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(K-)ein Ende in Sicht?

Kategorie: Leben
 Ausgabe 09/2016 - 01.09.2016

Text:  Martin Arnold

Die Energiebranche steht unter starkem wirtschaftlichen Druck. Das hilft alternativen Anbietern und schafft beängstigende Situationen in den Atomkraftwerken.

@ istockphoto.com

Die Wahrheit ist manchmal subjektiv. Besonders deutlich wird das bei der Atomkraft. Diese Energiequelle polarisiert. Sie macht Gegner und Befürworter zu Ideologen und wirft Fragen nach der Beherrschbarkeit grosstechnischer Anlagen auf. Gerade in der aktuellen Energiestrategie 2050, bei der es auch um Atomkraft geht, wird klar, dass es dazu kaum eine Objektivität gibt.

Angst auf allen Seiten. Aber es gibt viele Wahrheiten: die absolute, die relativierende, die wahrhaftige und die gelogene Wahrheit. Absolut ist an der Atomkraft eigentlich nur ihre ungeheure Energie und die Tatsache, dass der Mensch damit Kräfte weckt, die er über Jahrhunderttausende im Griff behalten muss. Alles andere wird sehr schnell relativ. Lebendig bleiben Versprechen und Hoffnungen: Das Automobil wurde den Menschen als Instrument zur Erfüllung des eigenen Freiheitsdrangs präsentiert. Und zum grossen Teil erfüllte es dieses Versprechen auch. Heute kann aber die durchschnittliche Geschwindigkeit des mobilen Autoverkehrs in manchen Ballungsgebieten nicht einmal mehr mit den Fahrrädern mithalten. Auch bei der Kernenergie haben wir es mit einer Reihe von Versprechen und noch grösseren Schwierigkeiten zu tun. Das zentrale Versprechen ist, einen gewichtigen Beitrag zur Lösung der Energieprobleme zu leisten. Davon sind heute noch viele Kernkraftwerk-Befürworter überzeugt. Zerstören die Gegner der Kernenergie mit ihrem Widerstand also mögliche Chancen, die sie bietet? Beispielsweise die Entwicklung neuer, sogenannter Mini-Atommeiler? Oder ist es umgekehrt: Blockieren nicht jene, die an der Kernenergie festhalten, neue Wege?

Die Energieversorgung ist eine innovative Branche in wirtschaftlicher Bedrängnis, hochpolitisch und mit einem grossen Potenzial für emotionale Diskussionen ausgestattet. Das trifft in zugespitzter Form auch auf die Kernenergie zu. Ein Blick auf die Gefahren, die technische Möglichkeiten, auf die wirtschaftliche Bedeutung, die Kosten und die ethische Dimension wegen der Langlebigkeit der radioaktiven Abfälle zeigt: Das Thema Kernenergie ist vielschichtig. Und auf allen Ebenen spielt die Angst mit. Während die einen das grosse Lichterlöschen befürchten, ängstigen sich andere vor dem Gau.

Wirtschaft wächst, Stromverbrauch nicht.
Wer also über Kernenergie mitdiskutieren will, muss etwas genauer auf die Argumente eingehen. Zum Beispiel auf jenes, dass die Wirtschaft nicht wachsen könne, wenn die Energieproduktion nicht mitwächst. Das stimmte noch vor 20 Jahren. In vielen Ländern aber entkoppelt sich nun das Wirtschaftswachstum vom Stromverbrauch. Die Wirtschaft wächst, ohne dass mehr Strom konsumiert wird. Das sieht man am Beispiel Deutschlands. Dort ist das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2003 und 2013 um 10 Prozent gestiegen, der Stromverbrauch aber sogar gesunken. Das führt zum nächsten Problem. Es betrifft die ganze Energiebranche, besonders aber die Kernenergie. Die zivile Nutzung der Kernenergie wurde von Anfang an politisch gelenkt und vom Staat unterstützt. Selbst Wirtschaftsliberalen erschien der freie Markt von Anfang an eine zu feindliche Umwelt für Kernkraftwerke. Die Staatskrücken tragen Kernkraftwerke von der Planung bis zum Endlager – und selbst bei einem Unfall müsste die Öffentlichkeit gerade stehen. Anderseits war es auch der öffentlichen Hand als Besitzerin der Atomkraftwerke recht, günstigen Strom zu beziehen und Überschüsse zu kassieren. Inzwischen ist die Kernenergie aus verschiedenen Gründen immer weniger konkurrenzfähig. Die Reaktorunfälle von Tschernobyl und Fukushima, die ja für unmöglich gehalten wurden, führten zu neuen Sicherheitsvorschriften. Inzwischen müssen Kernkraftwerke in der Schweiz Erdbeben standhalten, die alle 10 000 Jahre einmal vorkommen können. Allerdings ist kaum anzunehmen, dass der Untergrund im Fall eines Erdbebens die Schweizerische Atomaufsicht fragt, wie stark er rütteln darf.

Nicht finanzierbar. Gleichzeitig hat sich der Neubau eines Kernkraftwerkes in Europa zu einem wahren Husarenritt entwickelt. Die besten Beispiele dafür sind die Reaktorblöcke in Flamanville in der Normandie und in Olkiluoto in Finnland. Bei beiden Neubauprojekten steuert das ursprüngliche Budget der Vervierfachung entgegen und beträgt bald um die zehn Milliarden Euro. Die Bauverzögerung in Finnland nähert sich zehn Jahren. Erschreckend aber ist, dass auch immer wieder massive Baumängel auftreten. Umgekehrt entwickeln sich die erneuerbaren Energien: Die Produktion eines Kilowatt wird ständig billiger, egal ob eine staatliche Unterstützung besteht oder nicht. Das deutsche Fraunhofer-Institut prognostiziert in einer Studie eine Reduktion des Kilowattpreises von durchschnittlich 25 Prozent bei Biogas, Photovoltaik und Windenergie bis ins Jahr 2030. Das Argument, Ökostrom könne nicht in ausreichenden Mengen produziert werden, um unsere Nachfrage zu stillen, verliert seine Kraft. Länder wie Spanien oder Deutschland beweisen das Gegenteil. Deshalb steigt Deutschland auch aus der Kernenergie aus. Im Gegensatz dazu haben Frankreich, die USA oder die Schweiz Laufzeitbeschränkungen teilweise aufgehoben. Der frühere deutsche Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktor sicherheit, der Grüne Jürgen Trittin war überrascht, wie schnell und in welch grosser Menge in Deutschland erneuerbar produziert werden kann.

Ungelöst: die Endlagerung. Ähnlich wird es jenen Regionen ergehen, die dereinst ein Endlager beherbergen werden müssen. Dem direktdemokratischen Prozess ist die Auswahl des Standortes entzogen. Es ist nachvollziehbar, dass für diese schwierige Entscheidung einzig geologische Kriterien ausschlaggebend sind. Und ein Urnengang, der die Standortwahl bestimmt sanktionieren wird, denn in allen anderen Regionen werden die Menschen froh sein, dass sie den Müll nicht beherbergen müssen.

Die Betroffenen werden dafür finanziell entschädigt. Es gibt weltweit kein betriebsbereites Endlager für hochradioaktive Abfälle. Bis die Tore eines Endlagers geschlossen werden, vergehen in der Schweiz nach heutigem Konzept 150 Jahre. Wenn wir 150 Jahre zurück rechnen, wären vor uns zwei Weltkriege. Der deutsche Philosoph Robert Spaemann sagt: «Alle bekannten Zivilisationen sind nur wenige Tausend Jahre alt. Wie können wir erwarten, dass Menschen in 10 000 oder mehr Jahren wissen, was wir ihnen mitteilen wollen, wenn wir ein Endlager kennzeichnen? Ich staune über die Naivität, daran zu glauben, dass dies möglich ist.» 

Buchtipp
Das Buch «Die strahlende Wahrheit. Vom Wesen der Atomkraft» der beiden Journalisten Martin Arnold und Urs Fitze ist ein facettenreiches Werk zum Thema Atomstrom und Endlagerung, inklusive vielen Grafiken und einem ausführlichen Glossar. Zu beziehen für Fr. 36.–, Verlag rüffer & rub

Fotos: Martin Arnold, zvg, istockphoto.com

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