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Gutes Qi fürs Haus

Kategorie: Leben
 Ausgabe 09/2016 - 01.09.2016

Text:  Fabrice Müller*

Denken Sie bei Feng-Shui an Glücksentchen, Klangspiele und grüne Wände? Schade, denn die Hintergründe dieser chinesischen Harmonielehre sind vielschichtig und wurzeln in uraltem Wissen über den Menschen und die Natur.

@ istockphoto.com, Illustration: Rahel Blaser

Schicke Hochglanzmagazine, Lifestyle-TV-Sendungen und Ratgeber mit dem Motto «Feng-Shui it yourself!»: Über die chinesische Feng Shui-Lehre wird gerne und immer wieder berichtet. Doch vieles, was in der westlichen Welt für Laien zum Thema zu lesen und zu sehen ist, beschränkt sich auf einfache Rezepte: Schlafen in Richtung Norden, kein Spiegel im Schlafzimmer, ein Glücksbäumchen in die Reichtumsecke, dort zwei Sektgläser in die Beziehungsecke. Und dann ein Klangspiel in die Mitte – und das Feng-Shui stimmt. Aber was genau dahinter steckt, scheint niemanden so recht zu interessieren. Zu komplex? Zu unverständlich? Vielleicht. Wer jedoch Feng-Shui nur auf dieser Ebene wahrnimmt, dem wird sich der tiefere Sinn dieser Harmonielehre nicht erschliessen. Es fehlt das Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen Raum und Mensch, Natur und Kosmos, zwischen dem eigenen Ich und der Welt.

Spüren und wahrnehmen. Um die Hintergründe besser zu verstehen, hilft vorerst eine Klärung des Begriffs Feng-Shui, der – übersetzt – Wind und Wasser bedeutet. Die Chinesen erachten den Wind als jene Energie, die das Wasser zu uns bringt. Ein wütender Sturm indes bringt Zerstörung. Eine Sintflut ertränkt die Äcker. Wind und Wasser lassen aber auch die feinstoffliche Energie Qi sichtbar werden. Mit unseren fünf Sinnen nehmen wir über diese beiden Naturgewalten ansonsten nicht sichtbare Energie wahr: Wir spüren den Wind in unserem Haar, auf unserer Haut. Wir geniessen das Wasser als Element der Reinigung und Erfrischung. Vieles dreht sich im Feng-Shui um diese Qi-Energie, die für unsere Ratio so schwer fassbar ist. Qi ist das zentrale Konzept der traditionellen chinesischen Wissenschaften. Das Schriftzeichen für Qi steht für «Dunstbildung über Reis». Qi kann Atem, Luft, Dampf, Gas, Wetter, aber auch Kraft oder lebenspendendes Prinzip, Einflüsse oder materielle Kraft bedeuten.

Sofort daheim. Doch was haben diese Betrachtungen rund um das Qi mit Wohnen zu tun? Wenn wir aufgrund einer Feng-Shui-Analyse Veränderungen in unserer Wohnung vornehmen, zum Beispiel Wände farbig streichen oder bestimmte Objekte wie Bilder oder Pflanzen aufstellen, geht es unter anderem darum, den Energiefluss im Haus zu lenken, zu prägen, zu stärken. Eines der Ziele ist es, möglichst viel und gutes Qi ins Haus zu holen und durch alle Räume fliessen zu lassen. In Räumen mit gutem Qi halten wir uns gerne und lange auf. Ist kein oder nur wenig Qi da, fühlen wir uns weniger wohl. Die meisten Menschen werden das aus eigener Erfahrung kennen: Es gibt Wohnungen und Orte, wo man sich sofort daheim fühlt und solche, die sich weniger behaglich anfühlen. Man weiss zwar nicht weshalb, aber man spürt es irgendwie.

Erde als Organismus. Ein weiteres Ziel von Feng-Shui ist es, uns die Natur näher zu bringen, den Menschen mit den Kräften und Polaritäten der Natur zu verbinden. Mit den Yin-Qualitäten, die alles Weibliche, Weiche, Ruhige und Aufnehmende vertreten, und den Yang-Qualitäten, die für das männliche Prinzip mit Härte, Schnelligkeit, Helligkeit, Hitze, Trockenheit stehen. Die Erde wird als lebendiger Organismus betrachtet, der pulsiert, sich ausdehnt, zurückzieht – ja sogar Emotionen zeigen kann. Auch wenn wir das kaum so wahrnehmen. Im Jahr 1974 traten der englische Chemiker James Lovelock und die amerikanische Mikrobiologin Lynn Margulis mit ihrer Gaia-Theorie an die Öffentlichkeit. Grundlage ihrer These war – kurz gesagt –, dass unser Planet mit seinen verschiedenen Ökosystemen auf aktive Weise reguliert wird und daher als etwas Lebendiges zu betrachten sei. Feng-Shui ist demnach seit Urzeiten in uns. Menschen und Räume befinden sich in einem Wechselspiel mit der Aussenwelt, der Natur. Die moderne Architektur erreicht diese Harmonie zwischen innen und aussen, zwischen Bauwerk und Umgebung nicht immer. Verloren gegangen ist das Gefühl für Proportionen und landschaftliche Beziehungen. Ganz zu schweigen von Bewusstsein für weiter entferntere Strukturen wie etwa Himmelsrichtungen.

Kraft in den Raum holen. Welche Rolle spielen denn heute noch die Himmelsrichtungen bei der Planung von Häusern? Meist beschränkt sich diese Thematik auf die Frage, wann und wo sich die künftigen Bewohner wie viel Sonnenlicht wünschen. Die Morgensonne in der Küche, die Abendsonne im Wohnzimmer. Solche Fragen sind durchaus berechtigt, doch dabei bleibt es dann meistens auch. Im Feng- Shui indes spielen die Himmelsrichtungen und ihre Qualitäten eine zentrale Rolle. Geprägt vom Lauf der Sonne, von Witterungen, topografischen Faktoren wie auch kulturellen und gesellschaftlichen Aspekten besitzt jede der acht Himmelsrichtungen eine ganz eigene Ausstrahlung und Kraft. Diese Qualitäten können über die Raumgestaltung in den Wohn- oder Arbeitsraum der Menschen geholt werden. Farben zum Beispiel öffnen energetische Portale und holen die Kraft einer Himmelsrichtung in den Raum. Vielleicht braucht es die Impulskraft des Ostens, die Wärme und das Licht des Südens oder die Ruhe des Nordens. Der Osten etwa, dort wo uns die Sonne jeden Morgen den Impuls für einen neuen Tag schenkt, steht im Feng Shui mit Themen wie Dynamik, neue Ideen, Gesundheit und Familie in Verbindung. Oder der Süden, wo die Sonne den Höchststand erreicht und die grösste Lichtmenge auf die Erde schickt, hat einen Bezug zur Thematik Klarheit, Denken, aber auch zu den Augen.

Buchtipps
• Jochen Rubik: «Der gelbe Pfad der Erde», Synergia Verlag
• Manfred Kubny: «Feng Shui: Die Struktur der Welt», Edition Manfred Kubny

Unsere dritte Haut. Der Grundriss einer Wohnung oder eines Hauses zeigt auf, wie das Potenzial der acht Himmelsrichtungen genutzt wird. In unregelmässigen Grundrissen, L-Formen beispielsweise, sind gewisse Himmelsrichtungen oftmals nur schwach oder gar nicht vorhanden. Sie können über den Einsatz der fünf Elemente Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall bearbeitet werden. Die fünf Elemente repräsentieren Materie, Naturerscheinungen und Bewegungen. Man findet sie auch in anderen chinesischen Lebenswissenschaften. Schwachstellen im Grundrissplan einer Wohnung spiegeln sich nicht selten im Leben der Bewohner wider. Denn unsere eigenen vier Wände sind gleichzeitig ein Spiegel unserer Seele. Der Wohnraum wird – nach der physischen und textilen Haut – als unsere dritte Haut bezeichnet. Und wie man weiss, kommt man so leicht nicht aus dieser heraus. Die Wohnung und das Haus sind eng mit unseren innersten Wünschen und Bedürfnissen, aber auch mit unseren Schatten verbunden. Was für den Astrologen das Horoskop ist, das ist für den Feng-Shui-Berater der Wohnungsgrundriss. Im Gespräch mit den Kunden gilt es, ihre Bedürfnisse, Empfindungen und Lebensthemen zu erfassen und diese im Feng-Shui-Konzept zu berücksichtigen. Die Umsetzung der Feng-Shui-Massnahmen liegt bei den Kunden. Durch die Veränderungen in den eigenen vier Wänden verändern sich auch die Menschen. Feng-Shui kann dazu führen, dass bisher blockierte Dinge im Leben wieder in Fluss kommen, dass sich Türen öffnen und das Zuhause zu einem persönlichen Ort der Kraft wird. Doch Vorsicht: Nur ein Drittel unseres Glücks wird vom Umfeld beeinflusst. Für die anderen beiden Drittel sind der «Himmel» und wir Menschen als Individuen selber verantwortlich. 

Fabrice Müller* arbeitet als Journalist sowie als dipl. Feng Shui-Berater INFIS und Geomant. www.raum-und-sein.ch

Fotos: istockphoto.com, Illustration: Rahel Blaser

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