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Für eine Zukunft mit Herz

Kategorie: Leben
 Ausgabe_07/08_2016 - 01.07.2016

Text:  Eva Rosenfelder

Eine neue Welt- und Wirtschaftsordnung zum Wohl aller Menschen, Tiere und Pflanzen – das ist kein Ding der Unmöglichkeit. Im Gegenteil: Jeder Einzelne von uns hält die Möglichkeit dazu in der eigenen Hand.

Es ist unübersehbar: Die Meere sind überfischt, die Böden verseucht, die Wälder abgeholzt, die Luft ist verschmutzt. Doch obwohl sich diese Fakten nicht unter den Tisch wischen lassen, mag ein grosser Teil der Gesellschaft die scheinbare Sicherheit des alten Wirtschafts- und Gesellschaftskonzeptes, mit dem es sich doch lange Zeit so gut gelebt hat, noch immer nicht aufgeben.

Schöne neue Welt. Der amerikanische Denker Charles Eisenstein hat mehrere Bücher über unser Wirtschafts- und Geldsystem veröffentlicht. In seinem neusten Werk «Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich» beschreibt er die Durchgangssituation, in der sich die Menschheit heute befindet, und ermutigt zur Neuorientierung, die mit kleinen Schritten, vor allem aber bei jedem einzelnen Menschen beginnt. «Ich bin optimistisch», sagte er an einem Vortrag in Zürich. Und weiter: «Wirkliche Veränderungen geschehen nur durch intensive Prozesse und Krisen. Erst wenn wir fühlen, dass die Dinge falsch laufen, kann das Neue entstehen. Sobald wir unsere Wahrnehmung verändern, verändert sich die Welt. Der Zusammenbruch der alten Strukturen ist nötig, auch auf kollektiver Ebene. Nur so kann das Reich des Möglichen grösser werden und Dinge, die vorher hoffnungslos radikal erschienen, werden plötzlich zu realistischen Lösungen . . . »

Auf Liebe aufgebaut. Um etwas zu verändern, so glauben wir, müssen wir Grosses tun, brauchen Macht, Geld, eine laute Stimme. Doch diese Sicht führt zu Resignation, denn die wenigsten Menschen sind mit diesen Eigenschaften ausgestattet. Eine Logik, die auf derselben Mythologie beruhe, wie jene, welche die Probleme verursache: Die Gewohnheit der Trennung, des Mangels und des Kämpfens sei die Ursache von Macht und Konkurrenz, mit der wir versuchen, Kontrolle zu schaffen, und mit der wir versuchen, die Natur zu beherrschen. Hier bezieht sich Eisenstein auf die morphische Resonanz, nach der alles mit allem verbunden sei, was auch heisse: «Jede noch so kleine positive Veränderung, die geschieht, schafft ein Feld der Veränderung, ein Feld der Freundlichkeit. Jeder Akt der Liebe schafft ein Feld der Liebe. Jede Geschichte über Grosszügigkeit berührt und schafft Grosszügigkeit.» Wir seien keine getrennten Wesen, alles, was auf der Welt geschehe, habe diese kosmische Resonanz: «Die Welt ist intelligent, lebendig, bewusst. Menschen, Tiere, Steine, Pflanzen – alles empfindet. Wir leben in einer Lebenswelt. Es ist Zeit, die Gewohnheit des Kämpfens endlich loszulassen.»

Zum wohl des Ganzen.
Auch die Wirtschaft sollte dem Leben, den Menschen und der Gesellschaft dienen und nicht umgekehrt, ist Christian Felber überzeugt. Als Initiator des Projektes Bank für Gemeinwohl, Entwickler der Gemeinwohlökonomie und als Gründungsmitglied von Attac Österreich (Attac ist eine internationale Bewegung, die sich für eine demokratische und soziale Gestaltung der globalen Wirtschaft einsetzt) weiss Felber, wovon er spricht. Seit jeher schien es ihm absurd, den Erfolg in der Wirtschaft an Zahlen zu messen, statt an der Erreichung des Ziels.

«Das zu erstrebende Ziel ist das Gemeinwohl. Dafür müssen wir die alten, von Profit getriebenen Systeme transformieren.» Wer nur um sein eigenes Wohl und das einer begrenzten Gruppe von Menschen besorgt sei, allenfalls noch um das human-soziale Bewusstsein, denke zu eng. Ziel sei ein ökologisches Bewusstsein, das die Mitwelt, die planetaren Ökosysteme und deren Wahrnehmung mit einschliesse, und zwar bis zur Identifikation. So sehr, dass Umweltzerstörung zur Selbstzerstörung, und Umweltschutz zum Selbstschutz wird. «Es geht darum, die Bedürfnisse aller Lebewesen zu berücksichtigen. Dafür braucht es ökologische Menschenrechte, die nicht nur die Menschen, sondern alle Arten und das Wohl des Planeten miteinbeziehen. Die Welt ist ein Ganzes, untrennbar und schicksalhaft sind wir mit allen anderen dazugehörenden Teilen verbunden», sagt Felber.

Ethik in kleinen Schritten. Das könne aber nicht zentral gesteuert geschehen, ist Christian Felber überzeugt, sondern fein verteilt an tausend Orten: in Form von Unternehmen, Vereinen, Projekten, Schulen, Universitäten, Gemeinden, Personen und Netzwerken. Menschen also, die in ihrem persönlichen Wirkungskreis zur Tat schreiten. «Das kann eine Gemeinwohl-Bilanz für ein Unternehmen sein, ein Unterrichtsprojekt an einer Schule oder die eigene Beteiligung am Prozess in einer Gemeinwohl-Gemeinde.»

Auch in der Wirtschaft müsse es um Werte gehen, die in unseren Herzen sind: Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Gemeinwohl, Lebensqualität. Das sollte sich auch in den Gesetzen widerspiegeln. So sei ethischer Konsum und ethisches Investieren zu fördern durch den Aufbau ethischer Unternehmen. «Man kann zum Beispiel anregen, dass das Unternehmen, in dem man arbeitet, neben der Finanzbilanz auch eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt – also angibt, inwiefern es die Grundwerte gegenüber Mitarbeitern, Zulieferern und anderen Berührungsgruppen umsetzt», sagt Felber. Eine konkrete Idee dazu sei, dass die ethische Leistung des Unternehmens auf allen Produkten sichtbar gemacht wird, in jedem Fall müssten ethischere Unternehmen rechtlich bessergestellt werden durch geringere Steuern, Zölle oder bessere Kreditkonditionen. So werden Preise für ethische Produkte günstiger als für unethische – was ganz im Gegensatz zur heutigen Wirkungsweise globaler Märkte und der freien Marktwirtschaft steht. Rein individuelles Gemeinwohlverhalten sei jedoch zu wenig, wenn die rechtlichen Spielregeln in die entgegengesetzte Richtung wirkten. Deshalb sei die demokratische Gestaltung des Rechtsrahmens für die Wirtschaft der höchste Ausdruck kollektiver Freiheit, meint Felber.

Buchtipps
• Charles Eisenstein: «Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich», Scorpio Verlag, Fr. 25.50
• Christian Felber: «50 Vorschläge für eine gerechtere Welt», Deuticke Verlag, Fr. 26.90
• Christoph Pfluger: «Das nächste Geld», edition Zeitpunkt, Fr. 23.–

Es braucht gute Chefs. Das jesuitisch geprägte aber insgesamt überkonfessionell arbeitende Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn (siehe«natürlich» 05-16) richtet sein Weiterbildungsprogramm, das eine Ethik aus ganzheitlicher Sicht vertritt, genau aus diesem Grund gezielt an Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik und anderen Bereichen der Gesellschaft. «Um nachhaltiger denken und neue Ressourcen erschliessen zu können, sind Kreativität und Fantasie nötig sowie ein Horizont, der über die nächsten vier Jahre hinausreicht», sagt Niklaus Brantschen, Gründer und langjähriger Leiter des Lassalle-Hauses. Man möchte bewusst Führungskräfte in ihrer mentalen, emotionalen und spirituellen Intelligenz ansprechen und fördern.

«Zuerst ist die Einsicht nötig, dass alles mit allem verbunden ist», so Brantschen, «nur wer diese Erfahrung von Einheit gemacht hat, ist bereit, anders zu wirtschaften.» Ein Wirtschaften, das den Menschen und der Umwelt diene und der Nachwelt nicht schade: «Ohne ethisches Verhalten werden wir vor die Hunde gehen – ob als Individuen oder als Gesellschaft: die Ressourcen gehen zu Ende. Das zeigt sich sowohl beim Einzelnen – etwa durch zunehmende Burn-outs – wie auch auf unserem Raumschiff Erde.»

Links für eine bessere Welt
www.christianfelber.at
www.lassalle-haus.org
www.walkout.ch
www.integrale-politik.ch
www.generation-grundeinkommen.ch
www.ecogood.org
www.vollgeld-initiative.ch

Illustrationen: Lina Hodel, Fotos: istockphoto.com

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