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Keine leichte Aufgabe

Kategorie: Leben
 Ausgabe 09/2016 - 01.09.2016

Text:  Martin Arnold

Mit einer Patientenverfügung hilft man nicht nur sich selbst, man entlastet auch seine Mitmenschen und die verantwortlichen Ärzte.

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Angehörige längst Verstorbener verspüren heute noch manchmal Trauer, Schmerz und Wut beim Gedanken an die Hilflosigkeit des todkranken Patienten, um dessen Leben die Ärzte um jeden Preis kämpften. So mancher stellte sich danach die bange Frage: Wollte sich hier jemand auf Kosten eines Leidenden profilieren? Tempi passati: Das neue Erwachsenenschutzrecht löste im Jahr 2013 das 100 Jahre alte Vormundschaftsrecht ab. Es läutete ein neues Kapitel der Patientenrechte ein. Dazu gehört eine rechtsverbindliche Patientenverfügung. Sie entlastet auch die Ärzte, die sich nun ganz auf die Medizin und den Wunsch der Patientin oder des Patienten konzentrieren können. Dennoch haben laut einer Studie aus dem Jahr 2010 der Universität Zürich lediglich 17 Prozent der Schweizer eine Patientenverfügung. Bei den über 70-jährigen sind es immerhin fast doppelt so viele, rund 33 Prozent.

Beratung hilft. Eine Patientenverfügung kann schriftlich und frei auf Papier formuliert sein. Sie braucht nur ein Datum und eine Unterschrift. Es gibt viele Organisationen, die Patientenverfügungen als Formulare im Internet anbieten und beim Verfassen einer solchen beratend zur Seite stehen. Wichtig ist, dass das Papier unterschieben und hinterlegt ist. Einen Hinweis auf diese Verfügung beziehungsweise, wo sie zu finden ist, trägt man idealerweise im Portemonnaie bei sich. Wer seine Verfügung online hinterlegt, wie das beispielsweise die Patientenorganisation PV24 (www.pv24.ch) anbietet, bekommt eine Karte mit einem Passwort, damit der behandelnde Arzt im Notfall sofort online auf die Informationen zugreifen kann. Wie und wo man seinen Patientenwillen festhält, ist jedem selbst überlassen. Wichtig ist, dass er für medizinisches Personal kurzfristig und jederzeit auffindbar ist.

Die Patientenverfügung sollte einfach formuliert sein. Jeder Mensch ändert im Verlaufe der Zeit seine Haltung zum Leben und zu Krankheiten. Deshalb sollte man den Inhalt periodisch überdenken, allenfalls anpassen und neu unterzeichnen. Je kürzer die Unterzeichnung der Patientenverfügung zurückliegt, desto eher kann der Arzt davon ausgehen, dass dort der tatsächliche Wille des Patienten formuliert ist.

Was ist Lebensqualität? Die Patientenverfügung der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft (FMH) beispielsweise stellt gleich zu Beginn die entscheidenden Fragen. In welcher Situation ist die Patientenverfügung anwendbar? Wie ist meine persönliche Wertehaltung? Dadurch soll das Medizinpersonal möglichst genau erfahren, welche konkrete Situation jemanden dazu veranlasst hat, seinen Willen zu formulieren. Wer beim Verfassen unsicher ist, sollte sich beraten lassen. Das kann man beispielsweise bei den lokalen Sektionen des Schweizerischen Roten Kreuzes. Hubert Kausch ist im Kanton Zürich verantwortlich für Patientenverfügungen. Wenn Frauen oder Männer zu ihm in die Beratung kommen oder er zu ihnen nach Hause geht, sind sie meistens über 55 Jahre alt. Neben der Wertehaltung geht es im Beratungsgespräch laut Kausch auch um verschiedene, skizzierte Szenarien. Dabei sollte der Verfasser einer Patientenverfügung – ob zu Hause, in einem Workshop oder bei einer Beratung – möglichst Situationen schildern oder beantworten, wo ein Ende der lebensverlängernden Massnahmen angezeigt wäre. Dabei spielt die Definition des Begriffs Lebensqualität eine zentrale Rolle. Es geht um die Frage, wie viele Einschränkungen nach einer bestimmten Behandlung in Kauf genommen würden. Doch eines ist klar: «Eine Verfügung wird nicht in Kraft treten, wenn die Ärzte eine Wiederherstellung der Lebensqualität prognostizieren», erklärt Kausch. Eine Beratung ermöglicht meist, mehr Aspekte auszuleuchten, als dies jemand kann, der die Patientenverfügung alleine ausfüllt. Hubert Kausch: «Je klarer die Verfügung formuliert ist, desto sicherer ist das medizinische Personal in seiner Arbeit.» Wenn aus dem Beratungsgespräch eine Verfügung entsteht, wird sie
beim Roten Kreuz zusätzlich von einem Arzt kontrolliert. «Widersprüchlichkeiten oder unklare Formulierungen präzisieren wir mit dem Betreffenden, bevor sie hinterlegt wird», erklärt Kausch.

Angst vor Demenz. Seit zehn Jahren erlebt er zunehmend, dass eine häufig genannte Angst jene vor Demenz ist. «Viele fürchten sich vor einer Situation, in der sie selber ihren Zustand nicht mehr reflektieren können, und möchten sich dann ihren Angehörigen und Bekannten nicht mehr zumuten», erzählt Kausch. Menschen mit beginnender Demenz sollten deshalb sofort eine Verfügung schreiben. Denn ist die Demenz da, kann keine Patientenverfügung mehr geschrieben oder verändert werden. Sie bleibt dann gültig, auch wenn sie schon älter ist. Eine Patientenverfügung ist aber kein Exit light. Mit anderen Worten: Ein Arzt darf dann nicht aktiv Sterbehilfe leisten, sondern allenfalls dem Willen Folge leisten, nicht alles zu tun, um das Leben zu erhalten. Wenn also jemand verfügt hat, dass er bei einer Lungenentzündung beispielsweise kein Antibiotikum möchte, dann wird sich der Arzt daran halten. Das könnte dann eben allenfalls den Tod beschleunigen. Mit Demenz kann jemand aber jahrelang leben, ohne dass die Patientenverfügung zum Tragen kommt, weil die Person nicht krank wird.

Bei Pro Senectute ist die Patientenverfügung teil des Dokupasses, der eine Reihe anderer Dokumente enthält, die in der letzten Lebensphase wichtig sein könnten, so auch das Testament oder Anweisungen für den Todesfall. Lukas Loher, Leiter Sozialberatung von Pro Senectute, erklärt, dass es für die Patientenverfügung kostenlose Infoveranstaltungen, Einzelgespräche oder auch Workshops gebe. Das Angebot variiert je nach Kanton. Wenn jemand bereits eine tödliche Krankheit mit einem bekannten Ablauf hat, kann zudem eine Verfügung im Rahmen von Advance Care Planning noch wesentlich differenzierter ausfallen.

Anbieter und Kosten
• Bei PV24.ch kostet die Hinterlegung 24 Franken pro Jahr. Das Rote Kreuz verlangt eine einmalige Gebühr von 120 Franken. Wer sich vorher beraten lässt, bezahlt 190 Franken. Bei Pro Senectute kostet die Patientenverfügung 10 Franken, der im Text erwähnte Dokupass 19 Franken. Ein Beratungsgespräch ist kostenlos, wenn der Interessent über 65 ist. Es dürfen daraus aber keine Kosten entstehen. Bei der Ärztevereinigung (FMH) kann man die Formulare sowie eine Hinweiskarte für den Aufbewahrungsort der Patientenverfügung kostenlos herunterladen. Die private Hinterlegung oder die Hinterlegung beim Hausarzt ist die kostengünstigste Variante. Manche Hausärzte rechnen den Aufwand dann über die Krankenkasse ab. Wer eine Patientenverfügung verfasst, sollte zudem bedenken, dass sie nur in der Schweiz rechtskräftig ist.
• FMH, Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, Elfenstrasse 18, Postfach, 3000 Bern 15, Telefon 031 359 11 11, www.fmh.ch
• Pro Senectute Schweiz, Lavaterstrasse 60, 8027 Zürich, Telefon 044 283 89 89, www.prosenectute.ch
• Schweizerisches Rotes Kreuz (SRK), Postfach, 3001 Bern, Telefon 031 387 71 11, www.redcross.ch
PV24, Gewerbestrasse 9, 6330 Cham, Telefon Institut Dialog Ethik 0900 418 814 (Festnetz: 2 Fr./Min.), www.pv24.ch

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