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War der Sommer früher länger?

Kategorie: Leben
 Ausgabe_07/08_2016 - 01.07.2016

Text:  Thomas Widmer

Tja, im mittleren Alter, da packt es fast jeden und jede. Auch Thomas Widmer. Ein bisschen melancholisch schaut er zurück auf die lang währenden Sommer seiner Jugend.

Ja, ich weiss. Rudi Carrell sang in den Siebzigerjahren «Wann wirds mal wieder richtig Sommer?» Und doch! In meiner Erinnerung, die gewiss mehr zählt als Fakten, hatte der Sommer früher mehr Ausdehnung und Macht. Auch wenn ihm in manchen Jahren der Regen zusetzte.

In der Regel war der Sommer meiner ländlichen Kindheit ein grosser Regent. In den meisten Jahren focht kein Usurpator seine Herrschaft an. Zog er triumphal ins Land ein, machte das alle froh. Uns Kinder vor allem.

Der Sommer von damals fiel oft zusammen mit dem Beginn der Schulferien. Plötzlich dieses wilde Gefühl: Der Kalender ist ausser Kraft. Eine Fläche von unverplanten Tagen und Wochen erstreckt sich vor dir bis zum Horizont des Herbstes. Und der ist weit, weit weg. Das Gefühl riecht nach frischem Heu und dem Chlorwasser des Freibades Waldstatt. Dort gab es am Kiosk Raketenglace.

Man verzeihe die offene Melancholie. Aber ist es nicht das, was das Menschenleben, vor allem das fortgeschrittene, am meisten bestimmt: die Erinnerung? Das Zurückdenken. Die Suche nach der verlorenen Zeit, um Prousts Roman annähernd zu zitieren.

Und diese Zeit floss im Sommer wohltuend langsam. Die Schule war weit weg, der Lehrer vergessen. Wenn man ihn mal sah, dann mit seiner Frau in der Badi. Er hatte dünne Beine, er sah nicht nach Aufgabenverteiler und Putz-bitte-noch-die- Wandtafel-Thomas aus, sondern fischte brav aus der Kühltasche, was ihm seine Frau herauszufischen befahl.

Tom Sawyer und Huckleberry Finn, die ihr Floss zu einer unbewohnten Insel im grossen Fluss steuern und geklaute Maiskolben grillieren – das war für mich Sommer. Die Tage waren lang in unseren Kindersommern. Und die Erwachsenen fern. Die Eltern traf man sporadisch zu den Mahlzeiten.

Der Frühling ist ein sprunghafter Jüngling. Er flackert. Auf den Herbst ist auch nicht wirklich Verlass. Zwar hat er mehr Lebenserfahrung. Aber sein Problem ist, dass er an den Winter grenzt und von diesem bisweilen frühzeitig attackiert wird. Der Winter wiederum: ein grimmiger Zar, in dessen Reich es zu spät hell wird und zu früh eindunkelt.

Wen bevorzuge ich also? Schrieb ich einst an dieser Stelle, es sei der Herbst? Kann nicht sein! Der Sommer ist die beste Erfindung, seit es Jahreszeiten gibt. Bloss eben denke ich, dass er früher länger war. Aber das muss mit meiner Erwachsenenexistenz zu tun haben. Und jetzt fertig nostalgiert, Widmer. Es ist Sommer, und du freust dich darüber. Und jetzt gehst du gleich in die Beiz, setzt dich in den Baumschatten und trinkst ein Glas Sancerre. Ist das nicht schön?

Zur Person
Thomas Widmer (53) schreibt im «Tages-Anzeiger» die Wanderkolumne «Zu Fuss».


Foto: Leo** / flickr / cc

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