. Tatsächlich aber liesse sich in vielen Fällen Zeit dadurch sparen, dass man auf Zeitmanagement verzichtet. Als Mitinitiator und Leiter des Projektes «Ökologie der Zeit» der Evangelischen Akademie Tutzing im Freistaat Bayern rät Karlheinz Geissler: «Zeitrituale können helfen, denn sie entlasten vom Zwang zur Zeitorganisation. In Zukunft werden die Flexiblen Karriere machen und nicht die Pünktlichen.»

Wir bremsen uns selber aus. Paul Virilio ist ein zeitgenössischer französischer Philosoph und Er nder der «Dromologie», der «Logik des Laufs». Er hat verschiedene Theorien entwickelt, welchen Einfluss Tempo und Geschwindigkeit auf unseren Alltag und auf gesellschaftliche Entwicklungen haben. Eine davon ist das Paradox vom «dromologischen Stillstand». Dazu ein plausibles Beispiel: Immer mehr Menschen haben ein Auto. Sie sind damit mobiler als je zuvor und wären eigentlich auch schneller – stünden sie nicht immer im Stau, der entsteht, weil immer mehr Menschen ein Auto haben.

Bei allem Fortschrittsdenken und technologischen Errungenschaften geht schnell vergessen, dass der Mensch Teil der Natur ist. Und in der Natur gilt nicht «die Zeit», sondern der Rhythmus: alles kehrt wieder, aber mit Abweichungen, so wie unser variierender Herzschlag. Die Uhrzeit hingegen schlägt immer gleich. Wenn wir alles minutiös verplanen, ist dies also wider unsere eigene Natur. Und das geht auf Dauer fast immer zu Lasten unserer Gesundheit.

Bücher über die Zeit
• Karlheinz und Jonas Geissler: «Time is honey – vom klugen Umgang mit der Zeit», Verlag Oekom 2015, Fr. 24.50
• Hartmut Rosa: «Beschleunigung – die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne», Verlag Suhrkamp 2012, Fr. 29.90
• Hartmut Rosa: «Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung», Verlag Suhrkamp 2013, Fr. 26.90
• Paul Virilio: «Rasender Stillstand», Verlag Fischer 2008, Fr. 13.50
Link
Lust, Zeit mit Surfen zu verbringen? Auf der Website des «timesandmore – Institut für Zeitberatung» von Karlheinz Geissler gibt es viel zu entdecken zum Thema Zeit. www.timesandmore.com

Foto: fotolia.com

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